"David und Jonathan". Foto: A. Nes

Ganz unten, aber in Hochglanz

Abraham als Penner, Hagar als Bettlerin

 

Adi Nes hat schon viel abgeräumt. Galerien, Stiftungen und Ministerien haben den israelischen Fotografen mit ihren Preisen überschüttet und bei einer Versteigerung israelischer Kunst im New Yorker Auktionshaus Sotheby's wurde neulich eines seiner Bilder verkauft - mit 264,000 Dollar so teuer wie noch nie ein Photo zuvor. Eine ironische Hommage an Leonardo Da Vincis letztes Abendmahl, die israelische Soldaten den Jüngern Jesu gleich an einer wackeligen Tafel in einem ziemlich kargen Raum zeigt. Zwar sind statt 13 da 14 Personen versammelt, doch das mag Absicht sein. Denn Nes' kennt die Bibel, er beleiht sie ständig, so auch die klassische Mythologie und die großen Meister der Renaissance und des Barock - Caravaggio, Rubens, Rembrandt. Er bedient sich aus dem Ikonologiebestand der gesamten Kunstgeschichte und überträgt all dies in gestellten Bildern auf die israelische Gegenwart.

So auch im neuen 14-bildrigen Zyklus «Biblical Stories». Als Obdachlose, Bettler und Straßenkinder heute zeigt Adi Nes Figuren aus der Bibel, gerade als sie sich am Tiefpunkt eines scheinbar nutz- und aussichtslosen Lebens befinden: Kain beim Brudermord, die verstoßene Hagar, Noah nach dem Suff und nackt. Ruth & Naomi klauben essbare Überreste eines Tagesmarktes von der Straße. Ein Bild für Solidarität in Armut, von der auch das biblische «Buch der Ruth» erzählt. Mit dem Satz «Wo du hingehst, will auch ich hingehen.» folgte sie nach dem Tod ihres Mannes ihrer verwitweten Schwiegermutter. Jonathan liegt als verwundeter Hooligan in den Armen Davids. Nes verheimlicht kaum den homoerotischen Aspekt der Beziehungsgeschichte vom kleinen Helden David und dem Königssohn. On Jonathan und David ein homosexuelles Paar oder lediglich in platonischer Freundschaft verbunden waren - darüber streitet die Fachwelt bis heute. Jonathan zumindest verliebt sich in David, als dieser nach seinem Sieg über Goliath vor König Saul tritt. Diesem sind die Neigungen seines Sohnes suspekt, er möchte David loswerden. Der versteckt sich mit Hilfe Jonathans und muss schließlich fliehen. Lieber als den Zeitpunkt der Rückkehr und der Versöhnung mit dem König, wählt Nes für die Photographie den Moment der Unsicherheit, vielleicht der Verzweiflung.

Foto: A. Nes

Der obdachlose Abraham schiebt seinen Sohn Isaac in einem Einkaufswagen voller Plastikflaschen und -abfall. Das Photo bezieht sich auf Duane Hansons Skulptur «Supermarkt Shopper» von 1970 - im Kontrast. Hanson zeigte eine übergewichtige Frau hinter einem mit Lebensmitteln bepackten Einkaufswagen. Sie trägt Lockenwickler unter einer Haube und aufwändig lackierte Fingernägel, ein kosmetischer Aufwand am Rande der Lächerlichkeit. Die ganze Figur ein Manifest des Konsums. Nes' Abraham dagegen soll dessen Opfer darstellen. Für das Bild hat sich der Photograph vom italienischen Barockmeister Caravaggio inspirieren lassen. Anders als dieser porträtiert er den jugendlichen Isaac ruhig auf dem Einkaufswagen liegend, als habe er ein unausweichliches Schicksal akzeptiert. Verglichen mit den Altersangaben der Bibel sind beide jung. Als Abraham auf seinem dreitägigen Weg zur Opferstätte auf dem Berg Moriah aufbrach, soll er, je nach Zählung, 125 oder 137 Jahre alt und Isaac ein junger Mann von 25 beziehungsweise 37 gewesen sein. Authenzität jedoch ist nicht das Entscheidende bei Adi Nes.

Der Zyklus «Biblical Stories», Frucht einer vierjährigen Arbeit, soll zeigen, wie tief die israelische Gesellschaft gesunken ist, so sagt der Pressetext zur Ausstellungseröffnung. Von einer sorgenden, vielleicht utopischen Gesellschaft voller Ideale und Gleichheit habe sie sich in eine kapitalistische, entfremdende und okkupierende Gesellschaft mit großen sozialen Gegensätzen entwickelt. Durch die identitätslosen Vagabunden in Bibelmotiven kontrastiere der Fotograf Nes die harte Alltagswirklichkeit Israels mit dem Mythos des auserwählten Volkes - das wirft kein gutes Licht auf das Volk mit der über zweitausend Jahre alten Geschichte. Imageschädlich für vergangene Ruhmeszeiten sei die israelische Gegenwart, so schließen die Ausstellungsmacher. Die Kritikerszene jubelt. «Ein schwuler Jude iranischer Herkunft, aufgewachsen in Israel, dessen inszenierte Fotos den Traum jedes Kunstkritikers wahr werden lassen! Politisch aufgeladen, theoretisch hinterfüttert, mit einer Schnittmenge von Gender, Klasse, Religion und Nationalität, spiegeln Nes' Arbeiten ein absolutes und intuitives Verständnis der universellen politischen Fragen und Komplexität der israelischen Gegenwart wieder.» lobt das amerikanisch-jüdische Online-Magazin tikkun.org. «Einer der beeindruckensten Künstler Israels» stimmt die kunstfördernde Stiftung IcEcxellence ein.

1966 in Kiryat Gat geboren, lebt und arbeitet Adi Nes heute in Tel Aviv. Er absolvierte die Bezalel Akademie für Kunst und Design im Fach Fotografie 1992 und stellt seither in Israel und den Metropolen Europas und des amerikanischen Kontinents aus. Seinen Durchbruch erlebte Nes mit der Serie «Soldiers, 1994-2000». Ähnlich den «Bibelgeschichten» bedient sich Nes aus Bibel und Kunstgeschichte, stellt das erwähnte letzte Abendmahl von Da Vinci nach oder den «Tod Marats» von Jacques-Louis David. Aus der klassischen Mythologie wählte er Narzissus und Sisyphos, aus der Ikonologie die Form der Pieta, daneben ist die Homoerotik in den meisten Bildern ein prägendes Element. Die israelische Macho-Kultur, aber auch die Verletzlichkeit und Einsamkeit des Soldaten wollte Nes nach eigenen Angaben damit zeigen und überhaupt den Soldaten etwas menschlicher machen. Kritikern zufolge reiner Pazifismus. «Nes glaubt, dass die israelische Gesellschaft mit dem Erwachsenwerden auch müder wird - müde des Krieges, der Kämpfe, der endlosen Konflikte. Vielleicht, so meint er, wird die Gesellschaft sich auf andere Dinge konzentrieren, sobald Soldaten und Zivilisten dies realisieren - auf Bildung und Umwelt zum Beispiel, nicht nur in Beziehungen mit den Arabern. Aber auch wenn die Gesellschaft so müde sein sollte, wie die Bilder glauben machen, so ist Nes weit entfernt von der optimistischen Annahme, dass die großen Probleme, die Land und Zukunft betreffen, sich unmittelbar lösen ließen.» schrieb die Financial Times. Mit «Prisoners» schuf Nes 2003 eine weitere, von euphorischen Kritikern theoriebeladen besprochene Serie, die auch im Hochglanzmagazin Vogue erschien. Von Assoziationen der Mode im geschlossenen Raum war da die Rede, vom Bedürfnis des Andersseins unter dem Diktat der Gleichheit. Designermode im Knast - was soll's, mag sich mancher gefragt haben im Zweifel, ob das modebewusste und gutbetuchte Fashionvictim da einen sozialkritischen Aspekt mitgekriegt habe? «Biblical Stories» zumindest lassen keine Skepsis zu fehlender Sozialkritik aufkommen. Den Zyklus präsentiert seit Mitte März der Helena Rubenstein Pavillon des Tel Aviv Museum of Art.

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», April 2007