Ein kleines Wort aus der Nacht

Zum dreißigsten Todestag des Schriftstellers und Essayisten Jean Améry

 

Jean Améry Foto: Klett-Cotta

Sein sehnlichster Wunsch war es, Schriftsteller zu sein. Das Wien der frühen 1930er Jahre ist der Schauplatz seines ersten Romans «Die Schiffbrüchigen ». Noch unter dem Namen Hans Maier geschrieben, entwirft er die Geschichte von Eugen Althager, einem jungen Intellektuellen, der sich mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzieht, das ihm als Maskerade erscheint, hinter dem sich der Verfall der Welt verbirgt. Seine Heimatlosigkeit kann weder durch Flucht in den Ort der Kindheit noch durch Literatur geheilt werden. Zu tief sitzt das Wissen um sein Außenseitersein, auch durch seine jüdische Abstammung, die mit der Errichtung des Austrofaschismus 1934 zum Stigma erhoben wird. Am Ende steht der Tod der Hauptfigur, nach einem Duell mit einem «arischen» Studenten. Der Roman konnte nicht mehr erscheinen. 1938 musste Hans Maier wegen seiner jüdischen Herkunft nach Belgien flüchten, wo er 1943 als Mitglied einer belgisch-deutschen Widerstandsbewegung verhaftet und über Breendonk nach Auschwitz deportiert wurde. Im April 1945 wurde er in Bergen-Belsen befreit und kehrte «mit fünfundvierzig Kilogramm Lebendgewicht» in die Welt zurück, die ihm nach der Erfahrung der Tortur nie wieder wirklich Welt sein konnte.

Brüssel blieb auch nach 1945 sein Wohnort. Die belgische Hauptstadt bot ihm einen neutralen Boden im Gegensatz zum österreichischen Herkunftsland, in dem er Verfolgung, Vertreibung und Ausgrenzung erfahren hatte. Auch der Name sollte nicht mehr an das Kindheits- und Jugendland erinnern, obwohl er im gewählten Anagramm enthalten bleibt - Jean Améry tritt Mitte der fünfziger Jahre an die Stelle von Hans Maier bzw. Mayer. Das Spiel mit dem Namen bestand von Anfang an, der österreichische wurde mal mit i, mal mit y geschrieben. Das Anagramm aber machte ihn bekannt, als er Mitte der sechziger Jahre seine Phänomenologie der Opferexistenz veröffentlichte, den Essayband «Jenseits von Schuld und Sühne». Im Gegensatz zu anderen Überlebensberichten stellte er die philosophische Verarbeitung dessen, was ihm widerfahren war, ins Zentrum. Neben der Schilderung der Tortur und der Frage nach der Bedeutung des Geistes in Auschwitz entwickelte Améry seine eigene Definition des Judeseins. Diesem kann keine positive Bestimmung zugrunde liegen, da er weder ein religiöses noch kulturelles Judentum für sich beanspruchen kann. Allein «die in der Auschwitznummer zusammengefassten Wirklichkeiten und Möglichkeiten » bilden die Grundlage seines Katastrophen- Judeseins. Dabei bekannte er sich zu seinen Ressentiments gegenüber den Tätern und ihren Nachfahren. Er forderte eine Moralisierung der Geschichte, in der allein eine Annäherung zwischen Überwältigten und Überwältigern liegen könne. Er mischte sich in Debatten mit «Generationskameraden » ein, die glaubten anstelle der subjektiven Erfahrungen eine Objektivität der Geschichte setzen zu können. Dies lief Amérys Geschichtsauffassung zuwider, in der der Topos des Selbsterlebten den Ausgangspunkt für seine Reflexionen bildete.

Améry war aber viel mehr als der «Berufs- Auschwitzer» - wie er sich selbst einmal bezeichnete. Er war einer der produktivsten und hellsichtigsten Journalisten und Essayisten der 1960er- und 1970er-Jahre. Er war ein Intellektueller, in dem sich kritische Distanz und scharfsinniger Geist vereinten. Seine Teilnahme an vielen Diskussionsveranstaltungen und unzählige Rundfunkveröffentlichungen stehen für seine Anwesenheit im Literaturbetrieb, das breit gefächerte Spektrum seiner Artikel ließ ihn zu einer der bedeutendsten Stimmen in den gesellschaftlichen Debatten werden. Améry trat auch als Vermittler der französischen Kultur auf, indem er den deutschen Leser nicht nur mit einzelnen philosophischen Strömungen in Frankreich vertraut machte, sondern als einer der ersten Kritik am Strukturalismus übte. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir setzte er in zahlreichen Aufsätzen ein Denkmal. Die Begegnung mit Sartres Existenzialismus Ende der 40er-Jahre ermöglichte Améry einen neuen Lebensentwurf und prägte seine Wahrnehmung von Geschichte und Gesellschaft. Der von Sartre geforderte Dialog zwischen Autor und Leser bildete die Grundlage seiner Literatur. Nicht die ästhetische Qualität stand für ihn im Vordergrund, sondern die Beziehung zwischen einem Werk und seinem Betrachter. Die Liebe zur französischen Sprache und Kultur rückte auch im Schreiben neben das deutsche Wörterland, hier verbanden sich deutsche und französische Idiome, wurden neue Wortschöpfungen aus französischen Vorbildern geschaffen und ganze Sätze im Französischen niedergeschrieben. Dennoch war ihm das deutsche Publikum Adressat seiner Gedankenbewegungen. Besonders die Jugend wollte er erreichen, der er sich als Linker verbunden fühlte und in die er die Hoffnung einer aufrechten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit setzte. Seine Kritik am linken Antizionismus blieb von der Neuen Linken jedoch ungehört.

Die Vermittlung seiner Haltung ist nicht zufällig in Form von Essays entstanden. Die gelebte Erfahrung konnte er in diesem Genre mit dem objektiven Blick des Autors verbinden, aktuelle Debatten ebenso einfließen lassen wie philosophische Überlegungen. Wenn ihm das Etikett des Essayisten auch seine eigentliche Berufung als Schriftsteller zu verstellen schien, war Améry darin wie kein anderer ein Meister seines Faches.

Der Essayist Améry fand auch Eingang in den Schriftsteller. Seine in den siebziger Jahren entstandenen Romane «Lefeu oder der Abbruch» und «Charles Bovary, Landarzt» zeugen von seinem besonderen Schreibstil. Nicht umsonst tragen sie den Zusatz Roman- Essays. Wie sehr der spätere Schriftsteller in dem frühen bereits zu erahnen ist, verdeutlicht der Roman «Die Schiffbrüchigen». Mehr als siebzig Jahre nach seiner Entstehung wurde er 2007 erstmals veröffentlicht. Mit dem Roman und der neunbändigen bei Klett-Cotta erschienenen Werkausgabe ist Améry weiter, wieder und neu zu entdecken.

Am Ende kehrte Améry in sein Herkunftsland zurück. In einem Salzburger Hotel nahm er sich in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1978 das Leben. Er teilt das Todesdatum mit der von ihm geschätzten Dichterin Ingeborg Bachmann, der unbekannten Freundin, der er nie persönlich begegnete. Sie setzte ihm in ihrer Erzählung «Drei Wege zum See» ein Denkmal und brachte ihn in das Bewusstsein der österreichischen Literatur. Améry kehrte auch zu seinem Namen zurück, den Abschiedsbrief hat er mit Hans Maier unterschrieben.

Ulrike Schneider

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008