Buchtipp

«Der Kitharaspieler»

 

Chaim Noll ist mit Ausnahme der frühen Jahre seiner mittlerweile fast 25 Jahre währenden schriftstellerischen Tätigkeit nicht als Romancier aufgefallen. Sein erster Roman nach fast zwei Dekaden ist dazu noch ein historischer und damit Neuland für Noll, der sich in den letzten Jahren zahlreichen Essays vor allem mit der israelischen Gegenwart und dem Verhältnis der Religionen in beschäftigte. Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass er im September dieses Jahres mit «Der Kitharaspieler» ein voluminöses Werk vorgelegt hat, dessen Handlung im ersten Jahrhundert nach Christus spielt. Nach dem zweiten Blick zwischen die Buchdeckel überrascht es schon weniger, denn es geht auch um das Verhältnis zwischen Juden und den ersten Christen im antiken römischen Reich, womit sich Noll seinem Thema diesmal aus historischer Perspektive nähert. Das Manuskript hat mit dem kleinen Berliner «Verbrecher Verlag» einen Verlag gefunden, der dem Autor größtmögliche Freiheit gewährte. Das macht sich an der Anzahl der Seiten, nämlich 815, bemerkbar.

In deren Mittelpunkt steht ein jüdischer Sekretär als Ich-Erzähler, der aus seiner Jugend am kaiserlichen Hof in Rom berichtet. Sieben Jahre lebte er in der näheren Umgebung Kaiser Neros. Als Sohn einer aus dem Sklavenstand Freigelassenen studiert er die hebräischen Schriften und jüdischen Gesetze. Seine große Leidenschaft wird die griechische und römische Literatur; bald verfasst er eigene Texte. Einer davon, eine griechische Ode, entzückt Kaiser Nero derart, dass dieser Lachtränen weint. Nun wird er am Hofe zum Schreiber ausgebildet und erhält die römischen Bürgerrechte. Im Gegenzug verpflichtet er sich, lebenslang im Dienste Neros zu stehen.

Ränkespiele, Intrigen und Missgunst bestimmen das Leben am Hof. Der junge Sekretär versucht sich zunächst aus allem herauszuhalten, stattdessen dichtet er und schreibt Lieder für den Kaiser, der sich für Kunst mehr interessiert als für Politik. Als aber eine jüdische Gesandtschaft aus der heruntergewirtschafteten römischen Provinz Judäa in Rom auftaucht, ändert sich seine Lage. Er soll seine Nähe zum Kaiser zur Vermittlung nutzen. Gleichzeitig kündigen sich Entwicklungen von noch ungeahnter Reichweite an. Eine kleine aufstrebende jüdische Sekte, die Christen, sorgt für Aufsehen. Sowohl das Römische Reich als auch die Juden stehen vor der Frage, wie sie sich zu dieser Gruppe verhalten sollen. Sein Jugendfreund Arsaja, der dem Ich-Erzähler bei seinen hebräischen Studien Gesellschaft leistet, wird von dem am kaiserlichen Hof lebenden judäischen Prinz Julius Agrippa nach Judäa mitgenommen. Als sich beide in späteren Jahren wiedertreffen, hat sich Arsaja verändert. Er will jetzt die Heiden gewinnen und meint, dass der Messias schon dagewesen sei.

Am Ende, Nero ist längst tot, muss sich der jüdische Sekretär vor einer kaiserlichen Untersuchungskommission rechtfertigen. Ihm wird Konspiration gegen Kaiser und Reich vorgeworfen, ein geheimer Berater soll er gewesen sein, mit Verbindungen in alle Kreise und Freunden in der christlichen Sekte. Bevor es zur Anklageerhebung kommt, rettet Kaiser Titus dem jüdischen Sekretär das Leben und ermöglicht ihm die Flucht nach Judäa - doch nicht, ohne ihm einen Auftrag mitzugeben.

Angelehnt an die historische Figur Flavius‘ Josephus‘, der zunächst jüdischer Kriegsherr, dann Schreiber in Diensten Roms war, gelingt es Chaim Noll, entlang der Erzählungen des jüdischen Sekretärs ein detailliertes Sittenbild der bewegten Jahre am Hof zu zeichnen.

Der Leser kann sich bei der Lektüre des Buches nicht nur in die Atmosphäre der Zeit einfühlen, er erfährt auch viel über die zahlreichen erwähnten geschichtlichen Personen.

Dass dafür über 800 Seiten benötigt werden, ist der Genauigkeit und dem Drang des Autors nach Vollständigkeit geschuldet. Schon für seine historisch korrekte Darstellung verdient «Der Kitharaspieler» Beachtung.

 

«Der Kitharaspieler»,

Verbrecher-Verlag,

815 Seiten, 34 Euro.

Martin Jehle

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008