Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der Stellvertreter: Komplize oder Held?Zum 50. Todestag von Pius XII. am 9. Oktober werden alte Fragen wieder laut
«Sei mir gnädig, o Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit. Die Vergegenwärtigung der Mängel und Fehler, die während eines so langen Pontifikates und in solch schwerer Zeit begangen wurden, hat mir meine Unzulänglichkeit klar vor Augen geführt», schrieb Papst Pius XII. in seinem Testament. Ob sich diese Selbstzweifel von Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli (1876-1958), der als Pius XII. von 1939 an die Geschicke der katholischen Kirche lenkte, auch auf seine Rolle gegenüber den europäischen Juden beziehen? Pius XII. hatte während seines Pontifikats jede öffentliche Stellungnahme zu den unendlichen Leiden nicht nur des jüdischen Volkes unter dem Naziterror zwischen 1933 und 1945 vermieden und war darin seinem Vorgänger Pius XI. gefolgt. Zur Erinnerung: Im April 1933 schrieb die Karmeliterin Teresia Benedicta vom Kreuz, die als Jüdin mit Namen Edith Stein geboren worden war, in einem Geheimbrief nach Rom: «Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland und ich denke in der ganzen Welt darauf, dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um diesem Missbrauch des Namens Christi Einhalt zu tun. Wir fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen länger anhält.» Die Aufforderung von Stein passte so gar nicht in das kirchenpolitische Konzept des Vatikans kurz vor Abschluss des Reichskonkordats. Immerhin, seine erste, 1939 kurz nach Kriegsausbruch herausgegebene Enzyklika mit dem Titel «Summi pontificatus» wandte sich gegen Rassismus, den Herrschaftsanspruch von Diktaturen und die Besetzung Polens. Im Mai 1940 konstatierte Pius XII.: «Sie [die Italiener] kennen genau und vollständig die fürchterlichen Dinge, die in Polen geschehen. Wir müssten feurige Proteste dagegen erheben, und das einzige, was Uns davon abhält, ist das Wissen, dass Unser Sprechen den Zustand dieser Unglücklichen nur noch verschlimmern würde.» Ob diese Leisetreterei an Stelle der erhofften großen Geste richtig war, ist umstritten. Das grausame Schicksal Edith Steins aber zeigt die ganze tragische Hilflosigkeit der Kirche gegenüber dem Terror. Vorbildlich war dies in keinem Fall. Der heutige Papst sieht das ein wenig anders. Nur ein Papst, der «schweigend» handelte, habe im Zweiten Weltkrieg Juden retten können, bekräftigte Benedikt XVI. am 19. September in Rom in einer Audienz für Mitglieder der nordamerikanischen «Pave the Way Foundation». Radio Vatikan bat daraufhin den deutschen Rabbiner Walter Homolka um eine Bewertung der Papstworte. Homolka entgegnete unter anderem: «Mir ist klar, dass Pius XII. der Meinung war, Sprechen würde den Zustand „dieser Unglücklichen" nur noch verschlimmern. Aber auf der anderen Seite steht das Beispiel der Ehefrauen, die 1943 vor der zentralen Sammelstation in Berlin versucht haben, ihre jüdischen Ehemänner herauszubekommen, und diese nichtjüdischen Ehefrauen haben damals sehr laut geschrien, mitten in Berlin. Merkwürdigerweise ist das Regime dann zurückgerudert. Dieses Beispiel zeigt, dass ein Deutlichmachen und Anprangern durchaus Menschen zum Widerstand aufrufen kann. Insofern wäre es mir persönlich lieber gewesen, man hätte das nicht so still und leise und diplomatisch getan, wie das Pius XII. wohl getan hat.» Auf die Frage «Orten Sie als Beobachter in der jüdischen Welt einen Meinungsumschwung, was Pius betrifft?» antwortete Homolka: «Das glaube ich nicht. Die generelle Haltung des Judentums wird wohl eher durch einen anderen Sprecher des Judentums wieder gegeben, nämlich Rabbiner David Rosen. Und der hat zu diesem Sachverhalt geäußert, die Wahrheit liege zwischen Komplizenschaft mit den Nazis und Heldenhaftigkeit. Auf gut Deutsch: Pius XII. war weder ein Held noch war er ein Komplize der Nazis.» Das sind schon versöhnliche Töne in Anbetracht des Bildes von Pius XII., das in der deutschsprachigen Öffentlichkeit weitgehend von Rolf Hochhuths Drama «Der Stellvertreter » von 1963 geprägt ist. Darin heißt es plakativ: «Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, ein solcher Papst ist ein Verbrecher.» Zeitgenossen bezeugten unterdessen, dass Pius XII. seinen Staatssekretär Kardinal Luigi Maglione angewiesen habe, zur Rettung der Juden von Rom beim deutschen Botschafter im Vatikan Beschwerde einzulegen. Der Kardinal habe dem Auftrag Folge geleistet und Ernst von Weizsäcker aufgefordert: «Versuchen Sie, die Unschuldigen zu retten, die darunter leiden, einer bestimmten Rasse anzugehören.» In der Folgezeit sollen auf päpstliche Weisung hin im Geheimen rund 4.500 Juden in Kirchen, Klöstern und Häusern in und um Rom versteckt worden sein. Interessant ist die Rolle, die die «Pave the Way Foundation» spielt, die von dem jüdischen Ehepaar Gary L. und Meredith Krupp aus Long Beach gegründet wurde und die den Weltfrieden durch Gesten des guten Willens fördern will. Gary L. Krupp ist ein mehrfacher päpstlicher Ordensritter. Tatsächlich ist die Stiftung nur eine Stimme unter vielen privaten jüdischen Initiativen und in keiner Weise repräsentativ; sie hatte in Rom einen dreitägigen Kongress über den Pacelli-Papst und seine Aktivitäten zur Rettung von Juden vor dem Holocaust ausgerichtet. Papst Benedikt XII. sprach sich bei der Audienz für die Stiftungsvertreter dafür aus, die zahlreichen Interventionen von Pius «zugunsten von Juden» zu untersuchen, und verwies darauf, dass im November 1945 jüdische KZ-Überlebende Pius XVI für seine Bemühungen doch gedankt hätten. Benedikt XVI. wünscht sich ausdrücklich, dass die «Defizite » in der historischen Darstellung seines Vorgängers ausgeglichen und einige Dinge ins rechte Licht gerückt werden. Es gelte, «die geschichtliche Wahrheit zu erkennen und jedes verbleibende Vorurteil zu überwinden». Wird dann endlich auch die sogenannte Rattenlinie zur Sprache kommen? Nach dem Untergang des nationalsozialistischen Regimes waren kirchliche Stellen bekanntermaßen an der Fluchthilfe für Naziverbrecher beteiligt. Dank dieser Rattenlinie konnten Nazi-Funktionäre wie Adolf Eichmann oder Josef Mengele Italien mit Pässen und Visa verlassen, an deren Beschaffung und Herstellung unter anderem auch päpstliche Behörden beteiligt waren. Ob es sich dabei allerdings um eine organisierte Aktion mit Wissen von Pius XII. handelte, ist unklar. Am 5. Oktober will der Papst nun eine Messe zu Ehren seines Amtsvorgängers feiern, und er hält offenbar auch an dem Plan fest, Pius XII. selig zu sprechen. Das Resümee von Rabbiner Homolka: «Die Konsequenz für uns sollte sein: Statt bei der Frage nach dem richtigen Verhalten auf ferne moralische Instanzen zu schielen, sollte jeder sein eigenes Gewissen prüfen. Auf den „Ruf aus Rom" kann man nämlich mitunter lange warten. Zumindest aber sollte man - wie „Pave the Way" dies leider versucht - keine falschen Vorbilder schaffen. Pius XII. ist vielleicht ein Vorbild für menschliche Unzulänglichkeit. Ob das aber für eine Seligsprechung ausreicht?» |