Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Von Wilna nach New YorkDie Bibliothek des YIVO
Als sich im August 1925 in Berlin eine Gruppe jiddischsprachiger Intellektueller aus Wilna, Berlin und New York zusammenfand, um das «Yidishe Visnshaftlekhe Institut», das Jiddische Wissenschaftliche Institut, zu gründen, fiel die Wahl für dessen Hauptsitz nicht zufällig auf Wilna: Das «litauische Jerusalem » war seit Jahrhunderten ein intellektuelles Zentrum der osteuropäischen Juden. Geprägt von den Traditionen der Haskala, der jüdischen Aufklärung, existierte hier ein differenziertes Milieu der unterschiedlichsten politischen, religiösen und kulturellen Orientierungen. Seit der vorletzten Jahrhundertwende, vor allem aber nach dem Ersten Weltkrieg, blühte neben der traditionellen religiösen auch eine säkulare jiddischsprachige Kultur. Beispiele dafür sind politische Organisationen wie der sozialistische «Bund», literarische Zirkel wie «Jung Wilne» oder die berühmte Wilnaer Theatertruppe. Dennoch war das YIVO, wie es nach der englischen Umschrift abgekürzt wird, von Beginn an überregional und dezentral organisiert. Sektionen befanden sich in Wilna, Berlin und Warschau, außerdem wurden Filialen in Paris, Buenos Aires und New York gegründet. Gerade letztere sollten später, als es um die Restitution der während der NS-Zeit geraubten Bestände ging, von entscheidender Bedeutung sein. Die wissenschaftlichen Arbeiten des YIVO waren empirisch und auf die praktische Anwendbarkeit ausgerichtet. Geschrieben in der Sprache der osteuropäischen Juden, untersuchten sie deren gegenwärtige Lebensverhältnisse: Alltagskultur, Sprache, wirtschaftliche Situation und Bildungsfragen. Es fanden Konferenzen und Wettbewerbe statt, und an junge Wissenschaftler wurden Aspiranturen, befristete Assistenzstellen, vergeben. Mit dieser an den modernen Sozialwissenschaften geschulten Ausrichtung war die «Chochmat yidish» auch ein selbstbewusster Gegenentwurf zur traditionell religiös-philosophisch ausgerichteten deutschsprachigen «Chochmat ha-Jahadut», der «Wissenschaft des Judentums». Einer 1942 veröffentlichten Bibliographie zufolge hatte das YIVO bis zu diesem Jahr 2.500 Bücher, Aufsätze und andere Studien herausgegeben. In Wilna, in einem 1933 eigens errichteten Gebäude in der Wiwulski-Straße 18, wurden alle Veröffentlichungen jiddischer Sprache gesammelt und in der 1926 gegründeten Bibliographischen Zentrale dokumentiert. 1939 umfasste diese Bibliothek rund 40.000 Bände. Darüber hinaus unterhielt das YIVO ein Archiv, das Dokumente der Alltagskultur sowie der Vereins-, Gemeinde- und Organisationsgeschichte enthielt, und ein Museum, das vor allem ethnographisches Material und Objekte zur jiddischen Literatur- und Theatergeschichte sammelte. Eine Besonderheit war das Sammeln empirischer Daten in Fragebögen, die - wie das meiste Material - von Zirkeln freiwilliger Helfer zusammengetragen wurden. Im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom August 1939 wurde Litauen einschließlich des bis dahin polnischen Distrikts Wilna dem sowjetischen Herrschaftsbereich zugeschlagen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen marschierte am 19. September 1939 die Rote Armee in Wilna ein. Das jüdische kulturelle Leben erfuhr zunehmende Einschränkungen, die jüdischen Bibliotheken und Einrichtungen wurden nach der Eingliederung Litauens in die Sowjetunion im September 1940 geschlossen und enteignet. Am 24. Juni 1941, zwei Tage nach ihrem Überfall auf die Sowjetunion, besetzte die Deutsche Wehrmacht Wilna. Schon im Juli erschien als erster Vertreter des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg der Theologe Dr. Herbert Gotthard und begann mit der Erkundung und dem Raub der bedeutenden jüdischen Bibliotheken der Stadt. Drei jüdische Wissenschaftler wurden auf seinen Befehl verhaftet, sie hatten Titellisten von seltenen Werken zusammenzustellen. Zwei von ihnen fand man ermordet, nachdem Gotthard mit Listen und Büchern abgereist war. Im Februar 1942 begannen der «Judaist» Johannes Pohl und seine Mitarbeiter, die jüdischen Bibliotheken Wilnas systematisch für das «Institut zur Erforschung der Judenfrage » zu requirieren. Zuerst kamen die 40.000 Bände der Strashun-Bibliothek in die Wilnaer Universitätsbibliothek; im März 1942 hat man eine weitere, ungleich größere Arbeitsstelle in dem von der Wehrmacht beschlagnahmten Gebäude des YIVO eingerichtet, in der auch Bücher aus anderen jüdischen Gemeinden Litauens sowie polnische und kirchliche Bibliotheken gesammelt und sortiert wurden. Nur der kleinere Teil davon ging nach Deutschland, mehr als zwei Drittel fielen der Vernichtung anheim. Mit der Leitung dieser Arbeiten wurden zwei prominente jüdische Intellektuelle beauftragt: Hermann Kruk, der Leiter der Ghetto-Bibliothek und führendes Mitglied des «Bund», und Zelig Kalmanowicz, vor dem Krieg einer der Direktoren des YIVO. Zu der Gruppe von etwa zwanzig bis vierzig jüdischen Zwangsarbeitern, die unter der Bezeichnung «Papier-Brigade» in die Geschichte einging, gehörten die Mitglieder des Dichterkreises «Jung Wilne» Abraham Suzkewer und Shmerke Kaczerginski sowie die Künstlerin Uma Olkenicki, die 1929 das Signet des YIVO entworfen hatte. Am 25. Oktober 1942 verließ die erste Fracht mit YIVO-Dokumenten Wilna. Ihnen folgten am 17. November weitere 50 Kisten und am 13. Februar 1943 erneut 9.430 Bücher nach Frankfurt, wie Hermann Kruk in seinem Tagebuch notierte. Angesichts der drohenden Vernichtung ihres kulturellen Erbes ersannen die Mitglieder der «Papier-Brigade» Methoden der Rettung; Transporte wurden verzögert, Bücher in das Ghetto geschmuggelt, unter dem Dach des YIVO-Gebäudes versteckt oder zu christlichen Freunden in Sicherheit gebracht. Kruk und seine Mitarbeiter quälte die Ungewissheit, ob sie durch ihre Arbeit zu Rettern oder zu Totengräbern der jüdischen Kultur Wilnas geworden waren. Doch am 18. Juni 1943 verzeichnet Kruk in seinem Tagebuch: «Schwitzend, staubig, außer Atem kam Z. Kalmanowicz zu mir herein: „Diesmal eine gute Nachricht. Das YIVO lebt in Amerika!"» Gleichzeitig gelangten über polnische Widerstandskreise in London erste bruchstückhafte Informationen von den Plünderungen in Wilna an das New Yorker Institut. Die «Papier-Brigade» arbeitete bis in die letzten Wochen, in denen das Ghetto bestand. Bei seiner Auflösung am 23. September 1943 wurden die meisten ihrer Mitglieder in Ponary oder im Arbeitslager in Estland ermordet, so auch Zelig Kalmanowicz und Hermann Kruk. Im Zuge der Befreiung Wilnas im Juli 1944 kehrten Abraham Suzkewer und Shmerke Kaczerginski, die sich den Partisanen angeschlossen hatten, mit der Roten Armee in die Stadt zurück und machten sich auf die Suche nach den versteckten Büchern. Das Gebäude des YIVO war zerstört und die Deutschen hatten das Versteck in der Ghetto-Bibliothek entdeckt. Nur die im unterirdischen Bunker des Ghettos und bei christlichen Freunden versteckten Bücher konnten geborgen werden. Als Sammelstelle für dieses Material gründeten sie schon am 26. Juli 1944 das Museum für jüdische Kunst und Kultur im Gebäude der Mefitse Haskole, der ehemaligen Ghetto- Bibliothek. Doch obwohl das Museum offiziell eine staatliche Einrichtung des Kulturministeriums der SSR Litauen war, erhielt es keinerlei Unterstützung. Immer deutlicher kristallisierte sich heraus, dass das Jüdische Museum und die jüdische Kultur unter sowjetischen Verhältnissen keine Zukunft haben würden. Im Laufe der nächsten Jahre emigrierten die Gründer über Polen in den Westen. Die Dokumente und Bücher, die sie dabei mitnehmen konnten, sandten sie an das YIVO in New York, wo sie heute als «Suzkewer-Kaczerginski-Collection» bewahrt werden. Am 10. Juni 1949 verfügten die sowjetischen Behörden die Schließung aller jüdischen Institutionen und damit auch des Jüdischen Museums. Seine Bestände wurden auf verschiedene Sammlungen in Litauen verteilt: Die Bücher und Dokumente kamen in den «Bücher-Palast», das Litauische Bibliographische Institut. Nach der Wende 1989 entstand dort die heutige Judaica-Abteilung der Nationalbibliothek. Fünf Jahre später schlossen das New Yorker YIVO und das litauische Staatsarchiv einen Vertrag, in dessen Folge man insgesamt 100.000 Originaldokumente aus Litauen zur Bearbeitung und Aufzeichnung auf Mikrofilm nach New York schickte. Anschließend kehrte das Material restauriert und erschlossen nach Vilnius zurück, während das YIVO in New York die Kopien erhielt. Die nach Deutschland transportierten Bestände des YIVO und der anderen Wilnaer Bibliotheken wurden im März 1945 von amerikanischen Truppen in Frankfurt und dem nördlich davon gelegenen Ort Hungen entdeckt. Nach einer vorläufigen Lagerung in der ehemaligen Rothschild'schen Bibliothek kamen sie in das Offenbach Archival Depot (OAD), errichtet im März 1946 in einem Fabrikgebäude der I. G. Farben als Collecting Point speziell für Bücher, Archivalien und jüdisches Kulturgut. Als im Februar 1947 die amerikanische Historikerin Lucy Dawidowicz, die als Aspirantin im Wilnaer YIVO gearbeitet hatte, im Auftrag des Joint Distribution Committee in das OAD kam, befanden sich dort noch etwa 630.000 Bücher und andere Objekte, darunter etwa 76.000 Bände in 347 Kisten aus dem YIVO. Sie wurden zurückgehalten, bis eine Regelung für das erbenlose jüdische Kulturgut gefunden war. Es war vor allem der in die USA geflohene Mitarbeiter des Wilnaer YIVO Max Weinreich, der sich für das Überleben des Instituts in den USA einsetzte. Bereits im September 1940 hatte der Vorstand des YIVO beschlossen, dessen Hauptsitz nach New York zu verlegen. Was zunächst als Provisorium gedacht war, ermöglichte nun die Fortsetzung der Tradition des YIVO. Nach längeren Verhandlungen erreichten Weinreich und seine Mitstreiter die Anerkennung des New Yorker YIVO als Rechtsnachfolger des Wilnaer YIVO und darüber hinaus für die dem Wilnaer YIVO beim Einmarsch der sowjetischen Truppen 1939 anvertraute Strashun-Bibliothek. Mit Hilfe der Library of Congress Mission verließen 420 Kisten mit Büchern des YIVO und der Strashun- Bibliothek im Juni 1947 das Offenbacher Depot in Richtung New York. In der jüdischen Geschichte steht der «Churbn Vilne» - der Untergang Wilnas - stellvertretend für die Zerstörung jüdischer Kultur und Lebenswelt in Osteuropa. Benjamin Hershaw sprach in diesem Zusammenhang von einem doppelten Holocaust. Die Bedeutung Wilnas als jüdischer Gedächtnisort kann kaum überschätzt werden. «Die Bibliothek » ist darin ein Bild, in dem sich die Trauer über den Untergang mit der Erinnerung an den Mut der «Papier-Brigade» und der Partisanen verbindet. Die Beteiligung deutscher Bibliothekare an dem Zerstörungswerk wurde erst Anfang der 1990er Jahre vor allem durch den Arbeitskreis kritischer BibliothekarInnen (AKRIBIE) wieder ins allgemeine Bewusstsein gerufen.
Die Ausstellung «Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute» ist vom 19. September 2008 bis zum 25. Januar 2009 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.
Der Text ist ein Auszug aus dem Begleitbuch «Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute», herausgegeben von Inka Bertz und Michael Dorrmann im Auftragdes Jüdischen Museums Berlin und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main,Wallstein Verlag 2008. 328 Seiten, 24,90 Euro |