Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() BuchtippEs loderte fast ein Jahr
Fortan sollte man nicht mehr von der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Berlins Mitte als einem singulären Ereignis sprechen. Denn was an jenem Abend von Nazis, Hitler treu ergebenen Studenten und zum Teil von in Talaren gekleideten Professoren inszeniert wurde, zog Kreise. Welches Ausmaß diese hatten, dokumentiert ein umfangreiches Werk des Moses-Mendelssohn-Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien Potsdam. 60 Autorinnen und Autoren haben sich in Archive begeben, penibel geforscht und herausgefunden, dass Scheiterhaufen mit nach Nazimaßstäben «unwertem Schriftgut» fast das ganze Jahr 1933 loderten. Angefangen von Bad Kreuznach - dem Alphabet folgend - bis nach Zwickau, gab es Autodafés in 93 Städten. Der Vollkommenheit halber sei angemerkt, dass etliche schon vor der formellen Machtübernahme Hitlers und seiner Spießgesellen stattgefunden hatten. Belegt ist, Thomas Mann war der erste, den man sich ausgesucht hatte. Den Sommer des Jahres 1932 verbrachte der Dichter noch in seinem Ferienhaus in Nidden an der Kurischen Nehrung. Am 14. August jenes Jahres erhielt er ein Paket. Inhalt: ein verkohltes Exemplar seines Romans «Die Buddenbrooks». In der im Olms Verlag erschienenen Dokumentation der Bücherverbrennungen werden drei Phasen beschrieben, die sich über das ganze Jahr 1933 erstreckten. Die erste begann bereits im März nach den Reichstagswahlen und diente der Masseneinschüchterung. Systematisch wurden linke Verlags- und Gewerkschaftsgebäude angegriffen, Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftsmitglieder verhaftet, gefoltert, verprügelt und auch ermordet. In vielen Städten wurden die Inneneinrichtungen der überfallenen Objekte verwüstet und zerstört. Die zweite Etappe lässt sich mit dem Geschehen rund um den 10. Mai festmachen. Die Auswertung der Unterlagen schließt jeden Zweifel aus, es könne sich um spontane Ereignisse gehandelt haben. Dabei spielte die seit 1931 vom Nationalsozialistischen Studentenbund dominierte Deutsche Studentenschaft eine führende Rolle. Die dritte Phase bezieht sich auf die Monate nach dem 10. Mai bis Jahresende. Fest eingebunden in die überall nach vorgegebenem Schema ablaufenden Aktionen «Wider den undeutschen Geist» waren Kontingente der Hitlerjugend. Oft genug dienten sie der massenhaften Aufnahme neuer Mitglieder. Das Projekt unter Federführung des Mendelssohn-Zentrums sah vor, in 320 Bänden einen Großteil der verbrannten und verfemten Bücher durch eine Neuauflage wieder zum Leben zu erwecken. In überschaubarer Zukunft wird dies nicht zu realisieren sein. Nun will man sich darauf beschränken, mit 120 Titeln, die in den nächsten Jahren verlegt werden sollen, wenigstens einen repräsentativen Querschnitt der vernichteten Werke zu geben. Die ersten zehn Bände, mit Texten von André Gide, Franz Kafka, Erich Kästner, Anna Seghers, Kurt Tucholsky und anderen sind bereits erschienen. Empfänger sind 4.000 Schulen, damit heutige und künftige Generationen erfahren, wie viel Wissen über alle Bereiche menschlichen Lebens seit Jahrtausenden in 93 Bücherverbrennungen zu Beginn der Naziherrschaft im «Dritten Reich» vernichtet wurde. Thomas Mann übrigens kam zwei Jahre vor der totalen Niederlage der Nationalsozialisten noch einmal auf die brennenden Scheiterhaufen zurück. In einer Rundfunkrede aus der amerikanischen Emigration an «Deutsche Hörer» bezeichnete er die Verkohlung seines großen Familienromans als individuelles Vorspiel zur zeremoniellen Verbrennung von Büchern freiheitlicher Schriftsteller. Ob die namentlich in der Dokumentation genannten 73 deutschen Städte die Handreichung des Moses-Mendelssohn Zentrums aufgreifen und durch eigene Recherchen in Heimatmuseen oder ähnlichen Einrichtungen darstellen, was im ersten von zwölf schrecklichen Jahren der Naziherrschaft schon erkennbar war? Die kommende Zeit wird darüber Auskunft geben.
Julius H. Schoeps, Werner Treß (Hg.), Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, Olms 2008. 848 Seiten, 19,80 Euro. www.verbrannte-buecher.de |