Türkisch zuerst, sefardisch dann

Auf der Suche nach einem jüdischen Istanbul

 

Was sind die Insignien für lebendiges jüdisches Leben innerhalb einer Stadt? Was die ureigenen Themen einer Gemeinde? Im Bemühen um eine Annäherung an das jüdische Leben Istanbuls, seine Orte und virulenten Fragen, machte ich Interviewtermine bei den jüdischen Institutionen der Stadt: dem Jüdischen Museum, der Neve Shalom Synagoge, der Zeitung «Şalom» und dem Otoman-Turkish Sephardic Culture Research Center.

In keinem muslimischen Land leben so viele Juden wie in der Türkei. 20.000 Juden wohnen hier, davon allein 18.000 in Istanbul. Denn hier finden sich neben 19 Synagogen und den genannten Institutionen auch das Oberrabbinat, jüdische Schulen, Jugendclubs, Krankenhäuser, jüdisches Stiftungswesen und zwei Altersheime. Kleinere Gemeinden bestehen unter anderem in Izmir, Adana, Ankara. Per definitionem ist die türkisch-jüdische Gemeinde eine orthodoxe, überwiegend sefardischen Ritus’. Ihre Mitglieder sind zum guten Teil Nachfahren der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden. Wie häufig, so auch in der Türkei, ist die Gemeinde unter orthodoxem Gewand eine pluralistische und – eine alternde. Auch durch Abwanderung hat die Gemeinde in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Mitglieder verloren. Dramatisch lässt sich der Schwund dennoch nicht nennen. Zwar hätte die laizistische Tradition der Türkei auch die jüdische Gemeinde nicht unbeeinflusst gelassen, nun sei aber unter den Jungen eine stärkere Religiosierung zu vermerken, so Tilda Levi von der Zeitung «Şalom».

 

Abendstimmung über dem Bosporus Foto: Archiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neve Shalom ist größte Synagoge Istanbuls und religiöses Zentrum der sefardischen Gemeinde. Zu trauriger Berühmtheit gelangte sie durch die Bombenattentate von 1986 und 2003, die das Bild vom sicheren Hort Türkei beschädigten. Eine Tafel und eine stehen gebliebene Uhr erinnern an den 15. November 03, an dem ein mit Sprengstoff beladener Laster in der Straße gezündet wurde. Die Attentäter töteten 25 Menschen, vor allem Moslems, nur sechs Opfer waren Juden. Jedoch waren sie gemeint. Die Synagoge war nach dem Anschlag vollständig zerstört.

 

Den Attentätern gelang es aber nicht, dass jüdische Gemeindeleben nachhaltig in seinen Grundfesseln zu erschüttern. Bereits nach einem Jahr Ausnahmezustand war die Synagoge aufgebaut und wieder eröffnet. Doch die Attentate haben Spuren hinterlassen: Von außen erweckt die Synagoge heute den Eindruck einer gut gesicherten Festung. Wer die Synagoge besuchen will, der muss nicht nur einen unscheinbaren Eingang in der Seitenstrasse und zwei Stahltüren passieren, sondern sich auch per Fax anmelden und einige Telefonate führen. Ist man erst im Innern, dann vermittelt sich trotzdem schnell der Eindruck von einer Örtlichkeit verschiedenster religiöser, kultureller und sozialer Aktivität. Neben dem blitzblanken und prunkvollen Betsaal, in dem ca. 500 Menschen Platz finden, und einer Mikwe, beherbergt Neve Shalom auch einen Ausstellungsraum und einen Saal für größere Feiern.

 

Anerkannte Minderheit

 

Nächste Station ist das Jüdische Museum in Karaköy. Auch das Museum hält sich nach außen in mehrfacher Hinsicht äußerst bedeckt: Fragt man auf der Straße nach dem Weg, so kennt kaum einer der unmittelbaren Nachbarn den Ort, ein kleines Schild «Museum» verrät nur das Allernötigste. Wer das Museum schließlich gefunden hat, der betritt die ehemalige Zulfaris Synagoge, den empfängt sefardische Musik. Die kleine Dauerausstellung stellt die Türkei als Zufluchts- und Einwanderungsland europäischen Judentums in den Mittelpunkt. Das Museum, 1992 durch die 500-Jahres-Stiftung gegründet, steht damit ganz im Zeichen der Dankbarkeit, der Verbundenheit der Juden mit der Türkei als mehrfachem «Bewahrer europäischen Judentums», wie es im Gästebuch heißt. Angefangen, so das Narrativ des Museums, hat diese Ausnahmegeschichte mit dem Dekret von Sultan Bayezid II., das 1492 den spanischen Juden im Osmanischen Reich Zuflucht vor der Vertreibung durch die Reconquista gewährte. Die Toleranz gegenüber einer jüdischen Minderheit ist ein Umstand, der auch mit Untergang des Osmanischen Reiches nicht wesentlich gelitten hat. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Türkei, nun als junge Republik, erneut zum Einwanderungsland für jüdische Exilanten: Atatürks Einladung jüdischer Akademiker an türkische Universitäten, mit deren Hilfe er das Hochschulwesen zu reformieren suchte, wird bereits am Eingang des Museums Tribut gezollt. Dort erinnert Atatürks Zitat «Die Juden werden in der Türkei ihr Glück finden» daran, dass ca. 200 Akademikern durch die Integration in das türkische Bildungswesen das Leben gerettet wurde und ihnen ermöglichte, ihre Karrieren fortzusetzen. Anders als Armenier oder Kurden erfuhren die türkischen Juden in der Republik keine Verfolgung, sondern sie wurden, nach den Lausanner Verträgen von 1924, als Minderheit anerkannt und konnten ihre Kultur und Sprache leben.

 

Gerade in der ethnographischen Abteilung des Museums, in der Kultgegenstände, Hochzeitsgewänder und ähnliches zu finden sind, kann man sich des Eindrucks einer Konservierung jedoch nicht erwähren: Judentum wird in historische Ferne gerückt, oder, um es böse zu formulieren, in einer Staubecke im Völkerkunde-Museum abgestellt. Wenig erfährt man über heute gelebtes Judentum. Geld- und Personalmangel mögen größere Projekte verhindern, den Mangel an angebotenem Diskussionspotential vermögen sie dennoch nicht zu erklären.

Eine Seite in Ladino

Dem Erhalt des Ladino im lebendigen Sprachgebrauch widmet sich das Otoman-Turkish Sephardic Culture Research Center, 2003 gegründet und von Karen Gerşon Sarkom geleitet. Das Ladino, traditionelle romanische Sprache sefardischer Juden, avancierte in den 80er Jahren zur «latest fashion», so Gerşon Sarkom, und erfuhr verstärkte akademische Aufmerksamkeit. Auch die Künste spielten eine entscheidende Rolle bei der Wiederentdeckung und -belebung des Ladino: Zweisprachige Theateraufführungen, aber auch Musikgruppen wie «Los Pasharos Sefaradis» pflegen bis heute die Sprache und sind zu einem Ort geworden, die Sprache in aktivem Gebrauch zu halten. Als vitale Familiensprache konnte sich das Ladino dennoch kaum erhalten: Diejenigen, für die Ladino erste Sprache war, sterben aus und vermitteln ihren Kindern und Kindeskindern nur noch selten etwas von der Sprache. Die Jungen ziehen es vor, modernes Spanisch zu lernen, so Gerşon Sarkom.

Doch das Ladino hat noch einen weiteren Fürsprecher: Eine ganze Seite der Wochenzeitung «Şalom» wird auf Ladino veröffentlicht. Damit sei sie einzigartig, so Tilda Levi, ihres Zeichens Chefredakteurin und eine kluge, über ihre Brille blickende, rauchend lachende, lachend rauchende Frau. Die «Şalom» erscheint wöchentlich in einer Auflage von 3.500 bis 4.000 Stück und wird, vor allem wegen der Ladino-Seite, auch im Ausland gelesen. Erhältlich sei sie vor allem im Abo, aber auch an wenigen Zeitungsständen der Stadt. Weil man versuche, auch das junge Publikum anzusprechen, seien nicht alle Themen 100 Prozent jüdisch, fügt Levi hinzu. An die Redaktionsräume angegliedert ist eine kleine Buchhandlung mit Bänden zu jüdischer Kultur, Religion und Geschichte. Entstanden ist die Buchhandlung aus Notwendigkeit heraus. Man habe festgestellt, dass sich in türkischen Bibliotheken vor allem mangelhaftes bis falsches Material zum Judentum finden lasse, und kurzerhand selbst eine Buchhandlung eröffnet. Wie gut diese besucht wird und ob sich auch ein nicht-jüdisches Publikum für diese wiederum nur äußerst kompliziert zugänglichen Räume findet, sei dahingestellt.

 

Wenn auch nicht nachhaltig getrübt, so bescheinigen doch alle Gesprächspartner, dass das Bedürfnis, sich in der Öffentlichkeit als jüdisch zu zeigen, durch die Anschläge von Neve Shalom gelitten hätte. Selbstverständlich gebe es eine Tendenz, sich aus allzu greller Öffentlichkeit, der Offensive zurückziehen, um nicht erneut Opfer zu werden. Das bevorzugte «stille Glück» im Schattendasein sei «eine traurige Konsequenz», gesteht auch Levi. «Aber es war nicht unsere Wahl.» Zu antisemitischen Presseäußerungen oder dem Umstand, dass Hitlers «Mein Kampf» sich in der Türkei nicht in wenigen Kreisen einiger Beliebtheit erfreut und im März 2007 gar in der Bestseller-Liste auf Platz 3 rückte, äußert sich kaum einer. Man betont die guten Beziehungen zur laizistisch geprägten Regierung und Gesellschaft. Das mag mit daran liegen, dass die Anschläge ein Gefühl nicht haben trüben können: Man sei eben in erster Linie Bürger der Türkei, dann sefardischer Jude, so die einstimmige Antwort.

 

Sonja Galler

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008