Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wenig mehr als Sex und FederviehEin Spaziergang durch den jüdischen Ausschnitt der Leipziger BuchmesseEin Titel zieht schon während der Vorbereitung des Besuchs auf der Leipziger Buchmesse meine Aufmerksamkeit auf sich: «Das Blut meines Bruders». Die durchaus beachtenswerte israelische Autorin Nava Semel hat offenbar ein neues Buch geschrieben. Also nichts wie hin am ersten Tag, auf zum Stand der israelischen Botschaft, wo eine Lesung der Autorin angekündigt ist! Ein Abstecher hierher kann ja ohnehin nicht schaden. Doch was sich da bietet, vermag kaum Begeisterung erregen. Vorwiegend ältere Buchtitel von durchweg etablierten Autoren. Mit Eshkol Nevo (dtv) und Avirama Golan (Suhrkamp), Eli Amir (Bertelsmann) und sogar dem jungen Yiftach Ashkenazy (Luchterhand) drückte sich dies auch bei den Lesungen aus: Wo ist der Nachwuchs? Der dröge, weil ebenso lieb- wie einfallslos gestaltete, Stand, war insgesamt wenig dazu angetan, Lust auf Entdeckungsreise auf dem Gebiet israelischer Literatur zu wecken, zumal das Personal wenig geneigt war, sich dem durchaus interessierten Besucher auskunftsfreudig zu erweisen. Weil Semels Lesung - wie die restlichen Veranstaltungen am Stand - dann auch noch weitgehend im Lärm benachbarter und mehr nach Aufmerksamkeit heischenden Vertretungen anderer Länder und Regionen unterging, war über das vermeintlich neue Werk der Autorin wenig in Erfahrung zu bringen. Glücklicherweise gab es da noch die «Jüdischen Lebenswelten», eine Veranstaltungsreihe des Club Bertelsmann, die vornehmlich die Abendstunden mit einem facettenreichen Programm zum Thema Judentum auszufüllen versprach. Hier, beim zweiten Versuch, der 1954 in Israel geborenen Autorin zu lauschen, entpuppt sich zwar die Hoffnung auf einen neuen Romantitel aus Semels Feder als Irrtum, handelte es sich doch um den bereits 2005 erschienenen Roman «Die Braut meines Bruders». Der von Mirjam Pressler übersetzte Roman ist dennoch hörenswert, zumal die Autorin Passagen auf Hebräisch las, was dem Ganzen allein des Klangs wegen eine authentische Note verlieh. Dass das Durchschnittsalter der Besucher bei rund 60 Lenzen lag, mag angesichts einer für Kinder und Jugendliche ausgeschriebenen Veranstaltung zwar verwundern, ist aber kaum der dargebotenen Literatur anzukreiden. Immerhin kündigte Semel bereits jetzt ihren neuen Roman «Und die Ratte lacht» an, der im Herbst erscheinen wird. Mit dem Alter der Besucher erging es allerdings auch Alexander Kostinskij nicht anders, auch in seiner Märchenstunde dürfte kaum einer noch keine Rente empfangen haben. Dabei wären seine frei vorgetragenen Erzählungen und Märchen bestens für die Ohren jüngerer Jahrgänge geeignet gewesen. Leider aber waren die Veranstaltungen der «Lebenswelten» nicht eigens im Kinder- und Jugendprogramm der gesamten Messe aufgeführt. Die «Jüdischen Lebenswelten» versprachen dessen ungeachtet ein spannendes, wenn auch nicht unbedingt immer brandaktuelles Programm. Martin Doerry präsentierte «Nirgendwo und überall zu Haus» (Deutsche Verlagsanstalt) und unterhielt sich hierzu mit Arno Lustiger; Micha Brumlik stellte sein «Missbrauch der Disziplin» (Beltz & Gelberg) vor und Michael Jürgs las aus seiner neuesten biografisierenden Arbeit «Eine berührbare Frau» über die Malerin Eva Hesse. Dass der ehemalige «Stern»-Chefredakteur Jürgs hier die vergessene und spannende Biografie einer Künstlerin ausgegraben hat, deren Werk inzwischen durchaus zum Kanon der modernen Kunst gezählt wird, entschädigte nicht für eine insgesamt ermüdende Lesung, einem Ausschnitt eines mutmaßlich mindestens ebenso ermüdenden Buches, das dem Leser sogar wortreich erklärt, was die «Reichskristallnacht» war. Am Ende ärgerlich wird Jürgs' Werk allerdings, da die Porträtierte in ihrer Bedeutung als Künstlerin partout nicht erkennbar, dafür ihre Krankengeschichte bis ins Kleinste seziert wird. Da drängt sich dann der Verdacht auf, dass den Biographen mehr als die fragile Künstlerin, tatsächlich der immer wieder auftauchende und doch so herrlich bedeutungslose Aspekt interssierte, dass die von den Nazis aus Hamburg vertriebene Frau Hesse einstmals in der selben Straße wohnte wie Herr Jürgs heute. Wie sich ein solches Buch dagegen schreiben lässt, davon konnte man sich wiederum von dem in dieser Zeitung schon zu Genüge belobten Autorenduo Götz Aly und Michael Sontheimer überzeugen lassen. Und so deutete sich schon an, dass der hier beschriebene - zugegeben sehr dem Zufall überlassene - Spaziergang durch die Messehallen am Ende kaum Überraschendes an den Tag fördern würde, wären da nicht die Lesungen von Julia Belomlinskaja gewesen. Ihr eben im kleinen Berliner Verlag Matthes & Seitz erschienener Roman «Apfel, Huhn und Puschkin» versprach bereits bei der ersten Lesung eine ganze Menge. Die durchaus schrullige Autorin lies sich nicht nur durch eine Anfrage aus dem Publikum zu ihrer Tätigkeit als Sängerin dazu anregen, eine ganze Reihe an Liedern aus dem Stehgreif darzubieten, sondern sie erzählte auch viel über den Topos des «Armen Mädchens», das sich leitmotivisch durch ihr Werk zieht. Über ihr eigenes Leben dahingegen wollte sie nichts erzählen. Darüber habe sie ja ihren Roman geschrieben. Ihr Buch, eine charmante Selbststilisierung zu einem solchen «Armen Mädchen» also, erzählt die Geschichte der Emigration in die USA, liefert einen Einblick einer aus Russland emigrierten Jüdin, die sich ihren Blick von außen auf die amerikanische Gesellschaft bewahrt, auch wenn sie sich mehr oder weniger erfolgreich durch die Betten der New Yorker Yuppieszene schläft, ehe sie ihr persönliches Urteil spricht: «Fuck off, America» und den Weg zurück in die alte Heimat einschlägt. Der von Friederike Meltendorf mit größtem Gefühl nachgedichtete Roman verbirgt ein Höchstmaß an Selbstironie und verborgener Tiefgründigkeit über die bisweilen vertrackte Situation zwischen den Weltbildern und Geschlechtern. Selbst wenn das Jüdische hier nur einer von vielen Aspekten einer zerklüfteten Welt zwischen Petersburg - New York - Petersburg ist, die Trias von Apfel, Huhn und Puschkin, war ohne Zweifel eine der wenigen Endeckungen auf der Buchmesse. Die zweite Lesung Belomlinskajas wurde zwar von einer ansprechenden Show multimedial begleitet, fiel jedoch ohne Gesang aus. Die Diva hatte offensichtlich genug vom Messerummel und gab sich wortkarg. Vielleicht hätte man sich doch noch die literarischen Schwergewichte in der Reihe «Deutsch-israelische Beziehungen» anhören sollen. Information: Julia Belomlinskaja |