«Ich bin Josef, euer Bruder»

Begegnung von Rabbinerstudenten mit Priesteramtskandidaten in Lublin

 

Rabbinerin Tanya Segel beim Gebet in Majdanek Foto: dpa

Ein gewöhnlicher Herbsttag in Lublin. Es nieselt, der Himmel ist grau in grau und es fegt ein kalter Ostwind durch die Stadt. Dicke schwarze Raben sitzen in den nebligen Parks und auf den Wiesen am Rande der Stadt. So auch auf der «kleinen Wiese», in Polnisch «Majdanek» genannt. Doch für das ehemalige Konzentrationslager Majdanek ist dies ein ungewöhnlicher Tag. Hunderte katholische Jugendliche haben sich versammelt. Mit ihnen sind Seminaristen aus dem erzbischöflichem Priesterseminar Lublin sowie Rabbinerstudenten aus Deutschland anwesend, unterstützt von Rabbinerin Tanya Segal und Rabbiner Burt Schuman aus Warschau. Der Lubliner Erzbischof Jozef Zycinski hat zu einem Erinnerungs- und Solidaritätsmarsch aufgerufen. «Das ist ein schmerzhafter Gang. Aber wir müssen uns der Geschichte stellen», so Zycinski. Der Gedenkmarsch, begleitet von Gesängen und gemeinsamen Gebeten führt an Gaskammern, Baracken und dem Krematorium vorbei bis zum Mausoleum. Ganz im Sinne des jüdischen Philosophen Max Horkheimer drückte der Erinnerungsgang die Sehnsucht aus, dass «der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge». Und in seiner Ansprache brachte es der Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, Walter Homolka, auf den Punkt: «Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wussten genau, was sie tun.» Gott möge sich aber all der Opfer annehmen.

Rabbiner Homolka war auf Einladung von Erzbischof Zycinski mit vier Rabbinerstudenten, begleitet vom Regensburger Pastoraltheologen Heinz-Günther Schöttler, der die Ephraim- Veitel-Stiftungsdozentur für Homiletik am Abraham-Geiger-Kolleg inne hat, nach Lublin gereist. Dort im Priesterseminar fand vom 16. bis 20. September, ermöglicht durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, ein intensives Kennenlernen von angehenden Rabbinern und Priesteramtskandiaten statt. Thema was das besondere Verhältnis von Christentum und Judentum. Dieses einzigartige Verhältnis hatte Papst Johannes Paul II. schon 1979 herausgestellt: „Unsere beiden Religionsgemeinschaften sind auf der Ebene ihrer je eigenen religiösen Identität eng und beziehungsvoll miteinander verbunden". Diese exzeptionelle Beziehung wurde dem polnischen Papst durch die persönliche Begegnung mit Juden in seiner Heimatstadt Wadowice bewusst, «beide Religionsgruppen bildeten eine Einheit, und dies deswegen, weil sie sich bewusst waren, denselben Gott anzubeten». Gerade diese persönliche Ebene machte auch die besondere Qualität der Begegnung in Lublin und mit dem Erzbischof aus. Jósef M. Zycinski ist seit 1997 Erzbischof von Lublin. Der Wissenschaftsphilosoph lehrt auch an der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau und gilt als der profilierteste Intellektuelle im polnischen Episkopat; dem breiten polnischen Publikum ist er nicht nur als brillanter Prediger, sondern vor allem als Publizist und Essayist bekannt.

Erzbischof Jozef Zycinski mit Rabbiner Burt Schuman Foto: dpa

In seinem Vortrag verdeutlichte Rabbiner Homolka die besondere Beziehung von Juden zu den Christen. In einem Gang durch die Geschichte zeigte der Potsdamer Honorarprofessor auf, wie jüdische Denker mit der Tatsache umgingen, dass Jesus ein Jude war. Von christlicher Seite konnte Heinz-Günther Schöttler darlegen, dass die Beziehung zu den Juden zur christlichen Identität gehöre und deshalb der Dialog mit den Juden mehr als ein interreligiöses Gespräch sei. Schöttler hob hervor, dass durch eine persönliche Begegnung von Christen und Juden die Gefahr abgewehrt werden könnte, die Juden nur als eine vergangene Größe wahrzunehmen. Vielmehr könnten Christen erkennen, dass Gott den Juden seine Verheißungen ungekündigt zugesagt hat und diese Treue in Jesus von Nazareth, den die Christen «Christus» nennen, bekräftigt wurde. Vertieft und in die Praxis umgesetzt wurden diese Sichtweisen in zwei Bibelarbeiten, welche von Rabbiner Burt Schuman und dem Neutestamentler Miroslaw Wrobel von der Katholischen Universität Lublin geleitet wurden. Auf ganz andere Art und Weise begegneten sich die jüdischen und christlichen Teilnehmer bei einem gemeinsamen Musikabend unter der Leitung von Tanya Segal, der Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde «Beit Warszawa», die aus Russland stammt und viele Jahre in Israel lebte.

Eine Stadtbesichtigung zeigte, dass solch intensive jüdisch-christlichen Beziehungen in der Geschichte Lublins längst nicht immer der Fall waren. Deutlich fällt auf, dass die Stadt vor dem zweiten Weltkrieg in zwei Teile aufgeteilt war, in einen christlichen und einen jüdischen Stadtteil. Vom ehemaligen quirligen jüdischen Leben ist heute nach der Schoa nichts mehr zu spüren. Roman Litmann, der Vorsitzende der kleinen jüdischen Gemeinde Lublins, erinnerte in einem Gespräch daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die ca. 2.000 in Lublin lebenden Juden wegen des kommunistischen Regimes emigrierten. Erst seit etwa zehn Jahren, angestoßen durch die Diskussion um die Bücher «Nachbarn» und «Angst» des amerikanisch-polnischen Historikers Jan Tomasz Gross, in denen die Ermordung von Juden durch Polen während des Zweiten Weltkriegs und danach dargestellt werden, erinnert sich das heutige Polen seiner jüdischen Vergangenheit. Dies zeigt sich auch in Lublin. Im Jahr 2003 wurde das Gebäude der ehemaligen Jeschiwe Chamei vom polnischen Staat an die jüdische Gemeinde zurückgegeben und 2004 wurde ein Touristenweg zur jüdischen Geschichte Lublins angelegt. Dass mit Jozef Zycinski ein Erzbischof zu solch einem Dialogtreffen eingeladen hatte und sich mit «ich bin Josef, euer Bruder» verabschiedete, zeigt ebenso wie das große Medieninteresse, dass sich der Dialog unter den Geschwisterreligionen der Juden und Christen in Polen positiv weiterentwickeln kann. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kontroverse Neufassung der Karfreitagsfürbitte durch Benedikt XVI. zu einer schweren dauerhaften Belastung der Beziehungen zwischen Juden und Katholiken geführt hat. Die Dozenten und Studenten des Abraham-Geiger-Kollegs begrüßen es aber sehr, dass diese gemeinsame Initiative in Lublin das interreligiöse Gespräch nun auf anderer Ebene fortführt.

Stefan Zinsmeister

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008