Landesrabbiner ohne Ausbildung?

Das orthodoxe Judentum kennt individuelle Bildungswege

 

Umstritten: Dov-Levy Barsilay Foto: dpa

Anfang September teilte der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Hamburg mit, den Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay nach 15jähriger Tätigkeit mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben und den mit ihm im Jahre 1993 geschlossenen Vertrag angefochten zu haben.«Wir mussten so handeln, um Schaden von der Gemeinde abzuwenden. Das von Herrn Barsilay vorgelegte Rabbiner-Diplom ist offensichtlich nicht echt», sagt der Gemeindevorsitzende Ruben Herzberg gegenüber der Presse. Demnach wurde für die Einstellung von Herrn Barsilay als Rabbiner für die Hamburger Gemeinde von ihm ein in Israel erlangtes Rabbiner-Diplom aus dem Jahre 1986 vorgelegt.

Die «Jüdische Allgemeine» beschrieb Barsilay, der vor seiner Anstellung in Hamburg bereits als Kantor und Lehrer in Mainz und später als Rabbiner für den LV Westfalen-Lippe tätig war, 2003 als «vorerst letzten Rabbinersproß einer Familie, aus der zahlreiche Rabbiner stammten.» Sein Vater Benyamin Z. Barsilai war Landesrabbiner von Bremen, wo er 2005 verstarb. Dov- Levy Barsilay wurde 1947 in Tel Aviv geboren und legte, wie es in der «Jüdischen Allgemeinen» heißt, nach dem Studium an der Jeschiwa von Haifa sein Examen ab, «das ihn zum Rabbiner berechtigt». In Hamburg bewirkte er unter anderem, dass der an Gymnasien angebotene jüdische Religionsunterricht staatlich anerkannt und als Prüfungsfach im Abitur abgenommen worden ist; Barsilay selbst erteilte Unterricht für die Oberstufe.

Als Dov-Levy Barsilay sein 1993 sein Amt als Landesrabbiner von Hamburg und Schleswig- Holstein antrat, legte er eine Ordinationsurkunde von 1986 vor, die dem Vernehmen nach vom Rabbinat von Netanya ausgestellt worden war. Ein Mitarbeiter im Büro des Oberrabbiners von Netanya, David Chaim Chelouche, bestätigte inzwischen gegenüber der israelischen Tageszeitung «Ha'aretz», dass Rabbiner Chelouche auf Anfragen hin erklärt habe, dass diejenigen Personen, die Barsilays Smicha unterzeichnet hatten, dazu nicht berechtigt gewesen wären. Barsilay hält sich derzeit in Israel auf und gibt an, noch eine zweite Smicha neben der aus Netanya vorweisen zu können. Das israelische Oberrabbinat teilte unterdessen mit, mit der ganzen Angelegenheit nicht vertraut zu sein.

Ruben Herzberg: «Die uns vorliegenden Fakten und Dokumente haben wir einer sorgfältigen Prüfung unterzogen und erst nach gründlicher Befassung uns entschieden, Herrn Barsilay damit zu konfrontieren, wobei ihm das Recht, weitere Dokumente beizubringen, die seine rechtmäßige Bestellung zum Rabbiner bestätigen, selbstverständlich eingeräumt worden ist. Nichtsdestoweniger bleibt festzuhalten, dass der Abschluss des Vertrages zwischen der Jüdischen Gemeinde und ihm im Jahr 1993 auf der Grundlage eines von ihm vorgelegten ungültigen Rabbiner-Diploms zustande kam. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat mit Blick auf das Gemeindewohl und in seiner Eigenschaft als Arbeitgeber am Freitag, dem 5. September mit der sofort wirksamen Amtsenthebung von Herrn Barsilay als Landesrabbiner und der Anfechtung seines Vertrages reagiert. Hier gilt, was in anderen Beschäftigungsverhältnissen ebenfalls selbstverständlich ist: Kein Arzt kann ohne gültige Approbationsurkunde, kein Pfarrer ohne den Nachweis seines bestandenen theologischen Examens tätig werden.»

Unter den ersten Reaktionen auf die Nachricht von Barsilays Entlassung war die Frage, ob seine Mitgliedschaft in der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORK) ihn nicht über alle Zweifel erhaben mache: «Die nehmen doch sicherlich nicht jeden auf, oder?» Wesentlich gravierender dürften die Folgen bezüglich der von Barsilay verantworteten Statusentscheidungen, Eheschließungen und Übertritte sein.

Tatsächlich fallen Rabbiner nicht vom Himmel. Im liberalen und konservativen Judentum sind die Voraussetzungen für das Rabbineramt klar. Diese Ausbildung dauert fünf Jahre und erfordert vollzeitige Präsenz. Die akademischen Standards des Hebrew Union College - Jewish Institute of Religion sind auch vom Leo Baeck College in London und vom Abraham-Geiger- Kolleg übernommen worden. Akademisch ausgerichtete Ausbildungsstätten des modernen orthodoxen Judentums außerhalb Israels sind beispielsweise die Yeshiva University in New York mit dem Rabbi Elchanan Rabbinical Seminary sowie das Rabbinerseminar in Rom. Die Orthodoxie bildet ihre Rabbiner außerdem traditionell an nicht-wissenschaftlichen Jeschiwot aus, die allerdings ebenfalls volle Präsenz erfordern. Eine Ausnahme bilden in jüngster Zeit die sogenannten Skype-Rabbiner, zu denen auch der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Krefeld, Yitzhak Mendel Wagner, gehört. «Um Rabbi zu werden, hat Wagner ein zweijähriges Studium der jüdischen Gesetze hinter sich. Eine Schule für Rabbiner gibt es in der Region nicht. Daher liefen die meisten Prüfungen übers Internet. „Vergleichbar mit einer Fern-Uni." Für die abschließende 12stündige Prüfung zum „Rabbi-Diplom" musste er jedoch nach Jerusalem. Praktisch nebenbei studierte er Judaistik in Düsseldorf», hieß es über ihn in der «Westdeutschen Zeitung».

Angesichts der vielen individuellen Bildungswege innerhalb der Orthodoxie ist es vielleicht verständlich, dass der aschkenasische Oberrabbiner von Israel, Jonah Metzger, im September eigens nach Köln kam, um Rabbiner Yaron Engelmayer bei seiner Amtseinführung noch einmal dessen Smicha zu überreichen und diese Urkunde auch demonstrativ vor die Kameras zu halten. Eine Woche später folgte ein entsprechendes Schreiben des sefardischen Oberrabbiners von Israel, Rabbi Schlomo Amar. Braucht es solche Bestätigung aus Jerusalem, um den Wert und die Würde des Rabbineramtes in Deutschland nicht weiter zu beschädigen? «Der Titel „Rabbiner/- in" ist gesetzlich nicht geschützt», konstatiert Rabbiner Walter Homolka, der Rektor des Abraham- Geiger-Kollegs. «Jüdische Gemeinden achten deshalb auf die graduierende Institution sowie auf den Rabbinerverband, dem ein Bewerber für das Rabbineramt angehört.» Das dürfte im Fall Barsilay dann die schon erwähnte Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands sein.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008