Gedanken zu Rosch Haschana 5769

 

«Dass es heute in Deutschland wieder ein vielschichtiges, verschiedenartiges und auf diversen Gebieten bewandertes Judentum gibt, ist ein Wunder. Nach der deutschen Niederlage im zweiten Weltkrieg, die zur Beendigung der von den Nazis angeordneten Genozide, also auch des Holocausts, führte, sah das ganz anders aus. Die wenigen überlebenden deutschen Juden und die DPs (Displaced Persons) - Überlebende aus den Konzentrationslagern und Juden, die vor dem Nachkriegs- Antisemitismus in Polen und in der Ukraine flohen - gründeten hauptsächlich für soziale Zwecke sogenannte Übergangsgemeinden. Jedermann saß gewissermaßen auf gepackten Koffern, wartete auf die Ausreise - nach Israel oder Übersee.

Heute leben wieder weit über hunderttausend Juden in Deutschland. In der Mehrzahl kamen sie nach 1991 aus der früheren Sowjetunion; viele von ihnen werden bleiben und wollen es auch. Juden gehörten fast allen städtischen Berufen an. Natürlich findet man sie auch in den Redaktionen der Zeitungen und der elektronischen Medien. Und es ist ein gutes Zeichen für die jetzige Zeit, das fast niemand mehr wissen will, ob man Jude ist oder nicht. Wichtig ist allein das fachliche Können.

Trotz der Einheitsgemeinden sind heute alle innerjüdischen Richtungen in Deutschland vertreten. Das zieht sich hin vom Säkularismus, den man hauptsächlich, aber nicht nur, bei den Progressiven findet, über Konservatismus und die verschiedenen Formen der Orthodoxie bis zum immer noch teilweise im Chassidismus des 18. Jahrhunderts verankerten Chabad-Lubawitsch-Bewgung. Im Gegensatz zu früheren Zeiten unterstützen all diese Gruppen uneingeschränkt, jedoch nicht kritiklos, den Aufbau eines jüdischen Staates.

Die Vielfalt der religiösen und politischen Richtungen und Anschauungen sollte sich auch in den verschiedenen Medien widerspiegeln. Da ist noch viel zu verbessern, auch in der Jüdischen Zeitung.»

Ernst Cramer


Professor Ernst Cramer (geb. 1913 in Augsburg) kehrte 1945 als US-Soldat und amerikanischer Staatsbürger nach Deutschland zurück. Der Publizist ist Vorsitzender der Axel Springer Stiftung in Berlin.

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008