Münchner Neujahrempfang

 

"Rabbi Jehuda sagt im Talmud-Traktat Rosch Haschana 16a: Alles wird an Neujahr gerichtet, und das Urteil eines jeden wird zu seiner Zeit besiegelt. Der Mensch wird an Neujahr gerichtet, und sein Urteil am Versöhnungstag, Jom Kippur, besiegelt. Rabbi Jose sagt: Der Mensch wird an jedem Tag gerichtet, denn es heißt: ‚Du suchst ihn heim, Morgen für Morgen.'Rabbi Natan sagt: Der Mensch wird jede Stunde gerichtet, denn es heißt: „Augenblick für Augenblick prüfst du ihn."

Rabbi Jehuda sagt - man beachte das Präsens, als ob der jeweilige talmudische Rabbi unter uns wäre. Dem jüdischen Verständnis nach ist er es auch, denn jede Vergangenheit ist für uns Gegenwart und Zukunft, und die Toten leben in uns. „Zechor!", „erinnere dich!" Das ist die jüdische Zeit- und Weltsicht, die Kenntnislose gleichsetzen mit Rachgeist oder unserer vermeintlichen Unfähigkeit, zu vergessen. Wir vergessen das Gestern nicht, um das Heute und Morgen zu verstehen, auch uns selbst. Wir erinnern uns an Licht und Schatten. „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung", sagen die talmudischen Weisen. Sie meinen nicht nur vergangene Ereignisse, sondern auch Traditionen sowie Verstorbene, die in unserem Geist und Herzen weiterleben. Ohne Erinnerung kein Wissen und kein Werten, und wer nichts weiß und wertet, wird nichts und schafft nichts.»

Aus der Festrede von Michael Wolffsohn anlässlich des Neujahrsempfangs der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München und Oberbayern am 26. September. Der Historiker und Politologe ist Professor an der Hochschule der Bundeswehr in München und Vorstandsmitglied und Dezernent für Kultur und Öffentlichkeitsarbeit der IKG:

«Jakob, unser Stammvater, war „Gottesstreiter". „Typisch jüdisch" sozusagen.

Ja, wir Juden waren und sind ein streitbares Völkchen. Manch einer von Ihnen hat sich des- und damit unseretwegen schon das eine oder andere Mal das eine oder andere Haar gerauft. Weder Charlotte Knobloch noch ich oder andere Mitglieder unserer IKG oder der ganzen Jüdischen Gemeinschaft können oder wollen Besserung geloben, denn Streit ist für uns nicht Selbstzweck, sondern Denkmethode.»

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008