Oktober 2008

von Maria Utschitel und Corina Teichert 


6. Oktober 1933

Louis Begley

Der Schriftsteller Louis Begley wurde unter dem Namen Ludwik Beglejter in der ostgalizischen Provinzstadt Stryi, die zwischen den Weltkriegen polnisch war, 1939 von den Sowjets und im Sommer 1941 von den Deutschen besetzt wurde und heute zur Ukraine gehört, geboren. Sein Vater, ein Arzt, war gezwungen sich der Roten Armee anzuschließen und verbrachte einen Großteil des Krieges in Samarkand, während Begley und seine Mutter bis zur Errichtung des Ghettos in Stryi blieben. Mit falschen Papieren, die sie als katholische Polen auswiesen, flüchteten sie zuerst nach Lemberg, dann nach Warschau. Am Ende des Zweiten Weltkriegs fand die Familie in Krakau wieder zusammen. Begley besuchte im Schuljahr 1945/46 das Jan-Sobieski-Gymnasium in Krakau. Im Herbst 1946 verließ die Familie Krakau, um von Paris aus in die USA auszuwandern. Sie erreichten New York im März und änderten ihren Namen in Begley. Im Herbst 1948 zog sie nach Flatbush/Brooklyn, wo Begley bis 1950 die Erasmus Hall High School besuchte. Noch im selben Jahr begann er sein Literaturstudium an der Harvard-Universität, das er 1954 summa cum laude abschloss. Während seines zweijährigen Militärdienstes bei der Armee war er die 1etzten 18 Monate in Göppingen in Baden-Württemberg stationiert. Danach studierte er ab 1956 dank eines Stipendiums in Harvard Jura und schloss 1959 magna cum laude ab. Ebenfalls 1956 heiratete er Sally Higginson. Die Ehe wurde jedoch im Mai 1970 geschieden. Seit März 1974 ist er mit der aus Paris stammenden Schriftstellerin und Historikerin Anka Muhlstein verheiratet, mit der er drei Kinder hat. Von 1959 bis 1968 arbeitete er als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton, wurde 1968 Partner und 2004 bis zu seinem Ausscheiden 2007 Mitglied des Firmenrates. 1991 legte Begley seinen ersten Roman «Wartime Lies», «Lügen in Zeiten des Krieges», vor, welcher als eines der wichtigsten Dokumente literarischer Erinnerung an die Schoa gilt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seinen Debütroman. Es folgten sieben weitere Romane, darunter «The Man Who Was Late», «As Max Saw It», «About Schmidt» - der mit Jack Nicholson in der Hauptrolle verfilmt wurde - und im Jahr 2007 sein bisher letzter Roman «Matters of Honor». Seine Werke wurden in 15 Sprachen übersetzt. Der Literat war von 1992 bis 2001 Mitglied des Kuratoriums des amerikanischen PEN-Zentrums und von 1993 bis 1995 dessen Präsident. Begley erhielt 2000 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer- Stiftung und verfasst regelmäßig Essays für deutsche Zeitungen zu aktuellen Ereignissen in den USA. Die Tochter des heute in Manhattan lebenden Begley, Amy, ist ebenfalls Schriftstellerin und hat unter dem Pseudonym Laura Moore bereits vier Romane veröffentlicht.

 

13. Oktober 1941

Paul Simon

Er ist Linkshänder, spielt aber Gitarre mit rechts. Er ist 1,55 Meter klein und seine Veröffentlichungen fallen mager aus. Dass er nicht mehr als drei bis vier Songs pro Jahr produziert, liegt daran, dass der US-amerikanische Musiker Paul Simon Perfektionist ist. Doch genau dies ließ Paul Simon in seiner nun über 40-jährigen Karriere zum erfolgreichsten Songautor seit den beiden «Beatles» John Lennon und Paul McCartney werden. Weltberühmt wurde der in New Jersey geborene Künstler gemeinsam mit seinem Freund Art Garfunkel, die Songs von «Simon & Garfunkel» wurden aber fast alle von Simon komponiert. Paul Simon stammt aus einer jüdisch-ungarischen Familie und die Musik wurde ihm von seinen Eltern, einem Bassisten und einer Musiklehrerin in die Wiege gelegt. Er wuchs in Queens auf und schrieb 1955 sein erstes Lied «The Girl For Me». Zwischen 1958 und 1963 komponierte und produzierte er für verschiedene Künstler. «Simon & Garfunkel» wurde mit ihrem unverwechselbaren, süß-melancholischen Sound zum erfolgreichsten Popduo dieser Zeit. 1965 startete er seine Solokarriere, doch sein Debütalbum scheiterte. Nach erfolgreichen Hits und mehreren Grammy-Auszeichnungen für das Album «Bridge Over Troubled Water» wurden «Simon & Garfunkel» in die Hall of Fame des Rock 'n' Roll aufgenommen. Doch auf dem Höhepunkt des Erfolges trennte sich das Duo. Darauf ging Paul Simon erneut eigene Wege und arbeitete als Dozent an der New York University, wo er Komposition und Aufnahmetechniken lehrte. Im Jahr 1972 veröffentlichte er das umjubelte Soloalbum «Paul Simon». 1969 heiratete der Musiker seine erste Frau Peggy, mit der er seinen Sohn Harper bekam. 1975 brach die Ehe auseinander. Im selben Jahr machte Simon das Album «Still Crazy After All These Years». Das Stück «My Little Town» daraus war die erste Aufnahme mit Garfunkel seit fünf Jahren. 1983 ging Simon seine zweite Ehe mit der langjährigen Freundin Carrie Fisher ein. Doch auch dieser Bund hielt nur ein Jahr. Seit seiner kleinen Rolle in Woody Allens Film «Annie Hall» 1977 begann Simon sich für die Schauspielerei zu interessieren und bekam 1980 die Hauptrolle in «One Trick Pony». Auch das Drehbuch sowie der Soundtrack stammten von Simon. Im Jahr 1984 beteiligte er sich an dem Musik- Projekt «USAfrica» und veröffentlichte 1986 sein erfolgreichstes Album «Graceland». Das Album entstand in Zusammenarbeit mit afrikanischen Instrumentalisten und Sängern. Es verkaufte sich acht Millionen Mal und verschaffte Simon seinen elften Grammy. Den Großteil der Einnahmen ließ er Anti- Apartheid-Organisationen zukommen. Am 15. August 1991 gab Simon ein Gratiskonzert im New Yorker Central Park, zu dem nach Schätzungen bis zu 750.000 Zuschauer kamen. Selbst zu dem legendären Konzert mit Art Garfunkel an selber Stelle zehn Jahre zuvor waren «nur» 500.000 Zuschauer gekommen. Seit 1992 ist er mit der Sängerin Edie Brickell verheiratet. Sie haben drei Kinder und leben in New Canaan, Connecticut.

 

18. Oktober 1859

Henri-Louis Bergson

Henri Bergson gehörte zu den wichtigsten und bekanntesten Philosophen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem Nobelpreis für Literatur wurde ihm 1927 die größte institutionelle Auszeichnung zuteil. Darüber hinaus ehrten ihn später viele Schriftsteller und Philosophen als Vordenker und bezogen ihn in ihre Werke mitein. Bergsons Überlegungen bildeten die Basis für Marcel Prousts Reihe «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit», darüber hinaus klangen sie in der existentialistischen Literatur Jean-Paul Sartres nach. Auch Martin Heidegger griff einige der Konzepte des Franzosen für eigene Ansätze auf. Als Sohn eines polnischen Juden und einer irischen Mutter verbrachte Bergson die ersten acht Jahre seines Lebens in England, bevor er 1867 nach Paris kam. Bis 1878 besuchte er dort das heutige Lycée Condorcet. Trotz herausragender Leistungen im Fach Mathematik - für die er 1877 gar einen Preis erhielt - entschied er sich für ein Studium der Literatur und Philosophie. Der Zeitgeist des späten 19. Jahrhunderts war von technischen Errungenschaften und dem Glauben an uneingeschränkten Fortschritt geprägt. Die Wissenschaft feierte ihren Sieg über die Religion. Darwins Evolutionstheorie ersetzte die biblische Schöpfungsgeschichte und Weltausstellungen demonstrierten des Menschen Herrschaft über die Natur. Auch Bergson folgt anfangs dieser Ideologie. Bald kehrt er dem Rationalismus jedoch den Rücken und rebelliert gegen die vorherrschende, mechanisch-deterministische Weltanschauung. Die Auffassung des menschlichen Verstandes als treibende Kraft hinter der fortschrittlichen, widernatürlichen Existenz des Menschen lieferte laut Bergson ein verzerrtes Weltbild. Der Philosoph wird samt seiner Theorie vom «élan vital» zum Inbegriff einer Gegenbewegung. Der Verstand sei lediglich das Organ des Werkzeug produzierenden Menschen, wohingegen die Erkenntnis, das Sehen und Verstehen, ein intuitiver Prozess sei, dem der Verstand im Wege stehe. Nach seiner Tätigkeit als Gymnasiallehrer wurde er 1900 als Professor an das Collège de France berufen. Seine Vorlesungen waren äußerst beliebt und Bergsons Ruf reichte bald über die Grenzen Frankreichs hinaus. Er wurde von den Studenten so geschätzt, dass sie das Collège bald scherzhaft als «the house of Bergson» bezeichneten. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, zeigte sich der Welt erstmals eine grauenhafte Schattenseite der Industrialisierung. Das massenhafte Sterben ließ viele am technokratischen Kurs zweifeln. So wundert es kaum, dass Bergson in der Zeit zwischen den Weltkriegen auch den Zenith seiner Popularität erreichte. Wie andere Intellektuelle warnte er schon früh vor den Gefahren, die von faschistisch-rassistischem Gedankengut ausgingen. Seine jüdische Herkunft hatte für Bergson nie eine Rolle gespielt. Doch als das Vichy-Regime mit Sondergesetzen 1940 die Judenverfolgung einleitete, wollte er klar Position beziehen. Bergson schlug das Angebot von Präsident Pétain aus, von den Gesetzen verschont zu bleiben, und ließ sich offiziell als Jude eintragen. Nach einer schweren Bronchitis verstarb Bergson am 3. Januar 1941 im Alter von 81 Jahren. Die Deportation und die Vernichtungslager blieben ihm somit erspart. Seine letzten Lebensjahre waren vom Leid einer schweren Arthritis und unerschöpflichem Schaffensdrang gekennzeichnet. Der blinde Hass vieler seiner Landsleute hinterließ jedoch tiefe Verbitterung, bei jenem Mann, der glaubte, dass die Philosophie keine Grenzen kenne. Vielleicht rang er sich noch ein Lachen ab, denn zu Lachen sei der unterschwellige Wunsch eines jeden, sein Gegenüber zu diskreditieren und so zu erziehen, wie Bergson selbst es sagte.

 

22. Oktober 1844

Sarah Bernhardt

Die Schauspielerin Sarah Bernhardt wurde als Marie Henriette Rosine Bernhard in Paris geboren. Die Tochter einer jüdischen Niederländerin begann 1858, nach dem Besuch einer Klosterschule, ihre Schauspielausbildung an der «Comédie-Française». Mit der Titelrolle in Rancines «Iphigénie» debütierte sie vier Jahre später ebenfalls an der «Comédie-Française», nun unter dem Namen Sarah Bernhardt. Nach einem Streit mit einer Kollegin wurde sie jedoch entlassen und spielte jahrelang nur unbedeutende Rollen. Von einer Reise nach Brüssel kehrte sie schwanger nach Paris zurück. Im Dezember 1864 wurde ihr einziges Kind Maurice, Sohn des belgischen Fürsten Henri de Ligne, geboren. Ihre ersten schauspielerischen Erfolge feierte Bernhardt 1868 in unterschiedlichen Stücken am Pariser Theater «Odéon». Während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 blieben alle Theater geschlossen und Bernhardt pflegte Verwundete. Nach dem Krieg gelang es ihr, an die «Comédie-Française» zurückzukehren. Durch ausgedehnte Gastspielreisen wurde sie auch über die Grenzen Frankreichs berühmt. 1879 trat sie mit ihrer eigenen Schauspielgruppe in London auf und begründete mit diesem Auftritt endgültig ihren Ruf als beste Schauspielerin ihrer Zeit. Es folgte 1880 eine halbjährige Tournee durch 51 Städte der USA. 1881 gab sie Vorstellungen in Russland, Italien, Griechenland, Ungarn, der Schweiz, Dänemark, Belgien und den Niederlanden. Die als «la divine», die Göttliche, gefeierte Aktrice, heiratete 1882 Jacques Damala, der als Attaché der griechischen Botschaft nach Paris gekommen war. Zusammen mit ihm eröffnete sie ein eigenes Theater unter der Leitung ihres Sohnes. Jedoch führten das mangelnde schauspielerische Talent Damalas und seine Spiel- und Morphinsucht zum baldigen Bankrott des Theaters. Noch im Jahr ihrer Hochzeit trennten sie sich. Nach dem finanziellen Ruin unternahm sie eine Europatournee, der zwischen 1886 und 1889 neue Gastspiele in den USA und 1891 bis 1893 schließlich eine Welttournee folgten. Bernhardt war eine vielseitige Schauspielerin, die sowohl in klassischen als auch zeitgenössischen - zumeist französischen - Dramen das Publikum begeisterte. Ihre größten Erfolge feierte sie in der Bühnenversion der «Kameliendame» von Alexandre Dumas dem Jüngeren, in «Adrienne Lecouvreur » von Eugène Scribe sowie den Melodramen «Fédora », «La Tosca» und «Cléopâtre» von Victorien Sardou. Die «Kameliendame » spielte sie auch in einem ihrer Stummfilmauftritte. Auch ihre Verkörperung von Männerrollen wurde bewundert, so spielte sie u. a. den «Hamlet». Bernhardt galt als talentierte Bildhauerin und Malerin. Als Leiterin mehrer Theater in Paris, wie dem «Théatre des Nations» - das von ihr selbst in «Théatre Sarah Bernhardt» umbenannt wurde und noch heute so heißt - war sie nicht nur um die schauspielerischen Leistungen bemüht. 1894 beauftragte sie den Maler Alfons Maria Mucha mit einem Plakatentwurf, stellte ihn fest an und verhalf ihm, als späterem Hauptprotagonisten des Jugendstils, zu Erfolg. Neben Romanen und Lustspielen verfasste Bernhardt 1907 ihre Memoiren. 1906 bekam sie eine Professur am Pariser Konservatorium und wurde 1914 Mitglied der französischen Ehrenlegion. Infolge einer Knieverletzung von 1906, wurde ihr 1915 das rechte Bein amputiert, was sie jedoch nicht davon abhielt, während des Ersten Weltkriegs vor den Truppen zu spielen und eine weitere Tournee durch die USA zu machen. Sarah Bernhardt starb am 26. März 1923 in Paris.

 

29. Oktober 1932

Charlotte Knobloch

 

Seit 1985 ist sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, seit 2003 Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses, seit 2005 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses und am 7. Juni 2006 wurde sie zur Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland gewählt. In ihrem jetzigen Amt ist Charlotte Knobloch die erste Frau - für das orthodox geprägte deutsche Judentum ein Novum. Knoblochs erste Reaktion, als sie von ihrer Wahl erfuhr: «Was sagen denn die Rabbiner dazu?» Durch die Wahl wurde sie nach Ansicht des Historikers Michael Wolffsohn zu einer Art «oberste Mutter der deutschen Juden». Eine der Hauptaufgaben, die in ihre Amtszeit fällt, ist die Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR. Geboren wurde Charlotte Knobloch am 29. Oktober 1932 als Tochter des jüdischen Juristen Siegfried Neuland in München. Sie überstand die nationalsozialistische Judenverfolgung, da eine ehemalige Hausangestellte ihres Onkels das Mädchen zum Bauernhof ihrer katholischen Familie nach Franken brachte und sie als ihr uneheliches Kind ausgab. Obwohl sie «nicht noch mal alles aufgeben wollte» und sich «nach Geborgenheit sehnte», kehrte sie nach dem Krieg mit ihrem Vater nach München zurück. Als 18-Jährige heiratete sie den Kaufmann und KZ-Überlebenden Samuel Knobloch. Gemeinsam wollten sie eigentlich in die USA auswandern - und blieben dann doch, weil das erste Kind geboren wurde. Kurz darauf kamen zwei weitere Kinder zur Welt. In wenigen Jahren schaffte Frau Knobloch es an die Spitze der Münchner Gemeinde und wurde für ihr Engagement mehrfach ausgezeichnet. 2005 wurde sie für ihren herausragenden Einsatz zur Aussöhnung von Juden und Nicht-Juden und ihr langjähriges Wirken für die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern zur Ehrenbürgerin der Stadt München ernannt. Ihrem Einsatz ist es maßgeblich zu verdanken, dass am 9. November 2006 das neue jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge in der Bayerischen Hauptstadt eröffnet werden konnte.

 

  von Maria Utschitel und Corina Teichert

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008