Brauchen wir unabhängige jüdische Medien in Deutschland?

 

Pro

Ja - wir brauchen unabhängige jüdische Medien

Rosa Berger-Fiedler                Foto: Babel TV

Die Story auf der Titelseite der September-Ausgabe der «Jüdischen Zeitung» hätte von mir sein können: «Brauchen wir unabhängige jüdische Medien». Wieder ist mir jemand zuvorgekommen. Aber dieses Mal wusste ich, dass ich nicht schweigen darf, da wir zu den Schlussfolgerungen des Autors Janusch Kozminski bereits unmittelbar nach der Wende gekommen sind. Doch nicht etwa deshalb, weil es so viele gute jüdische Journalisten als Kritiker der Gesellschaft gibt, sondern weil ich als in Deutschland lebende Jüdin und Dokumentaristin schon immer ein sicheres Gefühl hatte: Wir müssen selbst über uns sprechen dürfen. Wir sind anders, als die anderen uns sehen. Wir sind nicht nur Opfer.

Vor genau 20 Jahren im Januar hatte mein Film «Erinnern heißt Leben» Premiere. Nach der Vorführung in Ost-Berlin wurde ich von Heinz Galinski, der als Gast aus «dem Westen» der Premiere beigewohnt hatte, gefragt, ob ich so einen Film auch über die Jüdische Gemeinde Berlin-West machen würde. Die Wende kam. Viele meiner Kollegen meinten, dass ich mit jüdischen Themen im Westen kein Problem haben würde: Ich hatte inzwischen acht weitere Filme über das jüdische Leben fertig stellen können.

Ich machte ähnliche Erfahrungen wie Kozminski. Zuerst konnten wir noch einige Sujets in Kirchensendungen platzieren. Der Vorschlag eines eigenen jüdischen Fernsehmagazins wurde nicht nur von uns eingebracht. Ich wurde vom damaligen Intendanten des ORB gefragt: «Warum ein jüdisches Magazin - von Juden gemacht? Über Frauen berichten doch auch nicht nur Frauen!» Bei einem nächsten Vorstoß wurde uns ein Sendeplatz angeboten, wenn wir akzeptieren würden, dass die Redaktion und damit die inhaltliche Dominanz in der Hand des Senders bleibe, wir aber das Geld besorgen und unsere Sponsoren nennen sollten. Es kam nicht zu Stande - nicht nur, weil wir keine Sponsoren hatten.

Meine Briefe an Spitzenvertreter der jüdischen Gemeinden «im Westen» wurden entweder gar nicht beantwortet, mit Bemerkungen wie «dafür haben wir hier kein Geld» abgetan oder es wurde uns bedeutet, es gäbe zu wenig jüdische Fachkräfte, um Sendungen zur jüdischen Thematik realisieren zu können. Als der NDR eine bestellte Reportage mit der Bemerkung, die Autorin sei zu involviert, ablehnte, haben wir das Problem auf den Punkt gebracht: «Zu viele Juden?» Mitarbeiter des MDR meinten bei der Abnahme eines bestellten Dokumentarfilms über Viktor Klemperer, «der Film ist zu anspruchsvoll für unsere Zuschauer» - und wurde daraufhin ebenfalls abgelehnt. Worte, die ich bereits bei der Abnahme meines Films «Liebster Dzio-dzio» über Rosa Luxemburg zehn Jahre zuvor in der DDR gehört hatte. Bei einer Abnahme eines vom SFB bestellten Films über eine Bat Mizwa fehlten dem christlichen Redakteur «das weiße Kleidchen und so». Wir haben im Laufe der Jahre vor allem die Erfahrung machen müssen, dass Jüdisches von den öffentlich-rechtlichen Anstalten bevorzugt bei nichtjüdischen Filmemachern in Auftrag gegeben wird. Für unsere thematischen Vorschläge gibt es kein Geld. Die Absagen füllen ganze Ordner.

Nun also wussten wir, dass wir auf uns allein gestellt sein würden, wollten wir unsere Absicht Realität werden lassen: Sendungen zu produzieren, die vorwiegend von Juden über Juden in Vergangenheit und Gegenwart, für Juden und Nicht-Juden gemacht werden. Darin sahen und sehen wir eine der wichtigsten Möglichkeiten, einen aktiven Beitrag gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu leisten. So entstand und sendet bis heute unser «Babel TV - das jüdische Fernsehen».

Wir kommen aus «dem Osten». Und keiner soll sagen, das sei kein Problem! Doch - es ist sogar innerhalb der jüdischen Welt in Deutschland ein Problem. Wir im Osten haben gelernt, Eigeninitiative zu ergreifen und zu improvisieren, in Zusammenhängen zu denken. Unsere Dokumentarfilme hatten eine eigene äsopische Sprache, sie waren deshalb gut und in der Welt anerkannt. Wir hatten gelernt, Probleme auf eigene Weise auszusprechen und anzusprechen.

Es ist eine unendliche Geschichte, wie man heutzutage zu unabhängigen jüdischen Medien kommt, denn das oben Geschilderte und die Argumentation pro und eventuell contra könnte fortgesetzt werden. Ich aber bin für die Provokation durch den Artikel Kozminskis dankbar, der allerdings leider so tut, als ob es «Babel-TV» seit mehr als dreizehn Jahren gar nicht geben würde. So hoffe ich, dass mein Beitrag nicht das Ende, sondern der Anfang einer sinnvollen Diskussion um unabhängige jüdische Medien sein wird.

 

Roza Berger-Fiedler, «Babel-TV»

 

Contra

Warum wir unabhängige jüdische Medien brauchen - und warum nicht!


Lorenz Beckhardt                        Foto: privat

Was hat die Tatsache, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland unabhängige Medien zu ihrer eigenen, internen Selbstverständigung braucht, mit den öffentlichrechtlichen Sendern zu tun? Nichts! Eine Diskussion über die halachische Diskriminierung eingewanderter russischer Juden ohne jüdische Mutter, über die Ausgrenzung liberaler Juden durch einige Einheitsgemeinden, über Führungsprobleme der orthodoxen Rabbinerkonferenz oder die Grenzen innerjüdischer Israelkritik - all das gehört nicht in ein Massenmedium, dessen Hauptzweck die abendliche Unterhaltung ist. Kurz: in den großen Fernseh-Sendern ist dafür aus gutem Grund kein Platz. Fernsehen ist Unterhaltung selbst dann, wenn es primär informieren will. Fernsehen informiert über Bilder, das gesprochene Wort ist immer rudimentär. Fernsehen muss deshalb - ob über Zwangswerbung oder Gebühren finanziert - immer die breite Masse ansprechen. Insofern hat Ex-NDR-Intendant Jobst Plog Recht, wenn er dem Filmproduzenten Janusch Kozminski antwortet, dass ein jüdisches FS-Magazin gegenüber der Masse der Gebührenzahler nicht zu verantworten sei. Wie kann eine Minderheit von optimistisch geschätzt 300.000 Juden in einem nationalen Fernsehprogramm eigene, regelmäßige Sendezeit beanspruchen? Nichts anderes wäre ein «Jüdisches Magazin» wie es Kozminski offenbar für den NDR produzieren wollte.

Aus gutem Grund werden die oben genanten innerjüdischen Themen in der publizistisch immer anspruchsvolleren «Jüdischen Zeitung» behandelt und nicht etwa in der BILD-Zeitung. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es sehr wünschenswert wäre, wenn sich die nicht-jüdische Mehrheit mit unseren Interna beschäftigte. Wo bitte wäre auf jüdischer Seite der Nutzen? Wir brauchen also unabhängige jüdische Medien, weil die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft aus gutem Grund keinen konstruktiven Anteil an unseren Debatten nimmt. Umgekehrt: Wir könnten selbst dann nicht auf eine Jüdische Zeitung verzichten, wenn Janusch Kozminski plötzlich einen Großauftrag vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekäme, und in der Folge vorerst weder Zeit noch Grund hätte, die öffentlich-rechtlichen Sender zu beschimpfen.

Weil das aber offenbar seit längerem nicht der Fall war, sieht Kozminski «Korruption und Vetternwirtschaft auch in staatlichen Funkhäusern» am Werk, obwohl es in Deutschland seit 1945 keine staatlichen Funkhäuser mehr gibt. Er sieht, wie dort angeblich Kritiker, da meint er wohl sich selbst, «mundtot» gemacht werden. ARD und ZDF berichteten lieber über «tote Juden» als seine Programmideen aufzugreifen, der Grund sei die dort herrschende «Arroganz der Macht und die Selbstgefälligkeit der Entscheidungsträger», obwohl «in jeder öffentlich-rechtlichen Anstalt Deutschlands auch ein Alibi-Jude, aber das nur zum Abnicken» säße, verrät uns Kozminski. Aber verrät er uns auch, woher er das weiß? Und kann er es belegen? Weder noch.

Hier wird der Beitrag schmutzig. Warum gibt die «Jüdische Zeitung» auf ihrer ersten Seite einem Filmproduzenten einen prominenten Platz, um jüdische Journalisten pauschal zu beschimpfen? Die jüdischen Kollegen, die spontan vor meinem inneren Auge erscheinen, arbeiten beim WDR, NDR, HR, BR, RBB und ZDF - alles fest angestellte, verantwortliche und vor allem entscheidungsbefugte Redakteure und Redakteurinnen. Sie sind keine Nick-Juden und keine «Opportunisten» wie Kozminski pauschal behauptet.

Dass wir derzeit keinen Karl Kraus, keinen Egon Erwin Kisch oder Kurt Tucholsky vorzuweisen haben, liegt daran, dass die Vernichtung des liberalen, bildungsbürgerlichen Judentums in Deutschland und Österreich nicht durch ein oder zwei Generationen eingewanderter russischer Juden wettgemacht werden kann, wenn überhaupt jemals. Ein Janusch Kozminski füllt diese Lücke nicht. Die jüdischen Edelfedern der 1920er Jahre schrieben zudem nicht primär für «unabhängige jüdische Medien », sondern für aufgeklärte, linke Blätter, die sich an die gesamte deutschsprachige Öffentlichkeit wandten. Ob ein Karl Kraus, der mit 37 Jahren öffentlich zum Katholizismus übertrat, demnach heute ein guter Kronzeuge für die These wäre, dass die öffentlich-rechtlichen Sender kritischen, jüdischen Geist unterdrückten?

Kozminski ist frustriert. Soviel ist spürbar. Natürlich haben es unabhängige Filmproduzenten heute schwerer, ihre Stoffe im Programm unterzubringen als vor zwanzig Jahren. Die Ansprüche an die Dramaturgie steigen unaufhörlich. Eine Geschichte braucht nicht einmal mehr interessant zu sein, wenn sie nur gut erzählt wird. Da bleibt eben manche Film- oder Magazinidee auf der Strecke. Das aber ist das große Geschäft der Massenmedien, nicht nur des Fernsehens. Die «Jüdische Zeitung» wird, wenn sie weiter Kurs auf anspruchsvollen Journalismus hält, hier nicht so schnell in Versuchung geraten.

Insofern kann ich mich Kozminskis Fazit anschließen: Diese «Jüdische Zeitung» möge uns erhalten bleiben! Sie ist ein Hoffnungsschimmer. Um das festzustellen, hätte es der Schimpftirade gegen die öffentlich-rechtlichen Sender wahrlich nicht gebraucht.

 

Lorenz S. Beckhardt (Alibi-Jude)

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008