«Mein kleines großes Leben»

 

 

Wer im Berlin der 1980er und 1990er Jahre das Glück hatte, die begnadete Geschichtenerzählerin und Komödiantin Holly-Jane Rahlens bei einem ihrer seltenen Soloabende im Amerikahaus zu erleben, wird davon bis heute nachhaltig begeistert sein. Es war stets eine ganz eigene Atmosphäre von intelligent-nachdenklicher Kurzweil und lebensbejahender Heiterkeit, die die Schauspielerin und Autorin in ihrem dankbaren Publikum hervorzurufen verstand. Trotzdem wechselte die gebürtige New Yorkerin nach der Geburt ihres Sohnes hinter den Schreibtisch. So verlor die Berliner Kleinkunstszene zwar einen ihrer größten und konstantesten Geheimtipps, dafür hatte ein umso größeres Lesepublikum die willkommene Gelegenheit, zunächst zwei ihrer gelungensten One-Woman-Shows in Buchform kennenlernen zu dürfen. Nach dem Erfolg ihrer beiden für ein erwachsenes Publikum geschriebenen, durchaus autobiographisch zu verstehenden Romane «Becky Bernstein goes Berlin» und «Mazel Tov in Las Vegas» fand Holly-Jane Rahlens ihr ureigenes Metier im Schreiben von Jugendbüchern. Auch in diesem Genre konnte sie dank ihres unvergleichlichen komödiantischen Talents und ihres auf vielen Auftritten geschulten sicheren Gespürs für Pointen bald außergewöhnliche Erfolge vorweisen. Ihr im Jahr 2003 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes Buch «Prinz William, Maximilian Minsky und ich» wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und letztes Jahr sogar fürs Kino verfilmt. Über ihr neuestes Werk dürften sich allerdings auch ihre erwachsenen Fans freuen, da sie damit wieder zu ihrem ursprünglichen autobiographischen Ansatz zurückkehrt, um von ihrer Kindheit und Jugend im New York der 1960er Jahre zu berichten. Inwiefern die Autorin mit ihrer Protagonistin Susie B. Scheinwald identisch ist, bleibt dabei eher nebensächlich, muss doch das Identifikationspotenzial mit einer zum Tragen von orthopädischen Schuhen gezwungenen unglücklich verliebten Heranwachsenden, die ihre Umwelt mit so wachem, unbefangenem und gleichzeitig lebensklugschlagfertigem Verstand beobachtet, naturgemäß so ausgeprägt sein, dass der Leser schon bald nur noch mit ungläubigem Wiedererkennen, Selbsterkenntnis und Verstehen seiner eigenen Kindheit beschäftigt ist. Holly-Jane Rahlens ist ein unverwechselbarer hochsympathischer und entwaffnender Ton zu eigen, den man ansonsten höchstens von britischen oder amerikanischen Autorinnen wie Helen Fielding («Schokolade zum Frühstück») kennt.

 

«Mein kleines großes Leben», aus dem Amerikanischen von Kattrin Stier und Holly-Jane Rahlens, erschienen bei Rowohlt, 271 Seiten, 12,95 Euro

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008