Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ali Hassans Intrige»
Auch als politisch interessierter und über die Ereignisse in aller Welt umfassend informierter, aufgeklärter Mensch vergisst man leider allzu oft, dass die Bürger totalitärer Staaten nicht zwangsläufig dieselbe Meinung vertreten wie das jeweilige sich dort gerade an der Macht befindende Regime. Wenn man sich vor Augen führt, wie selbstverständlich es in einer Demokratie dazugehört, die selbst gewählte Regierung zu kritisieren, muss jedem klar werden, dass dies in einer Diktatur erst recht an der Tagesordnung ist: allerdings wird das, was hier legal und erwünscht ist, dort oft unter schlimmste staatliche Sanktionen gestellt und kann deshalb in der Regel nicht frei geäußert werden. Der syrische Schriftsteller und Drehbuchautor Nihad Siris, geboren 1950 in Aleppo, hat einen erstaunlich leichtfüßigen, wunderbar erhellenden Roman über die Methoden und Funktionsweisen einer Diktatur geschrieben, der die Schrecken des von ihm porträtierten totalitären Regimes elegant und in beispielhafter Universalität bloßlegt, ohne dabei in blutige Details abzuschweifen: es genügt die feine Andeutung, um dem Leser unmissverständlich klarzumachen, um was es hier geht - möglicherweise eine Art Selbstschutz des Autors. Dessen sympathischer jugendlicher Protagonist Fathi Schin, ein regimekritischer Schriftsteller, der von der Staatsmacht kaltgestellt und mit Publikationsverbot belegt worden ist, gerät am Anfang des Romans in die aufgeblasene Parade zum 20. Jahrestag der «Machtergreifung » des Großen Führers, die vom Autor sehr schön als «Getöse der Macht» im Gegensatz zum befohlenen künstlerischen Schweigen des Helden, aber auch zum drohenden Schweigen des Gefängnisses, ja sogar des Grabes beschrieben wird. Als Fathi im Trubel einen protestierenden Studenten vor den Schergen des Geheimdienstes zu retten versucht, wird sein Ausweis eingezogen und ihm mitgeteilt, er könne sich diesen auf dem «Revier» wieder abholen. Unterdessen erfährt Fathi von seiner verwitweten Mutter, dass diese wieder heiraten wolle, und zwar ausgerechnet den Offizier Ali Hassan, ein prominentes Mitglied der Führungsriege. Die Tragweite von dessen Intrige wird dem Helden des Buches allerdings erst klar, als er zum Verhör abgeholt wird. Neben der erhellenden Schilderung der Funktionsweise staatlicher Willkür ist besonders die liebevoll porträtierte, weitgehend dem Idealbild des klassischen jugendlichen Helden entsprechende unbestechliche Hauptfigur des Fathi Schin eine erfrischende literarische Entdeckung.
«Ali Hassans Intrige», aus dem Arabischen von Regina Karachouli, erschienen bei Lenos, 176 Seiten, 18,50 Euro
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