Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Zehnundeine Nacht»
Man muss es wohl ausgesprochen mutig nennen, wenn ein ernsthafter zeitgenössischer Autor nicht nur mit dem Titel seines neuen Buches so eindeutig an die wohl berühmteste Märchensammlung der Literaturgeschichte anknüpft wie der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky, sondern auch mit dessen Personal und Rahmenhandlung - zumal letztere eindeutig im Hier und Jetzt angesiedelt ist und nicht im zauberhaft verdichteten, idealisierten Morgenland. Natürlich beinhaltet die im Titel angedeutete Beschränkung auf eine Folge von nur elf chronologisch aneinandergereihten nächtlichen Erzählungen schon eine gewisse ehrerbietige Demut gegenüber dem großen Vorbild. Wie dort sind auch bei Lewinsky die Erzählerin eine Prinzessin und der schlaflose Zuhörer ein König, allerdings nicht im landläufigen Sinne, denn wo sonst findet man in unserer Zeit noch so unzeitgemäße Titel aus der Zeit des Feudalismus, wenn nicht in einer Subkultur am unteren Ende unserer Gesellschaft? So ist die Prinzessin eine alternde Prostituierte, die die Stammgäste unter ihren Freiern weniger durch ihre körperlichen Vorzüge anzuziehen vermag als durch ihre besondere Gabe, ihnen unterhaltsame, teils ermutigende, teils entlarvende Geschichten zu erzählen. Beim König handelt es sich um einen heruntergekommenen, sterbenskranken Drahtzieher der lokalen Kleinkriminalität einer im Buch nicht näher bezeichneten Großstadt, der fast täglich vorbeikommt, um seine innere Leere für eine Zeit lang zu vergessen. Es ist eine wahre Freude für den Leser zu erleben, wie Charles Lewinsky auch in seinem neuen Buch auf der absoluten Höhe seiner virtuos entwickelten erzählerischen Fähigkeiten eine Reihe von fantastischen kurzen Geschichten vor uns ausbreitet, die in ihrem absurden Fantasiereichtum nicht nur dem großen orientalischen Vorbild gerecht werden, sondern auch eine höchst individuelle von überaus treffenden Beobachtungen unserer Gegenwart getragene, fabulierfreudige Form von modernen Märchen ausbilden, in denen sich all unsere Hoffnungen, Ängste, positive Anlagen und menschliche Defizite auf wunderbare Weise spiegeln. Dabei sind die eigentlichen Geschichten durch den lebendigen Dialog der beiden Gesprächspartner so geschickt mit der Rahmenhandlung verquickt, dass verwandte Themen stets in beiden Erzählsträngen aufgenommen werden und sich so gegenseitig ergänzen. «Zehnundeine Nacht» ist ein meisterhaftes kleines Erzählkunstwerk, das an die besten Geschichten des österreichischen Erzählers Michael Köhlmeier erinnert.
«Zehnundeine Nacht», erschienen bei Nagel & Kimche, 190 Seiten, 17,90 Euro
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