«Ich darf das, ich bin Jude»

 

Wo liegt eigentlich das Emsland? Wenn eine ehemalige Bundesregierung schon einen ihrer Pläne nach einer bestimmten Region benennt, kann es um diese nicht besonders gut bestellt sein. Selbst gut fünfzig Jahre später, da der Lebensstandard im Emsland offiziellen Quellen zufolge endlich dem der restlichen Republik entspricht, lassen sich trotzdem nur wenige beeindruckende Fakten mit dieser kargen Landschaft im Westen Deutschlands in Verbindung bringen. Immerhin ist nach dem Krieg eine nicht geringe Anzahl von emsländischen Bauern von Yad Vashem zu Gerechten unter den Völkern ernannt worden. Es gibt dort die Transrapid-Versuchsstrecke, ein veritables Atomkraftwerk sowie in der Kleinstadt Papenburg, als einen der wichtigsten Arbeitgeber, eine der bedeutendsten Werften Deutschlands. Papenburg ist aber auch die Heimat der russischstämmigen Familie Polak, der einzigen jüdischen Familie des beschaulichen kleinen Örtchens, wenn nicht sogar der gesamten Region. Wie man als Jude aus Sankt Petersburg ausgerechnet nach Papenburg kommt, vor allem aber, wie man dort möglichst schnell wieder wegkommt, erzählt der zweiunddreißigjährige ehemalige VIVA-Moderator und Standup-Comedian Oliver Polak in seinem überaus witzigen, erfrischend schamlosen ersten Buch «Ich darf das, ich bin Jude», das er gemeinsam mit dem Fernsehautor Jens Oliver Haas («RTL Samstag Nacht») verfasst hat. Zur großen Freude seiner Leser hat der schon bei seinen Mitschülern in der katholischen Grundschule berühmte Komiker vor überhaupt nichts Respekt, was Deutschen und Juden heilig ist. Und bereits im programmatischen Vorwort fordert er: «Treffen wir doch für die Dauer der Lektüre folgende Vereinbarung: Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust - und Sie verzeihen uns Michel Friedman.» Neben hinreißenden Schilderungen seiner Kindheit und von verlorenen Jahren in einem jüdisch-orthodoxen Internat in England sowie diversen beruflichen Irrwegen, verschweigt er nicht einmal den krebsbedingten Verlust eines Hodens, erklärt uns den Unterschied zwischen Juden und Israelis und wartet nebenbei mit hochinteressanten, neuen Erkenntnissen über die Arbeit des Zentralrats auf, der ganz offensichtlich für mindestens die Hälfte aller deutschen Arbeitslosen verantwortlich zu machen ist. «Der jüdische Humor ist zurück in Deutschland», verkündet Polaks Verlag in seiner Pressemitteilung voller Stolz - und tatsächlich: vor geistesverwandten Kollegen aus England oder den USA muss sich Oliver Polak ganz und gar nicht verstecken. Mit seinem witzigen ersten Buch kehrt ein wunderbar subversiver Geist in die deutsche Kleinkunstszene zurück, von dem man lange annehmen musste, dass die Nazis ihn nachhaltig vertrieben haben.

 

«Ich darf das, ich bin Jude», erschienen bei KiWi, 191 Seiten, 8,95 Euro

 

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008