«Becks letzter Sommer»

 

In einem an aufregenden literarischen Neuentdeckungen erstaunlich armen Herbst reden das gesamte deutsche Verlagswesen und der Buchhandel fast ausschließlich von einem sehr jungen deutschen Autor, Jahrgang 1984, der soeben seinen im Alter von zwanzig Jahren begonnenen, bereits verblüffend vollendet wirkenden Debütroman veröffentlicht hat. Der gebürtige Münchner mit dem englisch klingenden Namen Benedict Wells ist ein weiterer Glücksgriff des Diogenes-Verlegers Daniel Keel, der mit der Verpflichtung des jungen Talents erneut jenes außerordentliche literarische Gespür beweist, das den von ihm gegründeten Schweizer Verlag im Verlauf von fünfzig Jahren zum größten rein belletristischen Verlag Europas hat anwachsen lassen. «Becks letzter Sommer» ist zunächst einmal ein ausgesprochen unterhaltsamer, spannender und kurzweiliger Roman, der zudem noch mit sehr leichter Hand entworfen zu sein scheint. Erzählt wird die Geschichte des alternden Gymnasiallehrers Robert Beck, der die musikalischen Visionen seiner Jugendzeit nie hat verwirklichen können und sich für seine bequeme bürgerliche Existenz insgeheim selbst verachtet. Da kommt plötzlich wieder Schwung in sein Leben, als er in einem seiner Schüler, dem siebzehnjährigen litauischen Außenseiter Rauli, ein musikalisches Genie entdeckt. Auf einmal sind seine alten Träume wieder da, die er nun als Entdecker und Manager des potentiellen zukünftigen Megastars verwirklichen zu können hofft. Wie sich allerdings bald herausstellt, ist der junge Rauli weit weniger leicht lenkbar, als es Beck lieb ist, was nicht zuletzt an zwei faszinierenden Frauengestalten liegt, die - durchaus im Sinne der Handlung - für die unvermeidliche Verwirrung der männlichen Hormone sorgen. Was zunächst tief in die Merkwürdigkeiten der Popmusikszene und die korrupten Mechanismen der Musikindustrie hineinführt, entwickelt sich schnell zu einem fulminanten literarischen Roadmovie, das uns von München aus kreuz und quer durch Osteuropa bis nach Istanbul und schließlich nach Italien führt. Was Benedict Wells Erstlingsroman so überaus lesenswert macht, ist die vom Autor mit vielen überraschenden Wendungen und originellen philosophischen Einsichten ausgestattete persönliche Sinnsuche der einzelnen Protagonisten. «Becks letzter Sommer» ist ein wirklich außerordentliches Debüt, das von seinem Autor weitere große schriftstellerische Taten zu versprechen scheint. Wenn der Wahlberliner mit seinen nächsten Büchern auch nur annähernd an diesen Volltreffer anknüpfen kann, wird ihm in der Zukunft mit einiger Sicherheit sogar internationaler Erfolg beschieden sein.

«Becks letzter Sommer», erschienen bei Diogenes, 454 Seiten, 19,90 Euro

 

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008