Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Istanbul war ein Märchen»
Würde es sich um einen deutschsprachigen Text handeln, so hätte wohl fast jeder deutsche Verlag ein so ungewöhnliches und komplexes Manuskript wie den mehr als 800 Seiten umfassenden Roman des türkisch- jüdischen Universitätsprofessors und Schriftstellers Carlo Levi von vornherein abgelehnt. So darf man es getrost als Glücksfall werten, dass gerade jene namhaften Verlage, die sich besonders für die Verbreitung unbekannter Werke der Weltliteratur einsetzen, die eher willkürlich gewählten Themenschwerpunkte der Frankfurter Buchmesse immer wieder zum Anlass nehmen, den Leser mit außergewöhnlichen literarischen Entdeckungen aus den jeweiligen Gastländern zu beschenken. Und ohne jeden Zweifel ist der diesjährige Länderschwerpunkt «Türkei» gerade in Deutschland ein besonders dankbares und relevantes Thema. Die glanzvolle Geschichte und mannigfaltige Schönheit von Istanbul, der mehr als zwei Jahrtausende alten ehemaligen Schaltzentrale zweier historischer Weltreiche, der heimlichen, wahren Hauptstadt der Türkei und zehnfachen Millionenmetropole, hat besonders in den letzten Jahren zu einem ausgesprochenen Besucherboom geführt, der die anhaltende Faszination dieser überaus lebendigen Kapitale eindrucksvoll unterstreicht. Carlo Levi, der hier aufgewachsen ist und seine Heimatstadt offenkundig aus vollem Herzen liebt, wenn auch mit dem gebrochenen Realismus des Erwachsenen, führt uns in seinem wehmütig- berückenden Buch anhand seiner eigenen Familiengeschichte durch die jüngere Historie des ehemaligen Konstantinopel, das über viele Jahrhunderte eine blühende multikulturelle Weltstadt war. Zwar gibt es auch heute noch nennenswerte jüdische und armenische Minderheiten in der Stadt, zwar residiert das griechisch-orthodoxe Patriarchat bis heute hier, doch ihr kosmopolitischer Charakter ist mit dem Untergang der Osmanischen Reiches und der Hinwendung zum Nationalstaat, wie er an der Bürokratenhauptstadt Ankara ablesbar ist, verlorengegangen. Ein wunderbar inwendiges, poetisches Echo dieser untergegangenen türkischgriechisch- jüdischen Gesellschaft Kleinasiens weht uns aus Carlo Levis großartigem Roman entgegen, der ebenso «Istanbul war ein Gedicht» hätte heißen können, denn er ist im wesentlichen ein langes Poem, über die Bewohner einer der faszinierendsten Metropolen der Welt. Levis ganze Empathie gehört dabei den persönlichen Träumen, Hoffnungen und Niederlagen seines multikulturellen Personals. Und wie bei jedem großen literarischen Werk wird die Geduld, die der Leser für diesen Roman teilweise aufbringen muss, überaus reich belohnt.
«Istanbul war ein Märchen», aus dem Türkischen von Barbara und Hüseyin Yurtdas, erschienen bei Suhrkamp, 845 Seiten, 24,80 Euro
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