Lexikon

Teschuwa: Abkehr von der Sühne

 

 

Jom Kippur, der Versöhnungstag am 10. Tischri, ist ein ernster Fest- und strenger Fast- und Bußtag. Er wird auch als «Schabbat Schabbaton», als Tag heiligster Ruhe, bezeichnet und beschließt die zehn Tage der Umkehr und Selbstbesinnung, die «asseret jemei teschuwa»; an diesem Tag wird das göttliche Urteil besiegelt. Die Tora fordert für diesen Tag: «Ihr sollt heilige Berufung haben und euch kasteien; keinerlei Werk sollt ihr verrichten.» (Num 29:7). Diese Kasteiung wird traditionell als Fasten (einschließlich sexueller Enthaltsamkeit und des Verzichts auf Körperpflege) verstanden, das vom Abend bis zum Abend dauert und nicht Selbstzweck ist, sondern Anstoß zur Reflektion und zur inneren Umkehr.

Ziel ist die Versöhnung mit Gott und mit den Mitmenschen. Rabbi Bunam, so heißt es bei Martin Buber, sprach zu seinen Chassidim: «Die große Schuld der Menschen sind nicht seine Sünden, die er begeht -- die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.»

Teschuwa bedeutet Rückkehr, Rückkehr zu Gott. Sie wird vom Menschen zwar immer verlangt, vor Rosch Haschana und Jom Kippur jedoch doppelt und dreifach. «Wenn ins große Schofar gestoßen wird» (Jes 27:13), «dann wird ein Ton von ganz leiser Stille vernehmbar» (1Kön 19:12), heißt es an Rosch Haschana im Gebet «Unetane Tokef», das diese beiden Bibelverse miteinander verknüpft. Dieses nach seinen Anfangsworten benannte Gebet «Lass uns Nachdruck verleihen» (der Heiligkeit des Tages), ist ein zentrales Gebet für Rosch Haschana und Jom Kippur und bereits in Gebetbüchern aus dem 13. Jahrhundert enthalten. Die Tradition schreibt es einem im 11. Jahrhundert lebenden Rabbi Amnon aus Mainz zu.

Es handelt sich dabei um eine Hymne auf die unbedingte Gottesherrschaft und auf die Macht der Umkehr, des Gebetes und guter Werke, die ein negatives Gottesurteil umwandeln können. Hier ist von der Teschuwa die Rede. Sie bezeichnet eine Abkehr von der Sünde und die Bereitschaft des Menschen, seine eigenen Sünden als solche zu erkennen, zu bereuen und schließlich hinter sich zu verlassen. Die Teschuwa wird nur dann als vollständig angesehen, wenn der vormalige Sünder in derselben Situation, mit derselben Versuchung ringend, dieselben Kräfte und Mittel zur Verfügung habend, diesmal einen anderen Weg einschlagen würde als den zuletzt von ihm gewählten, den er mittlerweile jedoch als schlecht erkannt hat (Rambam, Mischne Tora, Hilchot Teschuwa 2:1).

Doch selbst wenn ein reuiger Mensch diese Bedingungen nicht erfüllt und erst auf seinem Sterbebett aufrichtige Teschuwa leistet, wird sie vor Gott angenommen. Auf anderer Ebene bedeutet Teschuwa auch die Rückkehr der sich selbst entfremdeten Seele zu ihren Ursprüngen, so wie es Gott dem Menschen als Aufgabe stellt: «Zurückkehren sollst du zu dem Ewigen, deinem Gott, mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele. Dieses Gebot, welches Ich dir heute anbefehle, ist nicht verborgen vor dir und nicht fern. Es ist nicht im Himmel, damit du sprächest: wer wird für uns zum Himmel emporsteigen und es uns herunterholen ... Es ist auch nicht jenseits des Meeres, damit du sprächest: wer wird für uns über das Meer hinübersetzen und es uns holen ... Vielmehr ist dir die Sache sehr nahe, in deinem Mund und deinem Herzen, damit du es tust» (Deut 30:10-14). «Rabbi Meir sprach: Groß ist die Umkehr, denn um eines einzigen Willen, der Umkehr getan hat, vergibt man der ganzen Welt» (bT Talmud, Joma 86b).

«Unser Vater, unser König, höre unsere Stimme, sei mild und barmherzig gegen uns. Unser Vater, unser König, wir haben gesündigt vor dir. Unser Vater, unser König, bewahre uns vor Seuche, Schwert und Hungersnot. Unser Vater, unser König, schreibe uns in das Buch des glücklichen Lebens. Unser Vater, unser König, gibt uns ein gutes neues Jahr. Unser Vater, unser König, höre unsre Stimme, sei mild und barmherzig gegen uns...» (aus dem Gebet «Awinu Malkinu », «Unser Vater, unser König»)

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008