Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Leben wollen wir!»Die jüdische Israelin Jasmin und der Palästinenser Ossama sind ein Ehepaar, das in seiner Heimat nicht zusammen leben darf. Jetzt versuchen sie Europa – Porträt einer (unmöglichen) Liebesbeziehung
Jasmin und Ossama schmusen und küssen sich auf dem Sofa. Eigentlich sind sie müde. Müde vom Anstehen, Fragen, Abgewiesen- und Hingehaltenwerden in deutschen Ämtern. Müde davon, weit entfernt von der Heimat ihr Leben zu fristen, wo Kultur und Mentalität so verschieden sind. Müde von den Reaktionen der Menschen auf ihre Heirat. Müde von den immer gleichen Fragen geschichtenhungriger Journalisten. Ein Abend in einer Erdgeschosswohnung im Berliner Stadtteil Neukölln. Die Flamme eines Teelichts flackert, wirft einen unruhigen, dann wieder sanften Schimmer auf ihre Gesichter. Zwischen den Erzählungen lächeln sich die beiden wieder und wieder an. Küssen sich. Es ist der schwierige Weg eines jüdisch-israelischpalästinensischen Paares, den sie nun schon fünf Jahre lang gemeinsam gehen. Erst in der Heimat, dann in der Fremde. Eben, weil sie sich lieben. Vor anderthalb Jahren kamen der palästinensische Skulpturenkünstler Ossama Satar und die israelische Balletttänzerin Jasmin Avissar, heute beide 28 Jahre alt, nach Deutschland. Die Entscheidung war eine ganz pragmatische, erinnert sich Jasmin. In Israel durften sie aus rechtlichen Gründen nicht leben. In den Besetzten Gebieten wäre das Leben aus Sicherheitsgründen unerträglich geworden. «Lass den Kopf nie hängen, das ist mein jüdischer Kernsatz», sagt Jasmin über die Entscheidung. Die beiden beschlossen, auszuwandern. In die USA? In den Zeiten des «Krieges gegen den Terror» keine Chance auf Einreise eines Palästinensers. Europa? Jasmin, Tochter einer deutschen Holocaustüberlebenden, könnte problemlos die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen - zumindest theoretisch. Im Gespräch mit der «Jüdischen Zeitung» schildern die beiden ihr Schicksal.
Im Königreich der Tiere Die kleine Wohnung in Berlin-Neukölln wirkt abgewohnt wie ein Durchgangsort, in dem viele andere zuvor nie länger bleiben wollten. Ist es der Verlust der Hoffnung auf eine Zukunft in Berlin, der ein Sich-Einleben verhindert? Die fleckigen Tapeten und der unaufgeräumte Wohnzimmertisch strahlen Lieblosigkeit und Verbitterung aus. Der Konflikt spiegelt sich auf jedem Quadratzentimeter der Wohnung wider, in ihrem Leben, ihren Betrachtungsweisen und ihrer ständigen Besorgnis, hintergangen oder schlecht behandelt zu werden. Und gleichzeitig dazu diese ungebrochene Lebenslust, dieses Unbeugsame. Ihr Zusammensein ist nicht bequem, weder für sie,noch für die Behörden Israels, der Palästinensischen Autonomiebehörde oder Deutschlands. Von offizieller Seite wird ihnen immer wieder klargemacht, dass ihre Beziehung unerwünscht ist, nicht sein kann und nicht sein darf. Jasmin und Ossama lernten sich vor fünf Jahren bei der Arbeit in einem Tierheim in Atarot im Norden Jerusalems kennen. Jasmin arbeitete als Pflegerin für ausgesetzte Tiere. Sie arbeitete viel, sammelte unzählige Überstunden an. Ihr Engagement für die Tiere zeugte von einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Bisweilen übernachtete sie im Tierheim. Später, nachdem sie Ossama kennengelernt hatte, blieben beide des Öfteren über Nacht zusammen dort. «Nur wir beide und viele, viele Tiere», sagt Jasmin und bezeichnet diese Zeit im Rückblick als «unser kleines Königreich». Von mütterlicher Seite stammt Jasmin aus einer liberalen, assimilierten, europäisch-jüdischen Familie. Eine Konstellation, der Millionen zum Opfer fielen. Jasmins Mutter Miriam, Tochter eines, im Nazi-Deutsch, «getauften Halbjuden » überlebte in Hamburg. Gegen Ende der 1960er Jahre entschied sie sich, zu den Wurzeln zurückzukehren. Miriam konvertierte offiziell zum Judentum und wanderte nach Israel aus, wo sie heiratete und ihre Tochter Jasmin zur Welt brachte. So wuchs Jasmin in Jerusalem auf. Die Familiengeschichte von Ossama ähnelt in gewisser Weise der Jasmins, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Dort, wo für die Juden der innere und äußere Konflikt aufhören sollte, nämlich mit der Schaffung ihres Staates, begann für die Palästinenser die Diaspora. Hunderttausende wurden 1948 und 1967 vertrieben. Diejenigen, die blieben, wie die Familie Satar aus dem Dorf Qarawat Bani Zait, mussten sich assimilieren. Erst unter den Jordaniern, dann unter den Israelis, schließlich noch unter der Riege einer korrupten Revolutionärsclique aus den eigenen Reihen. Der Vater Ossamas arbeitete, wie viele andere Palästinenser, dreißig Jahre lang in den reichen Golfstaaten. So wuchs der Sohn gemeinsam mit der Mutter und vier Geschwistern auf, sah den Vater nur selten. Bis zum Alter von 16 besuchte er eine deutsche Schule in Ramallah, lernte dort die deutsche Kultur schätzen und entwickelte schon damals die Liebe zur Bildhauerei. Später, in den späten 1990ern, reichte das Geld nicht mehr aus für den Schulbesuch. Ossama musste sich Arbeit suchen, für die Familie. Er verließ Ramallah in Richtung Tel Aviv, einer anderen Welt, deren Lichter verführerisch funkelten. Vielleicht formte ihn diese Großstadterfahrung insofern, dass er das traditionelle Gefüge der palästinensischen Gesellschaft nach seiner Rückkehr stark anzweifelte und nicht mehr als das Seine begriff. Diese Haltung sollte ihm in der Folgezeit viel Ärger mit der Palästinensischen Autonomiebehörde einbringen. Dass Ossama und Jasmin sich im Tierheim trafen, ist einem glücklichen Zufall in einer unglücklichen Gesamtsituation geschuldet. Die den Palästinensern von Israel seit Ausbruch der Zweiten Intifada auferlegte Politik der Schließung der Besetzten Gebiete zwang ihn dazu, aus Tel Aviv, wo er jahrelang als Koch gearbeitet hatte, ins Heimatdorf bei Ramallah zurückzukehren. Eines Tages wurde Ossama Zeuge eines gebärdenreichen Gesprächsversuchs zwischen einem Veterinär, dem Leiter des Tierheims, und zwei Palästinensern. Ossama, der durch seine Zeit in Tel Aviv fließend Hebräisch spricht, übersetzte. Daraufhin erhielt er den Job im Tierheim von Atarot, wo auch Jasmin arbeitete.
«Jasmin Avissar: «Ich denke nicht, dass es eine wahrhafte Lebenseinstellung ist, für eine Ideologie zu sterben.»
Verschobene Freund-Feindbilder Die heimliche Liebesbeziehung von Ossama und Jasmin im «Königreich» des Tierheims muss eine der schönsten Zeiten des Paares gewesen sein. Wahrscheinlich war diese Heimlichkeit verspielt, erotisch, leidenschaftlich. Ganz sicher entband sie die beiden von Behördengängen und Rechtfertigungen. Ein Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten, heirateten sie im Hause eines palästinensischen Bekannten, ließen sich muslimisch trauen. Die schnelle Entscheidung fiel, erzählt Jasmin, weil sie Angst davor hatten, dass Ossama im Zuge des Mauerbaus nicht mehr nach Jerusalem kommen könne. Ein Jahr darauf flogen sie nach Zypern, um dort eine zivile Heirat zu vollziehen. Jüdische Israelis dürfen auf Staatsterritorium keine Nicht-Israelis und Nichtjuden heiraten. Es war der Beginn eines langen, zähen Kampfes mit den Behörden. «Ohne die Unterstützung unserer Familien hätten wir das nicht geschafft», sagt Jasmin. Normalerweise zerbrechen Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern schnell, gerade dann, wenn sich der engste Familien- und Freundeskreis gegen das Liebespaar ausspricht. Nicht so bei Jasmin und Ossama. Beide Elternpaare nahmen den jeweils Anderen liebevoll auf. «Mischehen» in Israel und den Besetzten Gebieten Palästinas sind eine Seltenheit. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon lautet, dass jeder weitere muslimische Bürger aus Sicht des israelischen Staates die Zeitschaltuhr an der «demographischen Bombe» beschleunigt. Bereits jetzt sind mehr als 20 Prozent der in Israel lebenden Staatsbürger Muslime, Palästinenser. Zusätzlich besteht aus der Sicht Israels die Gefahr, dass die Palästinenser in den Besetzten Gebieten langfristig einen binationalen Staat im Nahen Osten wollen. Das würde das Ende des jüdischen Charakters Israels bedeuten. Nach Beginn der Zweiten Intifada wurde ein Gesetz erlassen, das es Menschen aus den Besetzten Gebieten, de facto also Palästinensern, verbot, zu ihren Ehepartnern nach Israel zu ziehen. Vordergründig sollte das Gesetz Selbstmordanschläge verhindern. Ein anderer Grund scheint jedoch eben jene Sorge vor einem Anstieg der muslimischen Bevölkerung im Staat Israel zu sein. Die Regelung traf auch Ossama und Jasmin mit aller Härte. Sie konnten nicht gemeinsam in Israel leben. Jasmin, die wirkt, als könne sie mit ihrem Lachen Fesseln sprengen, berichtet: «In meinem Personalausweis steht unter „Personenstand" immer noch „In Klärung", obwohl wir schon fast vier Jahre verheiratet sind. Nach all der guten Arbeit meines Anwalts sind die israelischen Behörden jedoch mittlerweile einverstanden, mich als „verheiratet" zu registrieren. Wir gingen bis zum Obersten Gerichtshof, um eine Erlaubnis zu bekommen, zusammenleben zu dürfen. Im Jahr 2006 entschied der Gerichtshof, dass das „Gesetz gegen Mischehen zwischen Israel und den Besetzten Gebieten" im Bezug auf das Leid der Privatperson „erträglich" ist. Ossama konnte also laut Gesetz nicht zu mir nach Israel ziehen.» Der Behördenkrieg ging weiter. Jasmin erhielt nach monatelangem Kampf von der israelischen Armee eine befristete Erlaubnis, mit Ossama in Ramallah leben zu dürfen. Für sie begann eine surrealistische Zeit. Ihr Leben in Ramallah verlief anfänglich normal. Sie fühlte sich von den Menschen in Ramallah akzeptiert. Aber als Israelin erlebte sie über vier Monate lang den Nerven aufreibenden Tagesablauf im Westjordanland. Jeden Tag fuhr sie von Ramallah nach Jerusalem zur Arbeit. Israelische Soldaten konnten zuerst nicht glauben, bei den Buskontrollen eine Jüdin anzutreffen. Sie erlebte Willkür und Beleidigungen. Jasmin erzählt: «Du sitzt im Taxi und siehst, wie der Fahrer verbal erniedrigt wird, einfach nur, um ihm Zeit zu stehlen. Und du fragst dich, ob du was sagst oder nicht. Wo ist die Grenze des Leids erreicht? Wenn einer schreit? Oder schlägt? Oder schießt? Ich wuchs mit dem Ideal auf, dass, wenn du Unrecht siehst, es nicht ignorieren darfst. Vier Monate in den Besetzten Gebieten brachten mich an meine psychischen Grenzen. Es ist ein absurdes Leben, es gibt kein Richtig und kein Falsch mehr, alles ist „verhältnismäßig". Und bei all der „Verhältnismäßigkeit" verlierst du deine Menschlichkeit. Das war einer der Gründe, warum ich dort nicht mehr leben konnte. Ich sagte mir, entweder ich gehe hier raus oder ich gehe ins Irrenhaus.» Irgendwann begann Jasmin eine Bedrohung von Seiten des israelischen Sicherheitsapparates zu empfinden. Eines Nachts traten Soldaten ihre Wohnungstür in Ramallah ein und forderten Ossama auf, am nächsten Tag zum Verhör beim israelischen Inlandsgeheimdienst zu kommen. Jasmins Anwesenheit hinderte die Soldaten daran, rüdere Methoden anzuwenden. «Ein grundsätzliches Problem», sagt Jasmin, «war die Tatsache, dass immer mehr israelische Soldaten mich an den Checkpoints wahrnahmen und begriffen, dass ich als Israelin in Ramallah lebte, ohne einer Meute blutrünstiger Palästinenser zum Opfer zu fallen. » Sie lacht bei diesem Satz. «Das brachte den Konsens in den Köpfen junger Soldaten von der Bedrohung Israels durch die Palästinenser durcheinander und missfiel den Vorgesetzten. » Auch von Seiten der PLO waren willkürliche Aktionen zu fürchten. Ossama wurde fast jeden Tag von Leuten der Palästinensischen Autonomiebehörde angehalten und belästigt, auch geschlagen. In dem Wirrwarr der Besatzungspolitik verschoben sich die vertrauten Freund- und Feindbilder für Jasmin: «An einem Freitag winkte mich ein israelischer Oberst am Checkpoint heraus und sagte „Ich möchte dich nicht hier an irgendeinem Baum aufgehängt sehen", und ich sah, dass es genau das war, was er wollte. Als ich seine Dienstnummer verlangte, um mich später über ihn zu beschweren, sprang er in seinen Jeep und fuhr davon. Er ist einfach geflohen! Ein Oberst! Und in der Armee sagten sie uns doch immer: „Die erste Sache, die du deinem Feind oder einem Zivilisten gibst, ist dein Name und deine Dienstnummer".»
«Ich wollte keine Jeanne d'Arc sein» Die Todesangst bewog Jasmin und Ossama schließlich zur Ausreise: «Entweder hätten sie mich zu einer zweiten Tali Fahima (eine Israelin, die trotz unklarer Beweislage wegen Beihilfe zum Terrorismus im Gefängnis saß - d.Red.) gemacht und mich damit in meiner öffentlichen Legitimität vernichtet, oder sie hätten mich „traurigen Unfall" genannt. Es gibt genügend verzweifelte Palästinenser, die mich für 1.000 Schekel umgebracht hätten. Was tut es zur Sache? Kennen sie mich? Bin ich ihre Schwester? Egal, noch eine Israelin! Und ich kann das verstehen, wenn du in Armut lebst und nicht weißt, wie du deine Kinder ernähren sollst. Was ist da das Leben von so einer Israelin wert? Es musste also etwas passieren. Unsere Partnerschaft konnten wir nicht in Palästina weiterleben. Sie hatte zu sehr das herrschende System erschüttert. Dabei bin ich keine politische Aktivistin. Ich will einfach frei leben. Und genau das, dieses Bild der normalen, europäischstämmigen Jüdin, der netten Schwiegertochter, die mit den Palästinensern lebt, ist für viele so gefährlich. » Jasmin will keine Heldin sein, keine Märtyrerin der Liebe. «Wäre ich in den Besetzten Gebieten geblieben, wäre ich wohl wie Jeanne d'Arc: gestorben für die Sache. Aber ich denke nicht, dass es eine wahrhafte Lebenseinstellung ist, für eine Ideologie zu sterben. Ich muss nicht sterben für die Liebe, ich muss leben für die Liebe! In dem Moment, als ich verstand, dass das die Richtung ist, die es nimmt, habe ich „Nein" gesagt. Ich wähle das Leben, nicht die Ideologie.» Als Jasmin mit ihrer Mutter Miriam zu Besuch in Deutschland war, sagte Ossama ihr am Telefon: «Bleib gleich da, ich komme nach». Vor anderthalb Jahren schafften es die beiden schließlich, als Sprachstudenten in Deutschland Fuß zu fassen. Jasmin beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihr mütterlicherseits zusteht. Schnell fand sie Arbeit an der Deutschen Oper in Berlin und als Tanzlehrerin in Brandenburg. Eine Freelancerexistenz. Doch der Behördenkampf ging in Deutschland weiter. Davon legen die Skulpturen Ossamas Zeugnis ab. Er ist kein Mann der vielen Worte, sondern bringt vielmehr seine Kunstwerke zum Sprechen. Ossama verbindet Gebrauchsgegenstände und technische Geräte, Draht, Holz, Eisen, zu Skulpturen einer düsteren Periode seines Lebens. So ist sein «Bürger» eine aus Federn, Uhren und Schraubschlüsseln zusammengesetzte Figur, die mechanisch wirkt, wie eingefroren, in einer ständigen, nicht mehr selbstkontrollierten Arbeits- und Demutspose. Die Skulptur «Führer» ist eine aus Wagenheber und Holzkopf bestehende Parodie der Macht, die statt eines Gehirns einen Ratsstuhl und Amtssitz im Schädel trägt. Doch am eindrücklichsten ist der «Beamte»: ein Kopf, der aus einer Schreibmaschine herauswächst, deren Buchstabenleisten sich zu einem engen Korsett um seinen Hals schließen. Die Münder, Ohren und Augen anderer Kopfplastiken sind durch Schlüssel verschlossen und stehen für die Kritik des Künstlers an Nationalismus, Tradition und Intellekt. Sozialkritische Kunst also. «Das ist momentan in Berlin nicht gefragt », bemerkt Ossama. In Berlin ist Ossama nie richtig angekommen. Nur einmal wurden seine Arbeiten ausgestellt. Noch keine Skulptur hat er in der ganzen Zeit wirklich fertiggestellt. Im Gegensatz zu Jasmin spricht er kein Deutsch, hat ein Künstlervisum, aber keine Arbeitserlaubnis. «Ich hasse mich, weil ich so verärgert bin», sagt Ossama. «Ich hasse mich dafür, dass ich hier bin. Hätte ich doch bloß ein gutes Bild von Deutschland, ich liebte das Deutsche sehr. Aber hier habe ich hassen gelernt. Jasmin sagte mir, dass die Deutschen aus dem Krieg gelernt hätten: damals zum Beispiel durften Arier keine Juden heiraten - heute gibt es Rechte für Paare. Als ich hierher kam, habe ich das nicht gesehen. Ich habe eben nicht den richtigen Stempel. Vom Staat Israel, ebenso wie vom Staat Deutschland, möchte ich wissen: Was ist bei mir das Problem? Bei der Ausländerbehörde haben sie mir ins Gesicht gesagt, dass sie mich hier nicht wollen. Gleich bei meinem ersten Besuch auf der Behörde öffnete die Sachbearbeiterin meinen Pass und las meinen Namen „Ossama... bin Laden." Bei einem anderen Mal sagte sie mir: „Du bist nicht erwünscht hier, du bist hier wegen deiner Frau. Das ist alles, wir haben keine Wahl. Deine Frau ist ein Spezialfall. Aber du bist Palästinenser." Die Sachbearbeiterin machte ein abfälliges Zeichen mit der Hand, als ob sie mich wegwischen wollte. Symbolischer als das geht es nicht!» Die rechtliche Absurdität ihrer Ehe führte für die beiden auch in Deutschland zu Problemen. Jasmin: «Es gibt einen seltsamen Sexismus im deutschen Recht für Migrantenpaare. Die Frau ist rechtlich immer dem Mann untergeordnet. Ich habe also die Rechte oder vielmehr die Nicht-Rechte von Ossama bekommen. » Wieder Monate des Behördenhickhacks, wieder rettet die Unterstützung der Eltern, gerade auch die finanzielle, das Paar. «Ich bekomme bis Jahresende einen deutschen Pass», erzählt Jasmin, «Für Ossama ist es schwerer. Europa will keine Muslime. Sie wollen uns ermüden. Aber nach vier Jahren haben wir Durchhaltevermögen. Wir bekommen, was wir verdienen.» Das Kapitel Berlin will das Paar nun jedoch schrittweise beenden, es stattdessen in Wien versuchen. Im Oktober ziehen sie in die österreichische Hauptstadt, behalten aber vorerst die kleine Wohnung in Neukölln. Ossama hat Kontakte zur Wiener Künstlerszene. Die beiden erhoffen sich dort einen besseren Start, mehr Möglichkeiten durch den deutschen Pass. Eine Rückkehr nach Israel und in die Besetzten Gebiete kommt für sie derzeit nicht in Frage. Jasmin: «Zu meinem Bedauern denke ich, dass dies in den nächsten Jahren für uns unmöglich sein wird. Dabei wollen wir einfach die Freiheit, dort zu leben, wo wir wollen. Wir wollen nicht, dass uns der Staat vorschreibt, wo wir leben. Das «Mischehengesetz » ist nur für die Palästinenser gedacht. Wenn ich etwa mit einem Deutschen verheiratet sein würde, bekäme er einen israelischen Pass.» Während sie das sagt, blickt sie müde auf das langsam erlöschende Teelicht auf dem Wohnzimmertisch. Es ist Mitternacht. Der berühmte palästinensische Nationalpoet Machmud Darwish hat einst über seine Liebe zu einer israelischen Jüdin ein Gedicht geschrieben: «Zwischen meinen Augen und Rita befindet sich die Kimme eines Gewehrs.»
Philipp Holtmann Unter Mitwirkung von Eik Dödtmann.
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