Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Gemeinsames Gedenken
Die Pogrome vom 9. November 1938 markieren den Übergang von der gesellschaftlichen Ausgrenzung jüdischer Deutscher hin zum systematischen Massenmord an den Juden Europas. In diesem Jahr wird das Gedenken an dieses Datum besonders ausführlich ausfallen, da es sich zum 70. Mal jährt. Natürlich sind es dabei in erster Linie die menschlichen Opfer, denen unser Gedenken gilt. Als sichtbares Zeichen der Gräueltaten haben sich jedoch gerade auch die Bilder der in jener Nacht brennenden jüdischen Gotteshäuser im kollektiven Gedächtnis verankert. Deswegen schauen wir in dieser Ausgabe einmal auf die Synagogen Deutschlands und der Welt. Besonders betrachten wir dabei die in jüngerer Zeit entstandenen Gebäude. Denn in Deutschland ist jede neu erbaute Synagoge auch ein Mahnmal, das daran erinnert, dass den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, was ihr Ziel war: Die vollständige Vernichtung jüdischen Lebens. Der 9. November ist dabei der deutsche Schicksalstag schlechthin: 1918, 1938 und 1989 veränderte sich das Land an diesem Tag spürbar. So wird im kommenden Jahr der 20. Jahrestag der Fall der Berliner Mauer gefeiert - hoffentlich von Juden und Nichtjuden gemeinsam. Das wäre schon deshalb angebracht, weil auch für die jüdische Gemeinschaft der Mauerfall ein Glücksfall war, da nur durch die nach 1990 mögliche Immigration russischsprachiger Juden die Fortexistenz jüdischen Lebens in Deutschland langfristig gesichert wurde. Ein gemeinsames Fest kann aber nur funktionieren, wenn endlich auch in der breiten Öffentlichkeit des Landes das Bewusstsein dafür wächst, dass der 9. November 1938 und 1989 in ursächlichem Zusammenhang stehen. Und dass etwa der Mauerfall ohne ein Gedenken an die Pogromnacht nicht gefeiert werden kann, sollte unterdessen wenigstens der politischen Spitze dieses Landes bewusst sein. Bislang sieht es nicht danach aus, da das historische Bewusstsein der politischen Kaste bisweilen seltsame Formen zeigt. Wenn die CDU zu Recht auf das problematische «antizionistische» Erbe der Linkspartei hinweist, ist deren Ausschluss von einer gemeinsamen Erklärung gegen den Antisemitismus damit noch lange nicht begründet. Sollte sich hinter der christdemokratischen Haltung am Ende gar die Hoffnung verbergen, durch eine weitere Stigmatisierung der Linkspartei diese - auf Kosten der SPD - noch erfolgreicher zu machen als bisher, dann wäre das gerade beim Thema Antisemitismus nichts weiter als in höchstem Maße verwerflich.
Das Erinnern ist politisch unteilbar!von Gert WeisskirchenWie wird ein Datum des Schreckens erinnert? Schafft es die politische Klasse in Deutschland, sich in einer überzeugenden Weise zu erinnern, was Deutsche ihren jüdischen Nachbarn am 9. November 1938 zufügten? Vor einem Jahr baten Jerzy Montag, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, und ich den Bundestagspräsidenten darum, eine Sondersitzung des Deutschen Bundestages ins Auge zu fassen, in der dem unerhört Fürchterlichen der Reichspogromnacht gedacht werden solle. Daran anschließend, regten wir an, dass der Bundestag darüber diskutieren solle, wie der Kampf gegen Antisemitismus künftig besser geführt werden könne. Seit Beginn dieses Jahres hat eine informelle Gruppe von Abgeordneten aller Fraktionen einen Antragstext erarbeitet, der im Plenum verhandelt werden sollte. Übereinstimmend freuen wir uns über das Vertrauen, das Jüdinnen und Juden neu in Deutsche setzen: «Neben Kindergärten, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen dokumentiert insbesondere der Aufbau neuer Synagogen diese positive Entwicklung. Dank gebührt den zivilgesellschaftlichen Akteuren, die den Wiederaufbau von Synagogen ermöglicht haben», heißt es im Antragsentwurf. Trotz Holocaust und trotz aller gegenwärtigen Anstrengungen ist Antisemitismus immer noch virulent. Und er verkleidet sich immer neu. Seine Wurzeln reichen tief in christlich verbrämte Vorurteile. Häufig meldet er sich von rechts, dann wieder von links, jüngst auch aus dem Dschihadismus. Gefährlich für die Essenz der Demokratie wäre, setzte er sich in der Mitte fest. Anzeichen für diese Gefahr sind nicht zu übersehen. Auf manchen Sportereignissen wird der Hass gegen Juden geschürt. Das Wissen über den Holocaust bei Jugendlichen schwindet. Der gesellschaftliche Diskurs über die Rolle von Opfern scheint sich zu verschieben. Der Applaus zur verhängnisvollen Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche klingt immer noch schrill nach. Dieser Befund macht es unabdingbar, um der Zukunft unseres Landes willen, den Ursachen und Erscheinungsformen des Antisemitismus mit unvermindertem Einsatz zu begegnen. Mehr noch: Wir brauchen neue Instrumente, um diesen Kampf besser führen zu können. Deshalb wollte die informelle Gruppe von Bundestagsabgeordneten, dass der Bundestag die Stelle eines Beauftragten einrichtet. Er sollte Berichte über die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland erarbeiten und vorstellen, Ansprechpartner für zivilgesellschaftliche Akteure sein sowie entsprechende Projekte und Maßnahmen unterstützen. Die FDP schloss sich diesem Vorschlag an, obwohl sie für die Einsetzung einer Enquete-Kommission plädiert hatte. Das Einsetzen eines Expertengremiums wurde nicht als Alternative zum Beauftragten diskutiert, sondern als eine Ergänzung. Wenn dieses Gremium im Antragsentwurf nicht genannt ist, dann allein deshalb, weil der Beauftragte als eine für die Öffentlichkeit wie auch für die staatlichen Einrichtungen wirkungsvollere Institutionen aufgefasst wird. Noch hoffe ich darauf, der Deutsche Bundestag möge die Erinnerung an den 9. November 1938 als eine Chance für überzeugendes Handeln wahrnehmen. Alle Fraktionen haben gemeinsam und einmütig die antisemitischen Reden des iranischen Präsidenten verurteilt. Das war zu Beginn dieser Legislatur. Es wäre traurig, verlöre sich der Bundestag gegen Ende dieser Legislatur im Gehölz taktischer Spiele. Juden wurde in der Reichspogromnacht unerträgliches Leid zugefügt. Dieses schreckliche Ereignis darf nicht der Tagespolitik geopfert werden. Das Erinnern an den Holocaust ist politisch unteilbar. Gert Weisskirchen ist persönlicher Beauftragter des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung des Antisemitismus. |