"Ein Anfang scheint gemacht"


Salomon Korn über den Neubau von Synagogen, Moscheen
in deutschen Städten und den Umgang mit baulichen Altlasten


Eine architektonisch gelungene Verbindung von Stabilität und Fragilität:
Die neue Synagoge in Dresden. Foto: dpa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herr Korn, gibt es eine «jüdische Architektur»?

Nein. Es gibt eine Architektur der Synagoge, genauer: eine besondere synagogale Raumanordnung, aber keine «jüdische Architektur», denn was sollte an einer Architektur jüdisch sein? Juden sind in erster Linie ein Volk des Monotheismus, des abstrakten Prinzips, nicht so sehr des sinnlichen. Sie haben daher nie eine eigene Architektur entwickelt und selbst die Architektur des Ersten und Zweiten Tempels, stand, soweit
wir das heute wissen, unter dem Einfluss umliegender Völker. Eine eigene «jüdische Architektur» hat es also nie gegeben.

Welches ist für Sie persönlich derzeit das architektonisch spannendste «jüdische Gebäude» in Deutschland?

Es gibt mindestens drei herausragende Beispiele. Zwei davon sind bereits verwirklicht und ein drittes wird in absehbarer Zeit entstehen. Da ist zunächst die neue Synagoge in Dresden zu nennen, daneben die in München und in Zukunft wird die geplante Synagoge mit Gemeindezentrum in Mainz hinzukommen.

Es gab Zeiten, in denen Juden Synagogen im «maurischen Stil» bauten, später war man bemüht, «deutsche» Synagogen zu errichten, um zu demonstrieren, dass man an der deutschen Gesellschaft teilhaben wollte. Wie sieht das heutige jüdische Selbstverständnis aus, das sich in der Architektur zum Ausdruck bringt?

Es zeigt sich in Architektenwettbewerben, dass hin und wieder Tendenzen zu historisierenden Formen auftreten, wie etwa die der am Kirchenbau orientierte Zwei-Turm-Fassade. Damit soll vermutlich an eine Zeit angeknüpft werden, in der die Hoffnung auf ein dauerhaftes deutsch-jüdisches Zusammenleben ohne traumatische Erfahrungen noch bestand. Aber das wird seltener. Die Synagogenarchitektur ist schon seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts der Moderne zugewandt. Sie folgt meist den jeweiligen Hauptströmungen zeitgenössischer Architektur.

Inwiefern prägen jüdische Gebäude heute das deutsche Städtebild?

Diese Frage wäre vor dem 9. November 1938 berechtigt gewesen, weil es zu dieser Zeit in Deutschland rund 2.800 Synagogen und Betstuben gab, von denen viele das jeweilige Ortsbild mitprägten. In vielen mittleren und größeren Städten handelte es sich um Repräsentationsbauten, die es in ihrer städtbaulichen Bedeutung durchaus mit den örtlichen Kirchenbauten aufnehmen konnten. Damit war es nach 1945 vorbei. Heute gibt es ungefähr 100 jüdische Gemeinden, in denen nicht einmal zwei Dutzend repräsentative Synagogen stehen. Dazu zählen die oben genannten herausragenden Beispiele. In Dresden etwa steht die neue Synagoge an der Stelle der alten Semperschen Synagoge. Sie befindet sich an einem bekannten Platz und auch durch die Nähe zur Frauenkirche wird das Stadtbild an dieser Stelle durch sie beeinflusst. In München wird mit dem St.-Jakobs-Platz ein prominenter Ort der Stadt durch das Synagogengebäude beherrscht. Solche Beispiele sind aber an einer Hand abzuzählen. Sie können die heutige Situation in der Synagogenarchitektur in Deutschland nicht annähernd mit jener vor 1938 vergleichen.

Welche Form jüdischen Selbstverständnisses kommt bei einer Synagoge wie der Dresdner zum Ausdruck? Von außen sieht man nur einen Würfel ohne Fenster, schotten sich die deutschen Juden noch immer gegenüber ihrer Umwelt ab?

Von außen kann die Synagoge in Dresden tatsächlich den Eindruck von Abschottung erwecken. Es handelt sich aber hier um ein Konzept, das eine Verknüpfung zwischen provisorischem Stiftzelt und dauerhaftem Tempel verwirklicht. Das Hermetische des gewundenen Baukörpers ist an den Salomonischen Tempel angelehnt, der ja zunächst einmal etwas Abweisendes für Normalsterbliche besaß, weil ihm etwas Göttliches zukam und die Beter sich diesem Tempel ehrfurchtsvoll durch Zonen unterschiedlicher Heiligkeit nähern mussten. Wenn man aber die Dresdner Synagoge betritt, kommt im Innenraum im Gegensatz zur massiven Außenhülle das provisorische Moment des Stiftzeltes zur Geltung. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Tempel und Stiftzelt, zwischen Stabilität und Fragilität, deutet auch auf die existentielle historische Erfahrung der Juden während ihrer zweitausendjährigen Diaspora hin. Im ausbalancierten Kontrast zweier gegensätzlicher Elemente zeigt sich die baukünstlerische Qualität des Gebäudes. Zudem werden Sie im Innern der Synagoge nur Zenitlicht vorfinden, also Licht, das ausschließlich von oben hereinscheint. Da keine Fenster in den Wänden vorhanden sind, ist das das Prinzip des Monotheismus, des Abstrakten, der Verinnerlichung und des vom Materiellen abgelösten überzeugend verwirklicht. In diesem Raum hat jeder die Möglichkeit, ohne Ablenkung und in höchster Konzentration, in Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu den geistigen Grundlagen der jüdischen Religion zu treten - kurz: zu dem, was Judentum kennzeichnet.

Sind in der gegenwärtigen Architektur bereits Umbruchs und Neuanfangs erkennbar, die das Judentum in Deutschland dank der russischsprachigen Einwanderer seit den 90er Jahren erlebt?

Wenn man einzelne Gebäude nimmt - neben den bereits genannten in Duisburg, Krefeld oder Bochum, welche auch Beispiele geglückter Synagogenbauten zeigen - kommt dies durchaus zum Ausdruck. Da tut sich etwas, ein Anfang scheint gemacht. Jetzt muss abgewartet werden, ob diese wenigen Pflänzchen bereits Vorboten einer neuerlichen Blüte des Synagogenbaus in Deutschland sind.

Die Säkularisierung macht auch vor dem Judentum nicht Halt. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass einige der neu gebauten Synagogen zu leeren und ungenutzten Gebäude werden? Wären multifunktionale Gemeindezentren nicht an vielen Stellen sinnvoller?

Das ist richtig. Nach 1945 sind nahezu ausschließlich jüdische Gemeindezentren gebaut worden, in die jeweils Synagogen integriert waren. Als erstes spektakuläres Beispiel,
bei dem davon abgewichen wurde, ragt Dresden heraus. Wobei hier die Synagoge, wenngleich abgerückt, immer noch im räumlichen Zusammenhang mit dem Gemeindezentrum steht. München geht da einen Schritt weiter. Auch wenn sich hier die Synagoge ebenfalls in Nähe des Gemeindezentrums befindet, ist sie doch stärker Solitär. Dies sind Entwicklungen, die vor dem Jahr 2000 nicht zu beobachten waren. Solange
das Synagogengebäude mittelbar oder unmittelbar mit dem Gemeindezentrum zusammensteht, bleibt das Verbindende gewahrt. Sollte sich ein Synagogengebäude aber vollkommen vom Gemeindezentrum lösen, und sei es als gewolltes Zeichen gewachsenen jüdischen Selbstbewusstseins, und nur noch als Monolith ohne inhaltlichen oder räumlichen Bezug zu einem solchen Zentrum bleiben, dann besteht in der Tat die Gefahr, dass es auch substantiell in eine Isolierung hineingerät. Weil Säkularisierung auch im Judentum fortschreitet, wird es in Zukunft immer wichtiger werden, Judentum auch über säkulare Fächer wie Religions- oder Geschichtsunterricht zu vermitteln und nicht nur über eine rein religiöse Praxis. Deswegen sollten Gemeindezentren und Synagogen weiterhin eine innere Einheit bilden.

Eine andere Form von religiös-ethnischer Architektur steht derzeit noch mehr als die jüdische im Interesse der Öffentlichkeit: Moscheen sind neben Synagogen eine weitere Form nichtchristlicher Gebäude im deutschen Städtebild. Sehen Sie das als Gefahr oder
als Bereicherung für die deutschen Städte?

Kurz- und mittelfristig wird dieses Phänomen von manchen sicherlich als Gefahr empfunden werden, weil das kollektive Gedächtnis der Europäer mit dem Islam stets eine Eroberungsreligion verbindet und Moscheen, vor allem wenn sie mit hohen Minaretten versehen sind, als Herrschafts- oder Anspruchsarchitektur wahrgenommen werden. Seit dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453, als die Kirche Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt wurde, steckt dieses Symbol des Untergangs christlicher Vorherrschaft als tiefes Trauma im christlichen Kollektivgedächtnis. Es muss sicherlich noch viel Zeit vergehen, bis dieser Eindruck verblassen wird. Und ändern wird sich auch nur dann etwas, wenn Muslime Teil der europäischen Gesellschaft und der von ihr vertretenen Grundsätze werden. Denn nicht die Moscheen stellen letztlich das Problem dar, sondern, ob und wie hier lebende Muslime bereit sind, die uns leitenden Wertvorstellungen zu übernehmen. Das aber hängt davon ab, ob es gelingt, den hier praktizierten Islam mit seinen unterschiedlichen Strömungen vorbehaltlos mit Demokratie in Einklang zu bringen. Wenn es einmal soweit sein sollte, dann werden Moscheen auch eine Bereicherung des deutschen Stadtbilds sein können - wenngleich das heute noch schwer vorstellbar ist.

Oft werden Moscheen an Stadtränder und Industriegebiete verbannt. Sehen Sie historische Parallelen zur «Hinterhofsynagoge»?

Das kann man so sehen, wenngleich die gesellschaftlichen Verhältnisse zu Beginn
des 19. Jahrhunderts andere waren als heute. Damals hatten die Deutschen unter
größten Schwierigkeiten gerade erst begonnen, sich zu einer Nation zu formen, heute sind wir weiter, obwohl es im gegenwärtigen deutschen Nationalbewusstsein durch die seither durchlebte Geschichte mit ihren zahlreichen Niederlagen und Katastrophen erneut Brüche gibt. Es bestehen also gewisse historische Parallelen, aber dennoch veränderte Rahmenbedingungen.

In Berlin wird dieser Tage der Flughafen Tempelhof außer Betrieb genommen. Diese Entscheidung wird bis zum heutigen Tag heftig diskutiert und angefeindet. Dass der Entwurf des Flughafens von einem NS-Architekten stammt, spielt in der Diskussion
kaum eine Rolle. Wie geht man mit Architektur als politischem Erbe um?

Ich denke, dass solche Gebäude und ihre Architektur Zeugnisse ihrer jeweiligen Zeit sind. Man sollte möglichst viele im Stadtbild belassen, wobei ich auch der Meinung bin, dass bestimmte Denkmäler und Straßennamen nicht ohne weiteres geändert werden dürften, weil Geschichte sich nicht beseitigen lässt, indem Namen oder Gebäude beseitigt werden, die zuvor mit Nationalsozialismus, Kommunismus oder Antisemitismus in Verbindung standen. Sonst wären zum Beispiel sämtliche Straßennamen zu ändern, die den Namen Richard Wagners tragen, denn er zählt nun wirklich zu den verbissensten Antisemiten.
Das alles gehört zur deutschen Geschichte und sollte auch weiterhin sichtbarer Bestandteil dieser Geschichte bleiben.

Zugleich wird mit dem «Palast der Republik» weitgehend undiskutiert ein Wahrzeichen
der DDR getilgt. Halten Sie das symptomatisch für den Umgang mit den «beiden deutschen Diktaturen»?

Die restlose Beseitigung finde ich auch hier nicht angemessen, weil man sich dadurch dieser Vergangenheit nicht einfach entledigen kann. Zumindest größere Spolien hätten erhalten werden sollen, um dieses unrühmliche Zeugnis deutscher Geschichte partiell sichtbar für zukünftige Generationen zu bewahren. Was langfristig unter der Oberfläche schwärt, durchstößt sie immer wieder überraschend an unerwarteter Stelle.

Das Gespräch führte
Moritz Reininghaus


Zur Person

Salomon Korn wurde 1943 im polnischen Lublin geboren.
Nach dem Krieg kam er zusammen mit seinen Eltern als
«Displaced Person» in das Lager Frankfurt-Zeilsheim.
Die Familie wollte ursprünglich nach Israel oder in die USA
auswandern, blieb jedoch in Deutschland und Korn studierte Architektur und Soziologie in Berlin und Darmstadt. Er entwarf unter anderem das 1986 eröffnete Jüdische Gemeinde zentrum in Frankfurt/Main. Bei der Eröffnung formulierte Korn den inzwischen zum geflügelten Wort gewordenen Satz: «Wer
ein Haus baut, will bleiben und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit».

Vor allem in den Debatten um ein zentrales Holocaust-Denkmal meldete sich Korn immer wieder kritisch zu Wort. Immer wieder verweist er auf die unterschiedlichen Perspektiven von Opfer und Tätern der Schoa. Seit 1999 ist er Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und seit 2003 Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Im Jahr 2005 erhielt Salomon Korn den «Cicero-Rednerpreis» für besondere rednerische Leistungen in der Kategorie Politik. Im Oktober 2006 wurde er Ehrensenator der Ruprecht-Karls- Universität Heidelberg und im April 2008 Mitglied des Universitätsrates der Universität Heidelberg. Er veröffentlichte Werke zu sozialwissenschaftlichen und architekturgeschichtlichen Themen, wie «Europa und der Judenmord» (zusammen mit Micha Brumlik, 2005), «Die fragile Grundlage. Auf der Suche nach der deutsch-jüdischen Normalität» (2003) und «Geteilte Erinnerung. Beiträge zur deutsch-jüdischen Gegenwart» (2001). JZ

 

«Jüdische Zeitung», November 2008