Spiegel einer ambivalenten Geschichte
Die Architektur der Synagogen in Deutschland
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Die Kölner Synagoge in der Roonstraße wurde 1899 eingeweiht und 1958 wiederhergestellt.Foto: Ulrich Knufinke |
Wer ein Haus baut, will bleiben», war einer der zentralen Sätze eines Beitrags des Architekten und heutigen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, zur Einweihung des von ihm gestalteten jüdischen Gemeindezentrums in Frankfurt am Main im Jahre 1986.Wer ein Haus baut, will bleiben», war einer der zentralen Sätze eines Beitrags des Architekten und heutigen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, zur Einweihung des von ihm gestalteten jüdischen Gemeindezentrums in Frankfurt am Main im Jahre 1986. Dies anlässlich eines gerade erbauten Bauwerks festzustellen, ist vordergründig eine Selbstverständlichkeit - wer wollte sein neues Haus gleich wieder verlassen, wer wollte nicht, dass es bliebe und die Zeiten überdauere? Es auszusprechen, deutet eine Ambivalenz an: Bleiben zu wollen, bleiben zu können ist angesichts der jüdischen Geschichte nicht selbstverständlich. Die Architektur der Synagogen in Deutschland ist ein Spiegel dieser ambivalenten Geschichte, in den sich wandelnden Bauformen werden die Bauten und ihr Schicksal zum Ausdruck der äußeren und inneren Bedingungen der Existenz jüdischer Gemeinden.
Bereits in den Städten des Mittelalters gab es eine große Zahl von Synagogen. Sie standen inmitten der jüdischen Wohnviertel, so waren sie von der nichtjüdischen Umwelt abgeschirmt und im Stadtbild kaum sichtbar. Während die meisten jüdischen Gemeinschaften kleine Saalbauten als Synagogen nutzten, konnten wohlhabende Gemeinden repräsentative Bauwerke im jeweiligen Zeitstil - Romanik, Gotik - errichten. Die bekannten Bauten in Speyer, Erfurt oder Worms, die heute noch erhalten oder originalgetreu rekonstruiert sind, wurden zum Teil von Handwerkern bedeutender Bauhütten erbaut - von Christen, denn Juden war eine Tätigkeit in diesen Berufen untersagt.
Nach den Pogromen des ausgehenden Mittelalters brach diese Tradition in Deutschland ab, erst um 1700 kam es wieder zu bedeutenden Neubauten. Auch im Zeitalter des Barock standen Synagogen zumeist abseits der Straßen in Hinterhöfen, wenn solche Bauten überhaupt geduldet wurden: Die Gemeinden unterlagen Einschränkungen und Abgaben, ihre Mitglieder waren immer wieder von Ausweisung bedroht. Wo ein längeres Bleiben gesichert schien, baute man Synagogen als äußerlich schlichte, innen aber reicher im barocken Stil ausgestattete Gotteshäuser. Einige Beispiele sind noch heute erhalten, so die Synagoge in Memmelsdorf in Unterfranken von 1728, deren Ausstattung jedoch seit der Zeit des Nationalsozialismus weitgehend zerstört ist. Auf der Ostseite befindet sich der Toraschrein, in dem die Torarollen verwahrt wurden - das wichtigste Gut einer jeden Synagoge. Im Zentrum des Raums stand eine erhöhte Plattform, die Bima, mit dem Pult zur Lesung aus der Tora. Im Erdgeschoss saßen die Männer der Gemeinde, für die Frauen gab es seitlich eine Empore.
Die Zeit der Aufklärung, der beginnenden rechtlichen Emanzipation und der treffend «Verbürgerlichung» genannten Prozesse des kulturellen Wandels jüdischer Gemeinschaften brachte seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts auch Veränderungen in der Synagogenarchitektur: Jüdische Bauten konnten nun öfters im Stadtbild sichtbar werden. Wenn sich Gemeinden den Reformen der Liturgie anschlossen, hatte dies zudem eine Umgestaltung der Innenräume zur Folge. Die Kernfrage des architektonischen Historismus: «In welchem Style sollen wir bauen?» stellte sich für Synagogenarchitekten in besonderer Weise: Auf welchen historischen Baustil hätten sich Juden berufen sollen, um ihren Bauten eine entsprechend ablesbare Bedeutung zu geben?
Eine Antwort war die Einkleidung der Synagogen im so genannten maurischen Stil. Mit seinen Hufeisenbögen, seiner Vielfarbigkeit und den arabesken Ornamenten sollte er auf die Herkunft des Judentums im Orient verweisen und zugleich auf die Hochblüte jüdischer Kultur im maurischen Spanien. Vor allem aber sollte er vermeiden, die als genuin christlich verstandenen Stile der europäischen Kirchenarchitektur, Gotik und Romanik, für Synagogen einzusetzen. Die prachtvoll maurisch dekorierten Synagogen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Leipzig, Berlin (Oranienburger Straße), Köln (Glockengasse) oder Stuttgart entstanden, waren damit auch Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der jüdischen Gemeinden, die mit einem «eigenen» Stil ins Stadtbild treten wollten.
Der jüdische Architekt Edwin Oppler (1831-1880) vertrat eine andere Ansicht, wenn er meinte, ein deutscher Jude solle im deutschen Staat im deutschen Stil bauen. Der «deutsche Stil», für Oppler eine Mischung romanischer und gotischer Elemente, war für ihn also ein Sinnbild der Teilhabe der Juden am deutschen Staat und zugleich eine Forderung nach Gleichberechtigung und Akzeptanz: Emanzipation, Assimilation und Akkulturation sollten die Gleichheit des jüdischen Bekenntnisses mit dem christlichen gewährleisten. Neoromanische Synagogen bildeten bis zur Zeit des Ersten Weltkriegs den größten Anteil unter den Neubauten, sie entstanden zum Beispiel in Hannover, München und Düsseldorf. Die Kölner Synagoge in der Roonstraße ist das bedeutendste im Außenbau erhaltene Beispiel neoromanischer Synagogen, die mit einer hohen Zentralkuppel oder einem Vierungsturm oft eine charakteristische Silhouette besaßen.
Zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs setzte im Synagogenbau ein Wandel zur frühen Moderne ein, womit man die gerade für jüdische Bauaufgaben letztlich nicht beantwortete Frage der historistischen Stilwahl hinter sich lassen und zugleich die eigene «Modernität» betonen konnte. Die monumentalisierten Synagogenbauten in Essen, Augsburg, Frankfurt (Westend-Synagoge) oder Görlitz zeugen noch heute von dieser äußerst fruchtbaren Phase.
Die «klassische Moderne» der Zeit der Weimarer Republik fand ebenfalls ihren Niederschlag in der Synagogenarchitektur. Jedoch ließ die schlechte Wirtschaftslage und der schon in diesen Jahren zunehmend spürbare Antisemitismus nur eine geringe Zahl von Neubauten zu. Bedeutende Zeugnisse des so genannten «Neuen Bauens» sind mit dem Tempel in der Oberstraße in Hamburg (heute Sendesaal des NDR) und den Synagogen in Bad Nauheim und München (Reichenbachstraße) erhalten.
Der Nationalsozialismus unterbrach die Entwicklung der Synagogenarchitektur in Deutschland. Die Zerstörung der Synagogen am 9. November 1938 war nur ein Schritt auf dem Weg zur Vernichtung der jüdischen Gemeinden, zur Ermordung der Jüdinnen und Juden.
Nach dem Ende des Holocausts im «Land der Täter» ein dauerhaftes jüdisches Leben zu etablieren, war für die meisten Überlebenden kaum denkbar. Dennoch bildeten sich in Deutschland wieder jüdische Gemeinden, die zunächst einen provisorischen Charakter besaßen: Die Auswanderung war das Ziel der meisten ihrer Mitglieder, Synagogenräume und andere religiöse und soziale Einrichtungen waren nicht auf ein dauerhaftes Bleiben angelegt.
Um 1950 hatten sich einige Gemeinden aber so weit etabliert, dass in Saarbrücken (1951), Stuttgart (1952) und Erfurt (1952) erste neue Synagogenbauten eingeweiht werden konnten. Ab der Mitte der Fünfziger bis Anfang der Sechziger Jahre kam es in der Bundesrepublik sogar zu einer «Neubauwelle» von Gemeindezentren und Synagogen. Der deutschen Politik galt dies als Ausweis einer gelingenden «Wiedergutmachung» der Verbrechen des Nationalsozialismus. Seit 1945 bis in die Gegenwart sind Einweihungen jüdischer Bauwerke Gegenstand gesellschaftlichen und politischen Interesses und werden als Gradmesser des Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden verstanden - so finden selbst kleinere Neubauten ein großes Echo in den Medien und in der interessierten Bevölkerung.
Den Bauten der Fünfziger und Sechziger Jahre ist das Konzept gemeinsam, nicht nur ein Gotteshaus, sondern Zentrum für die vielfältigen Aktivitäten der jüdischen Gemeinden zu sein: Die gemeinschaftsbildende und Identifikation ermöglichende Funktion sollte die Bauwerke prägen. Viele der Neubauten, zum Beispiel in Dortmund, Bonn, Hannover oder Hamburg, präsentieren sich als entschieden moderne Architekturen, die sowohl an die Entwicklung vor 1933 anschließen als auch den zeitgenössischen internationalen Synagogenbau rezipieren.
In der Mitte der Sechziger Jahre war der Bedarf an Neubauten weitgehend gedeckt. Die wenigen Bauten der folgenden Jahre nahmen aber die architektonische Entwicklung von der späten Nachkriegsmoderne zur Postmoderne auf.
Um 1988, als man des 50. Jahrestags der Zerstörung der Synagogen gedachte, wandelte sich das öffentliche Interesse an den historischen Synagogen. Immer häufiger wurde erkannt, dass die Erhaltung der materiellen Zeugnisse jüdischer Kultur eine Aufgabe der gesamten deutschen Gesellschaft ist. Seither wurden einige der Synagogengebäude, die die Zeit des Nationalsozialismus baulich überstanden hatten, restauriert und in Gedenkstätten, Museen oder Kulturzentren verwandelt. Andere stehen uns umgebaut zu Wohnhäusern, als Schuppen oder als Werkstätten gegenüber. Selbst Abrisse historischer Synagogen finden bis in die Gegenwart statt, was den immer schwierigen Umgang mit diesen Bauwerken und der in ihnen erkennbar werdenden deutsch-jüdischen Geschichte belegt.
Die politische Wende in den Staaten des Warschauer Pakts um 1990 machte es möglich, dass jüdische Einwanderer die Mitgliederzahlen der Gemeinden in Deutschland stark steigen ließen. Eine Welle von Neubauten jüdischer Einrichtungen ist die Folge, die bis in die Gegenwart anhält. Erneut entstehen Synagogen in den Formen der zeitgenössisch modernsten Architektur. Das Gemeindezentrum in Duisburg, entworfen vom israelischen Architekten Zvi Hecker (1999), oder der demnächst in Mainz entstehende Bau von Manuel Herz sind expressiv-skulpturale Projekte, deren komplexe Gestalt und symbolische Deutbarkeit die Betrachter und Besucher herausfordert.
In anderer Weise skulptural wirkt die Synagoge in Dresden, entworfen vom Saarbrücker Büro Wandel, Höfer, Lorch und Hirsch (2001): Hier ist es eine monumentale Grundform eines in sich verdrehten Kubus, die das Bauwerk geradezu denkmalhaft erscheinen lässt - erinnernd an die frühen jüdischen Heiligtümer der Stiftshütte und des Salomonischen Tempels, aber auch an die 1938 zerstörte Synagoge und damit an die Opfer des Holocaust.
Wie die Synagogen der Romanik und Gotik, des Barock, des Historismus und der Moderne des beginnenden 20. Jahrhunderts dienen die gegenwärtigen Neubauten als Orte des Gebets und der Versammlung, wobei sie die bis in die Antike zurückreichenden Bautraditionen aufgreifen und zeitgemäß verwandeln. Viele Bauten der letzten Jahre geben die relative Zurückgezogenheit der Synagogen der ersten Jahrzehnte nach dem Holocaust auf: Mit ihnen vollzieht sich sichtbar die Rückkehr jüdischen Lebens ins Bild der Städte. Als Architektur eine Minderheit erfüllen diese Synagogen, wie ihre historischen Vorläufer, noch eine weitere Funktion: Sie können als Repräsentationen jüdischen Selbstverständnisses interpretiert werden, das sich in den gewählten Formen ausgedrückt findet. So ist es durchaus bemerkenswert für die gegenwärtige Situation der jüdischen Gemeinden, dass Charlotte Knobloch den eingangs zitierten Satz Salomon Korns von 1986 ein wenig, aber entscheidend variiert. 2006 meinte sie anlässlich der Einweihung des jüdischen Zentrums in München, des größten Neubaus einer jüdischen Gemeinde in den letzten Jahren: «Wer ein Haus baut, der bleibt.»
Ulrich Knufinke ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter der Bet Tfila - orschungsstelle für jüdische
Architektur in Europa, iner Einrichtung der Technischen Universität Braunschweig und des Center for Jewish Arter Hebrew University of Jerusalem. Er befasst sich derzeit mit der Erforschung der Architekturgeschichte jüdischer Gemeindeeinrichtungen in Deutschland seit 1945.
Ulrich Knufinke