November 2008

von Maria Utschitel und Moritz Reininghaus

 

1. November 1896
Victor Aronstein

Victor Aronstein wurde als jüngstes von drei Kindern im polnischen Margonin geboren, wo seine Eltern eine Brauerei betrieben. Durch den wirtschaftlichen Niedergang der Region war die Familie allerdings ab 1904 gezwungen, nach Berlin umzuziehen. Victor besuchte nun das Köllnische Gymnasium, ehe er sich im Oktober 1915 für den Kriegsdienst meldete. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, immatrikulierte er sich an der medizinischen Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität. 1926 erhielt er die Approbation als Arzt, 1927 den Doktortitel. Im März 1928 nahm er seine Tätigkeit als Assistenzarzt im Park-Sanatorium in Birkenwerder nördlich von Berlin auf. 1931 eröffnete er eine Praxis für innere Krankheiten. Nach dem 30. Januar 1933 wurde auch er Opfer des Boykotts gegen jüdische Ärzte, er fühlte sich jedoch aufgrund seiner Verdienste im Ersten Weltkrieg vor den Hetzaktion sicher, zumal er ein – selbst von bekennenden Nazis – gefragter Arzt war. Dennoch sorgte seine Bekanntheit auch dafür, dass Verantwortlichen der örtlichen NSDAP seinen Vermieter dazu bewegten, ihm die Wohnung samt Praxis zum 31. Dezember 1936 zu kündigen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es Aronstein, eine neue Praxis zu finden. Ab 1938 verschlechterte sich auch seine Lage und er musste mehrmals im Haus versteckt werden, um nicht erkannt zu werden. Unterstützung erfuhr der als fachlich glänzender und hilfsbereiter Arzt in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Aronstein immer wieder durch Nachbarn und Freunde. Im selben Jahr wurde Aronstein aus der Reichswehr ausgeschlossen, was bedeutete, dass seine Absicherung durch das Verwundetenabzeichen von 1918 ihn nun nicht mehr schützte. Außerdem musste er im Dezember desselben Jahres nun doch seine Praxis aufgeben, der Plan zu emigrieren scheiterte an den Kosten. Offiziell musste der Arzt nun als «Krankenbehandler» bezeichnet werden. Obwohl Aronstein sich der Gefahr der Deportation ab 1941 bewußt war lehnte er die durchaus vorhandenen Angebote zur Flucht ins Ausland ab, da er seine Freunde nicht gefährden und weiterhin als Arzt praktizieren wollte. An seinem 45. Geburtstag am 1. November 1941 wurden Victor Aronstein zusammen mit seiner ihm auch persönlich nahe stehenden Sprechstundenhilfe Lotte Korn von der Gestapo abgeholt und zum Bahnhof Grunewald gebracht, von wo sie in das Ghetto Litzmannstadt verbracht wurden. Hier heiratete der vermutlich 1942 Lotte Korn. Als das Lager Mitte 1944 aufgelöst wurde, wurden die meisten Häftlinge nach Auschwitz deportiert. Aronstein war einer der wenigen, die dem sofortigen Tod dort vorerst entkamen. Wahrscheinlich zwei Wochen bevor das Konzentrationslager von der Roten Armee befreit wurde, erkrankte er wahrscheinlich an TBC und wurde ermordet.

 

7. November 1879
Leo Trotzki

Der Protagonist der russischen Revolution, sozialistische Theoretiker und spätere Gegenspieler Stalins, Lew Dawidowitsch Trotzki, wurde als Lew Dawidowitsch Bronstein in Janowka (Ukraine) als fünftes Kind des Bauern David Bronstein geboren. Begründet durch das gesetzestreue Religionsverständnis vermittelte man Trotzki die Grundsätze einer jüdischen Ausbildung und schulte ihn in einer Cheder-Schule ein, wo er in Russisch, Arithmetik und Bibel-Hebräisch unterrichtet wurde. Nach dem Besuch des Gymnasiums, wo er sich mit weltlichen Themen, wie Politik und Wirtschaft beschäftigt hatte, begann er die Religion aus einer anderen Sicht zu betrachten, die ihn vom orthodoxen zum weltoffenen, assimilierten Judentum hin bewegte. Trotzkis politische Anfänge wurden zunächst von liberalen Ideen begleitet, doch bald entwickelte er sich zum überzeugten Marxisten. 1897 rief er den revolutionären «Südrussischen Arbeiterbund» ins Leben. Ein Jahr darauf wurde er wegen Verbreitung verbotener politischer Bücher inhaftiert und nach Sibirien verbannt. Während seines Gefängnisaufenthalts beschäftigte er sich intensiv mit der marxistischen Theorie und übernahm sozialistische Grundhaltungen. Es gelang ihm 1902 nach Westeuropa zu flüchten, wo er das Pseudonym «Trotzki» annahm und sich den russischen Sozialdemokraten anschloss. Als Journalist gewann Trotzki Einfluss in der russischen Sozialdemokratie, an deren Parteitagen er auch teilnahm. Im Laufe der Jahre wechselte er öfter die Seiten zwischen den Bolschewiki und Menschewiki, wobei es ihm nicht gelang, einen festen Entschluss zum Parteiaufbau zu fassen. 1905 heiratete Trotzki seine zweite Frau Natalja Sedowa und flüchtete nach Deutschland. Nach dem er von der russischen Februarrevolution erfahren hatte, kam er nach wiederholten Festnahmen im Mai 1917 in St. Petersburg an. Trotzki wurde zum Vorsitzenden des Petersburger Sowjets ernannt und stimmte am 10. Oktober 1917 mit der Mehrheit seiner Genossen dem Entschluss für einen bewaffneten Aufstand gegen die schwache Regierung von Alexander Kerenski zu. Nach der erfolgreichen Oktoberrevolution bildete Trotzki gemeinsam mit Lenin die linke Opposition mit der Theorie der «permanenten Revolution», womit er den Übergang der sozialistischen Revolution zunächst für die Nachbarstaaten, dann für die gesamte Welt forderte. Als Verfechter des Trotzkismus unterlag er nach Lenins Tod im Machtkampf seinem Rivalen Stalin, der ihn aus Regierungs- und Parteiämtern entfernte. 1929 wurde Trotzki in die Türkei ausgewiesen, woraufhin ein Jahr später die trotzkistische Opposition Russlands zusammenbrach. Nach der Aberkennung der russischen Staatsbürgerschaft wurde er als Gegner der stalinistischen Alleinherrschaft durch den sowjetischen Geheimdienst verfolgt. Bei einem zweiten Anschlag gelang es einem Agenten Trotzki, der sich nun im mexikanischen Exil befand, mit einem Eispickel so schwer zu verletzten, dass0 er am 21. August 1940 den erlittenen Verletzungen erlag.


17. November 1878
Lise Meitner

Kurz bevor Otto Hahn die Kernspaltung entdeckte, hatte die Physikerin Lise Meitner aufgrund ihrer jüdischen Abstammung aus Berlin fliehen müssen. Das entscheidende, historische Experiment konnte die beiden Kollegen also nicht mehr zusammen durchführen, was Hahn den Nobelpreis einbrachte, während Meitner diese Auszeichnung vorenthalten wurde. Sie war zu diesem Zeitpunkt eine der führenden Wissenschaftlerinnen im Bereich der Kernphysik und eine der ersten Frauen, die in der Wissenschaft Karriere machten. Lise, eigentlich Elise, Meitner wurde als dritte Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Philipp Meitner und dessen Frau Hedwig Meitner-Skov-
ran in Wien geboren. Sie wurde protestantisch und nicht jüdisch erzogen, 1908 konvertierte sie auch zum Protestantismus. Als externe Schülerin – sie musste sich also autodidaktisch auf die Prüfungen vorbereiten – bestand sie 1901 ihr Abitur am Akademischen Gymnasium Wien, einem Knabengymnasium, da die staatlichen Gymnasien in Wien damals noch keine Mädchen aufnahmen. Im Anschluss daran begann sie ihr Studium der Mathematik, Physik und Philosophie an der Universität Wien, das sie als zweite Wiener Frau überhaupt mit einer Promotion über die «Wärmeleitung in inhomogenen Stoffen» abschloss. Im Anschluss daran bewarb sie sich – allerdings erfolglos – am Institut von Marie Curie in Paris. Im darauf folgenden Jahr wechselte Meitner nach Berlin und begann ab 1907 ihre experimentellen Arbeiten mit dem Physiker Otto Hahn, mit dem sie 1917 das Element Protactinium entdeckte. Trotz vieler Widerstände gelang Meitner ab 1912 eine beispiellose Karriere, als sie eine Stelle als Universitätsassistentin bei Max Planck bekam. 1918 wurde sie Leiterin der Physikalischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts, 1922 habilitierte sie sich in Physik und wurde schließlich 1923 zur außerordentlichen Professorin für experimentelle Kernphysik ernannt. Mit der «Machtergreifung» der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurde Lise Meitner die Lehrerlaubnis entzogen, dennoch konnte sie zunächst am Kaiser-Wilhelm-Institut zusammen mit Otto Hahn die Bestrahlungsexperimente mit Neutronen fortsetzen. 1938 emigrierte sie dann jedoch auf Drängen Otto Hans über die Niederlande und Dänemark nach Schweden, wo sie eine Anstellung am Stockholmer Nobel-Institut für Physik fand. Ein Jahr später lieferte sie zusammen mit Otto Robert Frisch die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung, die ihr Kollege Otto Hahn und dessen Assistent Fritz Straßmann 1938 entdeckt hatten. Meitner trug durch briefliche Anregungen maßgeblich zur Entdeckung der Kernspaltung bei und Hahn erhielt 1944 den Nobelpreis für Chemie. Die überzeugte Pazifistin weigerte sich stets standhaft, sich an Forschung für atomare Waffen zu beteiligen, auch wenn sie teilweise als «Mutter der Atombombe» bezeichnet wird.
Ab 1947 leitete Lise Meitner die kernphysikalische Abteilung des Physikalischen Instituts der Technischen Hochschule Stockholm und erhielt zahlreiche Ehrungen, wie 1955 den ersten «Otto-Hahn-Preis für Chemie und Physik», und 1957 die Friedensklasse des Ordens Pour-le-Mérite. Im Jahr 1964 besuchte sie ein letztes Mal Berlin und nahm an einem Kolloquium der Physikalischen Gesellschaft der DDR teil. 1960 zog die nun schon betagte Dame nach Cambridge, wo ihr Bruder und ihr Neffe lebten. Drei Wochen vor ihrem neunzigsten Geburtstag starb Lise Meitner am 27. Oktober 1968.

21. November 1880
Franz Hessel

Als er 1906 nach Paris übersiedelte, war der Schriftsteller Franz Hessel bereits ein geübter Flaneur. Ab 1899 hatte der in Stettin geborene Bruder des Historikers Alfred Hessel die Kunst des flanierenden Beobachtens als Quelle seiner Kreativität entwickelt. Aufgewachsen war der Bankierssohn in Berlin, ursprünglich zum Jura-Studium war er dann nach München geschickt worden. Dort suchte er jedoch lieber statt die Paragrafen zu studieren in den Kreisen der Schwabinger Bohème die Nähe zu Schriftstellern wie Karl Wolfskehl, mit dem er 1903 auch den Baseler Zionistenkongress besuchte, oder Stefan George. Den Lebensstil ermöglichte ihm das umfangreiche elterliche Vermögen. Mit der legendären Gräfin Fanny zu Reventlow pflegte er gar ein Liebesverhältnis. Mit der «Königin von Schwabing» und dem Baron Bohdan von Suchocki lebte Hessel von 1903 bis 1906 in einer legendären Wohngemeinschaft. Einen Einblick in das «Eckhaus» in der Kaulbachstraße Nr. 63 geben die Romane «Kramladen des Glücks» von Hessel und «Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem seltsamen Stadtteil» von zu Reventlow. Gemeinsam mit ihr schrieb er auch gern Parodien auf den George-Kreis. In den Pariser Künstlerkreisen von Montparnasse dann lernte er die Malerin Helen Grund kennen sowie den Kunsthändler und Schriftsteller Henri-Pierre Roché. Die drei führten eine Beziehung, die Roché zu dessen 1953 erschienenen Roman «Jules et Jim» inspirierte, der dann wiederum François Truffaut 1961 als Grundlage für den gleichnamigen Film diente. 1913 heiratete Franz Hessel Helen Grund, das Ehepaar ließ sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Nähe von München nieder. In seinem Roman «Pariser Romanze» schildert Hessel die Beziehung zu seiner Frau auch selbst. In den 20er Jahren arbeitete Hessel dann als Lektor im Rowohlt-Verlag in Berlin, übersetzte Stendhal und Balzac sowie gemeinsam mit Walter Benjamin Marcel Proust. Auch in Berlin, der Stadt seiner Kindheit, ließ er erneut den Blick des Flaneurs schweifen, den die Atmosphäre und der Blickwinkel mehr interessiert als der konkrete Inhalt einer Handlung, wo das scheinbar Beiläufige und wenig Beachtete plötzlich im Mittelpunkt steht. In «Spazieren in Berlin» (1929) hat er dies alles in stilistischer Brillanz literarisch verewigt. Trotz Berufsverbots blieb Hessel bis kurz vor den Pogromen des Jahres 1938 in Deutschland, dann flüchtete er mit seiner Frau nach Frankreich. Vor den vorrückenden deutschen Truppen weiter flüchtend, fand er zunächst in Sanary-sur-Mer Zuflucht, wurde dann jedoch im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Nur kurze Zeit nach der Entlassung aus dem berüchtigten Lager starb Franz Hessel im Januar 1941. Im Nachlass seines Freundes und Schriftstellerkollegen Alfred Polgar wurde rund 40 Jahre später ein Fragment entdeckt, an dem Hessel vor allem im Pariser Exil gearbeitet hat. Unter dem Titel «Alter Mann» wird es 1987 erstmals veröffentlicht.

24. November 1632
Baruch de Spinoza

Baruch de Spinoza wurde als Sohn einer portugiesisch-jüdischen Kaufmannsfamilie in Amsterdam geboren. Die jüdische Ausbildung erhielt er in einer Talmud-Tora-Schule, wo er Hebräisch lernte und mit der jüdischen Glaubenslehre und Scholastik in Kontakt kam. Er befasste sich mit den Schriften von Hobbes, Descartes und Bacon, durch deren Einfluss er sich allmählich von der Lehre des traditionellen Judentums abwandte. Seine Ansichten führten letztendlich 1656 zum Ausschluss aus der jüdischen Gemeinde und zur Verbannung aus Amsterdam. Aus wirtschaftlicher Not arbeitete Spinoza als Linsenschleifer, zog erst nach Rijnsburg und später nach Voorburg bei Den Haag. In dieser Zeit erschienen seine ersten philosophischen Werke wie das «Kurze Traktat von Gott, dem Menschen und seinem Glück» und die Abhandlung «Über den Fortschritt des Verstehens». Schon darin sind die Themen angelegt, die Spinoza dann in seinem 1667 erschienenen Hauptwerk, der «Ethik», bearbeitete. Darin orientierte er sich daran, dass die Wahrheit nur durch die mathematische Denkweise gefunden werden könne. 1673 lehnte Spinoza einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Heidelberg ab, den ihm der pfälzische Kurfürst Karl Ludwig angeboten hatte, da er die Unabhängigkeit seines Denkens beibehalten wollte. Baruch de Spinoza lehrte eine Philosophie des Pantheismus und ethischen Rationalismus. Er sah den Menschen als in eine Weltordnung eingepasstes Wesen, das auf selbsttätige Weise sein Glück findet. Gott ist für ihn die Substanz, demnach sind alle irdischen Dinge göttliche Daseinsweisen. Spinoza setzt Gott mit der Natur gleich und macht ihn somit wahrnehmbar. Wahre Erkenntnis, die gleichbestimmt ist mit dem Vernunftstreben, führt zur Tugend. Der höchste Grad der Tugend ist für ihn das Erkennen Gottes. Spinozas Lehre war zunächst umstritten und fand wenig Zustimmung, da viele seiner Zeitgenossen sein Bild eines unpersönlichen Gottes als Atheismus auffassten. Erst ein Jahrhundert nach seinem Tod an Tuberkulose am 21. Februar 1677, setzte sein eigenständiges Werk Wirkung auf Philosophie und Dichtung ein.

von Maria Utschitel und Moritz Reininghaus  

«Jüdische Zeitung», November 2008