«Sadismus bis zur Raserei»

Herbst 1938 in Wien – Das Tagebuch
der 18-jährigen Ruth Maier

Mittwoch,
5. Oktober 1938, Wien

Ruth Maier. Foto: DVA

Еs ist früh, kein Mensch auf der Straße. Ein Jude, jung, gut gekleidet, kommt um die Ecke. Zwei SS-Männer tauchen auf. Der eine und auch der andere geben dem Juden eine Ohrfeige, der taumelt … hält sich den Kopf … geht weiter.
Ich, Ruth Maier, 18 Jahre alt, frage nun als Mensch, als Mensch, frage die Welt, ob dies sein darf … Ich frage, warum dies erlaubt ist, warum ein Germane, ein Deutscher einen Juden ohrfeigen darf, aus dem einfachen Grund, weil der eine Deutscher, der andere Jude ist! Ich rede nicht von Pogromen, von Ausschreitungen gegen Juden. Vom Fenster-Einhauen, Wohnung-Plündern … Es kommt darin die bodenlose Gemeinheit nicht so zum Ausdruck. Aber hier, in dieser Ohrfeige. Wenn es einen Gott gibt … ich glaube nicht daran und ich rufe ihn nicht gerne beim Namen … aber jetzt ich muss es sagen dem da oben … wenn es einen Gott gibt: Diese Ohrfeige, die muss mit Blut … mit … womit muss diese Ohrfeige gesühnt werden?
Und ich will euch sagen, euch allen, euch Ariern, Engländern, Franzosen, die ihr das duldet: Diese Ohrfeige, die müsst ihr alle verantworten, denn ihr habt sie geschehen lassen.
Und dass so viel Leid ist. Immer nur Leid. Was sagt das besser als der Jude, der taumelt und dann … weitergeht.
Susi hat gesagt, hat uns von der Wehrgasse erzählt: Ein Wachmann, der hat mit den Juden geschrien, hat gewütet, hat «Judenschweine» gerufen und so vieles andere mehr. Hat sich vor die Juden hingestellt, hat aufgerieben [Schläge angedroht]. Susi hat gedacht: Was ist dann … wenn er mir eine Ohrfeige gibt … ich kann nichts dagegen machen … gar nichts … aber es ist gut so … ganz gut … je mehr, desto besser … je mehr, desto besser. Wollt ihr mehr, ihr Schweine, ihr Untiere, ihr Bestien! Wie könnt’ ich euch alle jetzt anspucken. Oder vielleicht soll ich euch das Bild beschreiben in der Ausstellung «Der Ewige Jude»? Soll ich euch die Gesichter der Juden beschreiben, der Juden aus Dachau? Die ausgehungerten, ausgemergelten Gesichter? Intelligent, durchsichtig, voll Geist, kahl geschoren, mit der hohen Stirn, darunter «Der Mediziner», «Der Kaufmann». Soll ich euch zeigen? Auf ihre Kleider haben sie ihnen einen gelben Fleck genäht, weil wir Juden sind.
Oder soll ich euch die vielen, vielen jüdischen Männer aufzählen: Heine, Börne, Schnitzler, Marx, Lassalle, Zweig und so viele andere? Seht sie euch doch an! Das sind die Männer des Volkes, das ihr verfolgt, weil es eine andere Rasse hat.
Früher glaubten die Menschen an böse Geister, an Herren. Heute glauben sie an die Rasse. Und wir, sind wir nicht alle Märtyrer der Rasse?
Ich könnte weinen jetzt um die Juden, um meine kindlichen Träume von der Menschheit und von ihrer Erlösung. Ich glaub’ nicht mehr dran. Nein, wirklich, ich habe den Glauben verloren.
Heute ist Jom Kippur. Der lange Tag, der Fasttag der Juden. Die SA-Leute haben sich dafür einen Scherz ausgedacht. Sie haben die Juden benachrichtigt, sie müssten innerhalb von drei Tagen ihre Wohnung, innerhalb von einem Monat Deutschland verlassen. «Sonst werden’s erschlagen.»
Ist das das Goldne Wienerherz oder ist das der Gipfel der Bestialität? Dass man uns quält, das sind wir gewohnt. Aber das ist nicht gewöhnlich, das ist unüberbietbar, das ist Freude am Spiel mit dem wehrlosen Opfer. Das ist der ganze von Zivilisation zurückgedrängte Trieb zu quälen. Der Sadismus bis zur Raserei.
Ich verzweifle, ja ich verzweifle … sudetendeutsche Flüchtlinge sind ja in letzter Zeit eine Menge in Österreich, das heißt in der Ostmark, aus der Tschechoslowakei eingetroffen.
Sie wurden dort ja angeblich wegen ihres Deutschtums gequält und gemartert. Nun, sie kommen nach Wien, dringen in jüdischen Wohnungen ein und verlangen, das heißt nehmen sich Bettzeug, Kleider etc.
Das sind also die Menschen, gequält und gemartert, benutzen sie die nächste Gelegenheit, um wiederum zu quälen und zu martern … Und die Juden, was sind die nicht für ein gutes Marterobjekt?
Alles könnt ihr an ihnen auslassen, eure zurückgedrängten Neigungen, Triebe, eure Minderwertigkeitsgefühle, eure Bestialität. Was ihr wollt! Wir haben keine Waffen und können uns bei Gott nicht wehren: Ihr könnt unsere Väter nach Dachau schicken, unsere Mütter dürfen sich mit Gas vergiften, unsere Söhne müssen wie Tiere über die Grenzen kriechen!
Ich denke an eine Szene vor dem Steueramt in der Porzellangasse. Es hatte geregnet. Wir Juden standen durchnässt und fröstelnd seit sieben Uhr früh im Regen. Ein Straßenkehrer kam mit dem Besenstiel und brüllte mit uns, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, fuhr uns an. Schaum stand ihm vor dem Mund: «Werd’s es net weggehen, es Bankerter,
I lass euch abführen!» Wie froh er war, der Straßenkehrer, dass er an uns, an der minderwertigen Rasse, seine Wut auslassen konnte. Der Straßenkehrer!
Als die Arierin drinnen vor der Tür vor uns hineinging, obzwar wir stundenlang Schlange gestanden und sie erst im letzten Moment gekommen war. Und als sie sich zu entschuldigen versuchte, da sagte einer: «Aber gnädige Frau, Sie brauchen sich ja nicht zu entschuldigen, wir sind eben Menschen zweiter Klasse.»
Er sagte es ohne Pathos. Es hat so grauenhaft geklungen, obzwar: Wir sind ja nicht Menschen zweiter Klasse, wir sind … was sind wir eigentlich?

Sonntag, 9. Oktober 1938, Wien
Es gab nie ein Ereignis in der Geschichte von solchem Elend und Unglück, solcher Erniedrigung, Scham und Bestialität. Dass wir es ertragen, wundert mich. Dass wir trotz all dem nicht den Gashahn aufdrehen, in die Donau springen.
Drei Tage vor der Entbindung geht eine jüdische Frau illegal über die Grenze. Die Familie zerrissen … die Frau als Köchin in England, der Mann in Belgien, illegal, die Mutter noch in Deutschland, der Bruder in Dachau, die Schwester …
Es ist so ungeheuer, dass wir es selbst nicht ermessen können. An Jom Kippur sind SA-Männer im 18., 19., 17. Bezirk in die Wohnungen eingedrungen, haben befohlen, innerhalb von 24 Stunden Kofferl einzupacken, wegzufahren. Man stelle sich die grauenhaften Szenen vor. Nein, bitte, keine Herrschaften. Ein paar Menschen haben den Gashahn aufgedreht. Bei Ehrlichs waren sie, auch bei Frau Kamill. Hildegards Eltern wollten in den Wienerwald gehen … im 20. Jahrhundert … Nein, bitte, es war ein Witz, ein Ulk … Im Tempel mussten jüdische Frauen, Mädchen den Tempel aufreiben [aufputzen].
SA-Männer kommen in die Wohnungen, Bücher requirieren, sagen: «Ah, den Heine lesen die Juden.» Verbrennen Heine, Zweig, Schnitzler. «Das internationale Gesindel!» Manche können nicht mehr mit! Die Mutter von Frau Herr hat sich umgebracht! Nur weg!!

Sonntag, 16. Oktober 1938, Wien
Es sind Pogrome!! Sie prügeln die Juden und wollen sie an Laternen aufhängen. Sie rufen «Hepp, hepp». Die Rettungsgesellschaft hat zu tun. Sie zerstören die Tempel. Sie reißen den alten Juden an den Bärten, sie hauen die Frauen. Sie schlagen die Fenster ein. Ruth, merk Dir das! Es ist sieben Uhr abends und jetzt, in dem Moment, geht’s wieder los. Drinnen in den kleinen Gassen: Schiffamtsgasse, Leopoldsgasse etc.
Käthe geht herum mit blauen Ringen um die Augen. Es ist greulich. Man kann nichts sagen. Man presst die Lippen fest zusammen: Mittelalter. Die Träume, meine Kinderträume, meine Liebe zu den Menschen, diesen elenden Bestien … Weil ich Jüdin bin, wollen sie mich morden. Nein, und es ist so, ich muss es sagen: «Sind wir Vieh, Tiere? Sind wir Menschen?» «Ja», sagt Herr Goebbels, «wie die Flöhe auch Tiere sind.»
Im Jahre 1938 war es sehr dunkel auf der Erde!
Und ich liebe die Juden, das ist der Erfolg. Ich liebe sie, weil sie leiden. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Ja, beinahe sinnlich liebe ich sie. Diese klugen Gesichter. Und mögen sie schreien «Hepp, hepp!» Ich bin Jüdin! Und es sollen es alle wissen und sie sollen mich auf die höchste Spitze des Kirchturms hängen, mir Fußtritte geben, mich anspucken, mich blau schlagen, ich bin Jüdin … Was wollt ihr denn noch? Schneidet mir die Adern auf, damit mein jüdisches Blut fließe. Johlt und schreit! Ihr Schweinehunde. Und wenn ihr diese Zeilen lesen solltet, packt mich an den Haaren, ohrfeigt mich. Ich stehe zur Verfügung … Und nachher spielt Jazzmusik und ihr freut euch am Leben. Denn es ist doch wirklich ein Genuss.
Ja! Wirklich, ich vergesse ganz, dass es noch Felder gibt, goldene Ähren, Sonne, leisen Wind, Sterne, blauer Himmel. Das ist alles jetzt so fern …
Ja! Wenn ihr wollt, will ich es euch ausmalen, ein Bild: Über dem Gesicht hat er einen roten Streifen, der Jud’, und sein eines Auge habt ihr ihm ausgestochen und den Bart habt ihr ihm ausgerissen. Gefällt euch das!
Und ihr Studenten, rührselige Weltverbesserer, Sozialisten, Kommunisten, Träumer, Schwärmer mit den weißen Händen. Warum lasst ihr das geschehen? Warum?
Alles kann ich mir vorstellen. Alles! Und ich würde es geschehen lassen, weil ich nicht anders könnte. Ich würde, wäre ich noch bei Bewusstsein, denken: «Je mehr, desto besser.» Aber wenn ihr meinen Vater anrührt, ich weiß nicht, was ich tun würde. Ich glaub’, ich nähme einen Revolver. Denn meinen Vater dürft ihr nicht anrühren. Ich würde auf den Knien vor euch rutschen, euch bitten, betteln: «Tut meinem Vater nichts! Tut meinem Vater nichts!»
Und ich werde zur bewussten Jüdin, ich spüre es. Ich kann nicht anders. Entschuldige, alles ist so kreuz und quer in meinem Kopf. Ich schreibe so wirr!

Oktober 1938, Wien
Es ist wieder mal Abend. Oktober! Am 10. November werd’ ich achtzehn. So jung! Noch. Und doch! Nie mehr werd’ ich siebzehn sein. Nie mehr vierzehn. Wie doch jedes Alter anders ist bei uns Mädchen. Von 1 bis 20. Und ich bin rein, unberührt. Nicht wahr? Mein Körper ist sehr schön.
Ja! Gestern war es, da haben sie wieder ein jüdisches Heim überfallen, und man sieht viele junge, jüdische Burschen einbandagiert. Denn es ist ein Sport, Juden zu schlagen. Der Direktor sagt: «Es ist eine eigene Moral, einen Juden zu schlagen», und er hat Recht. Es ist tatsächlich eine eigene Moral … Da gestern bin ich an einem jüdischen Geschäft vorbeigegangen. Die Glasscheiben waren zersprungen. Ein winziges Loch und scharfe Linien. Es sah so boshaft aus.
Vielleicht werde ich als Kinderfräulein nach England gehen. Vielleicht. Was sagst du dazu?

Dienstag, 1. November 1938, Wien
Sehr verehrter Herr Gorki,
Sie sind tot, ich weiß es, doch muss ich Ihnen schreiben. Ich muss, um Ihnen zu danken, aus ganzem innigen Herz zu danken für Ihre zwei Erzählungen: «Kinder». Ich habe geweint dabei, das tut nichts, aber es war mir so wohl, so dankbar zu Mut. Sie sind ein Dichter, vielleicht können nur Dichter so rein, so klar fühlen. Alle Juden der ganzen Welt, in England, Frankreich, in Deutschland, Palästina und den USA, sie alle weinen bei ihren zwei Erzählungen: «Kinder». Sie alle sind dankbar, dass ein Mensch da ist, der mitfühlt. Es ist so viel Leid da, aber jetzt ist Hoffnung. Wir danken Ihnen!

Mittwoch, 2. November 1938, Wien
Gestern war ich bei den Blinden. Es war einer dort, der Selbstmord begehen wollte, wegen … na, wegen der jetzigen Zustände halt. Jetzt ist er blind. Er hat ein feines, jüdisches Gesicht, eine helle Stirn, seitlich, da ist eine Narbe … Jetzt hat er das Leben lieb, jetzt, weil er blind ist. Er geht unsicher, die Hände von sich gestreckt … Er ist vierzig Jahre alt und er hat Silvi so lieb. So lieb! Er presst sie an sich und er sagt: «Mein Gutes, Liebes». Er fühlt gern ihren Kopf ganz nah an der Brust und er streicht über ihren Nacken, er sagt: «Recht viel Glück sollst du haben, immer einen Onkel, der für dich sorgt.»
«Was ist das: „sorgen“?» «Wenn man dich sehr lieb hat, dir zu Essen gibt, eine Wohnung kauft …» Und jetzt ist er blind, und er wollt’ sterben, und das darf geschehen?

Freitag, 4. November 1938, Wien
Ja, gestern, da hat’s wieder gewühlt, ist es wieder aufgetaucht, gespenstisch und doch so nah … Ich weiß es ja, warum ich nicht vergessen kann, ganz genau: Jeder Mensch, jeder kleine Durchschnittsmensch, der sich so nach ein bissel Romantik sehnt, nach ein paar goldenen Pünktchen in seinem Leben, der sich sehnt nach dummen, wirklich dummen, unnützen Dingen, der macht sich einen kleinen Roman zurecht, ein kleines Geheimnis seines Lebens, einen Winkel, in dem er alles Süße und Liebe und alles tief drin Verborgene zusammenträgt. Nun und diesen Winkel, den liebt man halt, von dem will man sich nicht trennen, trägt seine Enttäuschungen hin, seine Sehnsüchte, seinen winzigen Traum. Und wenn man klein und nichtig ist (wie ich), dann hängt man diesen Träumen nach, anstatt was zu leisten. Das ist egal, ob das jetzt ein Professor ist, mit einer Glatze, mit dem man Latein gelernt hat, oder ob das ein Bettler ist, der an der Straßenecke steht, mit blassen Händen. Es ist dasselbe, man denkt: Das ist die Erfüllung, der Traum etc.
Ja, ich erkenn’ es daran: Wenn ich an ihn denk’, an den Williger, buchstäblich, ich meine haargenau, wenn ich an manchen Menschen, die vorübergehen, kleine Bewegungen sehe, Worte, die er auch hat, dann graust mir, denn ich darf ihn mir nicht körperlich vorstellen, fleischlich sozusagen.
Ja, jeder Mensch hat einen Williger. Selbst die Großmutter: Da ist’s halt ein Förster, ein Christ, den durft’ sie nicht heiraten. Und die erste Liebe, steckt in ihr nicht auch was Willigerartiges?
Da sagt Mama, von der Kultusgemeinde aus, da soll man so niederschreiben, was man so denkt in der heutigen Zeit. Das werd’ ich bestimmt tun.

Montag, 7. [?] November 1938, Wien
Ein kleiner 17-jähriger Emigrant hat ein Attentat auf einen deutschen Legionsrat verübt. Er ist ein polnischer Jude. Mein Gott!
Es ist wieder gedrückte Stimmung, die Luft dick und voll Traurigkeit. Die Juden schleichen an den Mauern wie gehetzte Tiere. Jetzt ist es tot. Niemand, kein Jude geht außer Haus. Wir haben alle Angst, sie werden uns schlagen, weil ein polnischer Jude einen Deutschen töten wollte.

Freitag, 11. November, 1938
Sie haben uns geschlagen! Gestern war der schrecklichste Tag, den ich je erlebt habe. Ich weiß jetzt, was Progrome sind, weiß, was Menschen tun können, Menschen, die Ebenbilder Gottes. In der Schule sagte uns der Direktor: «Ja, also, sie zünden Tempel an, verhaften, schlagen … vor der Tür steht ein Lastauto … Drei Professoren haben sie verhaftet» … Dann werden wir nach der Reihe zum Telefon gerufen … wie in einem Schlachthaus, wir trauten uns nicht auf die Straße, lachten … machten Witze, waren nervös … Mit dem Taxi fuhren Dita und ich nach Hause, es sind 100 Schritte. Wir rasten durch die Straße, es war wie im Krieg …Leute starrten, kalte Luft, Gestalten und vorn ein Lastauto mit Juden, ganz aufrecht, wie Schlachtvieh! Diesen Anblick werd’ und darf ich nie vergessen. Juden, wie Schlachtvieh im Lastauto … Leute starren.
Wir schlüpften wie gehetztes Wild ins Haus, keuchten die Stiegen hinauf. Dann begann es: Sie schlugen, sie verhafteten, zerdroschen Wohnungseinrichtungen etc. Wir saßen alle so bleich zu Haus und von der Straße kamen Juden zu uns, wie Leichen.
Ich fragte: «Wie ist es draußen?» – «Mies!»
Grete L. haben sie 46 Reichsmark weggenommen, haben geschrien, eine 75-jährige Frau haben sie geschlagen, und sie schrie, sie haben ihr die Wohnung mit einem Hammer zerschlagen etc.
Heute ging ich durch die Gassen. Es ist wie am Friedhof. Alles zerschlagen, mit Lust und Freude, die jüdischen Geschäfte versiegelt, nichts als Rollbalken. Dann ein Zettel: «Das Inventar dieses Cafés ist arisch. Daher: Nicht beschädigen!»
In dem Volksruf steht: «Wo bleibt der gelbe Fleck?»
Und wenn wir alle einen gelben Fleck tragen müssen: Sittlich, im Inneren, unsere Welt, die wir mit uns tragen, die können sie uns nicht nehmen. Und drum lassen sie ihre Wut an Fensterscheiben aus, schlagen und schrein: «Juda verrecke!»
Unten sagt ein Arier: «Dem Juden hab’ ich an Steißen gebn, dass er glei in Winkel taumelt ist.» Menschen, Ebenbilder der Götter! Und dann: «Selig sind, die Verfolgung leiden, um der Gerechtigkeit willen.»

Sonntag, 13. November, Wien
Nebenan spielt gerade ein Jude Geige. Süß, nur manchmal falsch … Trotz alledem also, trotz Pogromen, Prügeln etc., wird der Jude nebenan Geige spielen, werd’ ich mir mit Herzklopfen Bilder von Michelangelo anschauen.
Eigentlich fühle ich in mir jetzt eine Leere: Ich bin weder besonders traurig noch besonders lustig. Es ist alles so grauenhaft, dass ich es nicht mehr erfassen kann. Ich singe, mache Witze und doch: Es ist ein Elend, wie ich es noch nie gesehen habe.
Da waren wir jetzt bei Gildemeester, einer jüdischen Hilfsaktion. Da ist eine junge, hübsche Frau mit tiefen, schwarzen Augen und einem feinen Zug um den Mund. Mit zwei Kindern an der Hand. Der Mann ist in Dachau, seit vier Wochen keine Post. Sie muss ihren Mann sehr lieben, das sieht man an den Augen. Die Kinder sind so klein, sie geht mit ihnen von Tür zu Tür. Dann ein alter Mann: Schlosser aus der Provinz, ausgewiesen. Ja, alle aus der Provinz sind ausgewiesen worden. Auch Männer mit Kriegsauszeichnungen, Medaillen schlagen sie. Auf der Straße … nichts als Möbelwagen, große, massive und einfache Lastwagen. Bettzeug, Kästen, Schaukelstuhl, Kaffeemühlen, alles auf einen Haufen, das Heim, nur das Heim eines Juden. Und die Zeitungen! Voll von: »Juden hinaus! Saujuden!« Wir sind so wehrlos, und sie können machen mit uns, was sie wollen. Der Direktor sagt: »Wir müssen den Weg nach innen finden!«

Freitag, 25. November 1938, Wien
Es ist so traurig!

Sonntag, 27. November 1938, Wien
Heut’ Abend, nein, Spätnachmittag, da haben wir uns von Onkel Rudi verabschiedet, Papas Freund. Es ist mir so vorgekommen, dass seine Augen so feucht wurden plötzlich. Ich war tapfer. Mama hat geweint. Recht fest haben wir uns die Hände gedrückt: Auf Wiedersehen! – Ja, auch Onkel Rudi, der Journalist, sagt: «Ich wollte gerne nach Palästina, denn als Jude fühle ich mich ja doch nur dort zu Hause.» Ja! Das ist es, das Zu-Hause-Fühlen, dieses Geborgensein, Mensch-Sein, das ist es, was ich unter dem «Gelobten Land» verstehe. Denn das Leben, das ich in England, in Frankreich, ja vielleicht auch in Amerika führen werde, ist ja doch nur «Emigrantenleben». Wie tragisch, wie erschütternd ist nicht dieses «Emigrantenleben». Wir, die deutschen Juden von 1938, wir wissen es. Kein Zuhause, kein Heim, ich auf dich und du auf mich angewiesen, vereint durch unser Schicksal, durch unser Leid. Es klingt theatralisch, aber es ist so. Wir alle halten zusammen fest durch unser Leid.
Ist es nicht verständlich, dass wir mit Tränen in den Augen Palästina zum ersten Mal erblicken? Denk nach, werden wir uns nicht wie Kinder vorkommen, verstoßen, geplagt, bleich, müde, krank und geschlagen, die nun endlich zur Mutter finden? Und diese Mutter ist Palästina, bestimmt, ist das «Gelobte Land», Erez Israel. Das Land: Erez. Und willst du es uns verübeln, dass unsere Augen leuchten, dass wir zittern, wenn wir an «das Land» denken? An unser Land, wo wir zu Hause sind. Ja! Es ist wahr, Onkel Rudi hat mich darin bestärkt, er hat es gesagt, ausgesprochen, was bis jetzt verhalten in mir war: Zu Hause sind wir Juden doch nur in Palästina. Ich möchte dazu sagen: «heute». Denn morgen, morgen kommt der Sozialismus. Dann ist unser zu Hause die Menschheit, die Welt, dann werden wir wie Menschen unter Menschen leben dürfen.
Ja! Ich wollte über die Menschen schreiben, die mir so unter der Hand zerflattern: Der eine in Palästina, der andere in Neuseeland, der in Bombay oder Shanghai. z

Die Texte sind mit freundlicher Genehmigung
des Verlags dem Ende Oktober
erschienenen Band Ruth Maier,
«„Das Leben könnte gut sein“,
Tagebücher 1933 bis 1942», herausgegeben
von Jan Erik Vold (Deutsche Verlags-Anstalt,
544 Seiten, 24,95 Euro) entnommen.


 

«Jüdische Zeitung», November 2008