Buchcover

«Gegenüber die andere Welt»

von Harry Bernstein

Manchmal braucht es ein ganzes Menschenleben, bis eine Geschichte reif ist, um erzählt zu werden. Der Amerikaner Harry Bernstein, geboren 1910, begann erst im Alter von 92 Jahren, nach dem Tod seiner Frau, die Geschichte seiner ärmlichen Kindheit im Industrierevier von Stockport bei Manchester aufzuschreiben, das Friedrich Engels schon 1844 als eines der «dunkelsten und schmutzigsten Löcher» Englands gebrandmarkt hatte. Dabei ist, vielleicht gerade wegen des großen zeitlichen Abstands zur Niederschrift, ein Erinnerungsdokument von ähnlicher Intensität, Zärtlichkeit und präziser Beobachtungsgabe entstanden, wie es vor Jahren Frank McCourt mit seinen irischen Memoiren «Die Asche meiner Mutter» geglückt ist - ein Buch das Leid in Mitgefühl und Verständnis verwandelt. Die enge Straße mit den endlos gleichförmigen, kleinen Backsteinhäusern, in denen Harry zusammen mit seinen vier Geschwistern aufwächst, scheint dem Leser von Fotos und aus Filmen vertraut. Das besondere an dieser Straße ist jedoch, dass die eine Straßenseite ausschließlich von Christen, die andere aber von Juden bewohnt wird. Diese sind, wie Harrys Eltern, vor allem Flüchtlinge aus Russland. Es gibt zwar keine offenen Feindschaften zwischen den Bevölkerungsgruppen, trotzdem scheint eine unsichtbare Mauer durch die Straße zu verlaufen, als ungeschriebenes Gesetz aus Tradition und Konvention, das sie voneinander trennt. So bleibt es einem jungen, heimlichen Liebespaar vorbehalten, dem der kleine Harry als Liebesbote dient, das uralte und dennoch immerjunge, tragische Romeo-und-Julia-Motiv in einem Milieu fortzuschreiben, das vor allem durch harte Arbeit und den beginnenden Konflikt des Ersten Weltkriegs gekennzeichnet ist. Harry Bernstein ist mit seinem Buch ein kleines Meisterwerk der Erinnerungskunst gelungen, das aufgrund seines wesentlichen Konflikts eine erstaunliche Aktualität und Universalität besitzt. Auch sprachlich lässt der Autor kaum Wünsche offen: in seinen besten Passagen erinnert sein Buch an Werke von Charles Dickens.

Florian Hunger


«Gegenüber die andere Welt»
aus dem Englischen von Michael Schmidt
Econ, 333 Seiten
19,95 Euro

«Jüdische Zeitung», April 2007