Reise nach Jerusalem

Begegnungen mit David, Jesus, Mohammed und anderen, ganz normalen Bewohnern der heiligen Stadt

Foto: Eik Dödtmann

Jerusalem, das ist Wiege und Bedeu- tungsträger der großen Monotheismen dieser Welt, Zankapfel zweier zeitge- nössischer National- bewegungen, Schwelle zwischen archaischen Lebens- welten und Moderne, Schnittpunkt von West und Ost. Kein Ort der Welt polarisiert so sehr wie «Al-Quds», die «Heilige», der Name der Stadt auf Arabisch. In keiner Stadt der Welt wie in der 750.000-Seelen- Metropole finden sich so viele verschiedene Versionen für ein und dieselbe Begebenheit.

Hier flechten Menschen nicht nur Jahre und Jahrzehnte in ihren Erfahrungs- horizont ein, sondern denken in Jahr- hunderten und Jahrtausenden, so als wären sie selbst Betroffene oder Zeitzeugen der Eroberungen Davids, der Tempelzerstörungen, der Islamisierung, der wütenden Kreuz- fahrer und der osmanischen Herrschaft gewesen. Die Übergänge zwischen Heilsgeschichte und wahren Begebenheiten, zwischen Halbwahrheit und Wahrheit sind fließend. Jedem Stein gebührt eine religiöse oder nationale Dimension, jeder Abriss, jeder Spatenstich und jede Grundsteinlegung wird hier zum Sinnbild der geopolitischen Weltlage. Und im Gerangel um die Deutungshoheit der Steine Jerusalems stehen immer Menschen mit ihren persönlichen Geschichten. Geschichten, wie sie nur Jerusalem zu schreiben imstande ist.

Der Besucher kommt mit der Weltsprache Nummer Eins, schlechtem Englisch, überall mit den Jerusalemern ins Plaudern. Wenn es der Zufall will, dann führt sogar einer der letzten deutschen Juden, der «Jeckes», den Gast in der Sprache Heinrich Heines durch ein Museum oder über eine archäologische Ausgrabungsstätte. Begegnungen, egal ob in der Alt- oder Neustadt, in Ost- oder Westjerusalem, mit Juden, Arabern oder Zugewanderten entspinnen sich in Windeseile. Geschichte und Geschichten werden ausgetauscht.

Jerusalem, das heißt vor allem – Hinhören.

Mit Djembe zur Bar-Mitzwa

Ein Mittwoch an der Klagemauer. Aus dem ganzen Land und aus dem Ausland strömen religiöse Familien zum emotionalen, direkt am Fuße des Tempelbergs gelegenen Epizentrum des jüdischen Jerusalems heran. Die Söhne, die 14-jährigen «Bar-Mitzwa», werden dort rituell als Vollmitglieder in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen. Mütter und andere weibliche Angehörige winken dabei aus durch eine Trennwand erzwungener Entfernung ihren schüchtern aus der Tora-Rolle vorlesenden Jungens zu. Ein Schauspiel aus Freude und Trauer, begleitet von den Rhythmen der Musiker vor Ort, die für einen Obolus die Stimmung im Bar-Mitzwa-Reigen auf Klarinette oder afrikanischen Djembe-Trommeln anheizen. Dutzende Familien schieben sich so, die Bar-Mitzwa-Jungens umringend, vor der Klagemauer entlang, singen, klatschen in die Hände, die Frauen werfen Bonbons.

Die Klagemauer, hebräisch «Westliche Mauer», laut Überlieferung der letzte erhaltene Teil des im Jahre 70 zerstörten Zweiten israelitischen Tempels, ist religiöses Herzstück und Politikum der Altstadt. Der geräumige Vorplatz, auf dem sich heute auch der Parkplatz befindet, bekam nach der Eroberung der Jerusalemer Altstadt durch Israel im Jahre 1967 seine heutigen Ausmaße, als die arabischen Häuser, die bis dahin bis auf fünf Meter an die Mauer heranreichten, abgerissen wurden. Heute umgeben den Ort jüdische Lehrstuben und Ausgrabungsstätten. Am Eingangsbereich zur archäologischen Ausstellung südlich des Tempelbergs umringt eine israelische Schulklasse fünf christliche Pilger aus Angola in einer Arie aus Lachen und Händeschütteln. Alle Kinder wollen sich mit den Afrikanern ablichten lassen. Doch schon ruft die Lehrerin mit piepsiger Stimme zum Weitergehen auf. Der junge Wachmann der Gruppe trottet, die Maschinenpistole lässig umgehängt, müde lächelnd hinterher.

Der Aufstieg zum Tempelberg – mit dem darauf befindlichen Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee eines der wichtigsten Heiligtümer des Islams – erfolgt direkt vom Platz neben der Klagemauer über eine Rampe. Seit dem Tempelberg-Besuch Ariel Scharons im Jahr 2000 und dem Ausbruch der Zweiten Intifada ist der Eintritt für Touristen nur noch in den Morgen- und Mittagsstunden erlaubt. Auch junge Muslime, Männer unter 35, dürfen sich nur mit Sondererlaubnis in den Gärten und Brunnen des «Gebietes des Heiligen» aufhalten. Für gläubige Juden ist der Besuch des Tempelbergs, darauf verweist ein Schild des Rabbiners der Klagemauer, grundsätzlich verboten.

Verkaufsschlager «IDF»-T-Shirts

Neben dem mittleren Ausgangstor des Felsendoms, der «Machkama», in einer der engen Gassen der Altstadt, befindet sich das Geschäft eines alten Palästinensers, der Tücher und allerlei Tand verkauft. Touristen aus Deutschland? Ja, er habe einmal dem deutschen Kanzler Helmut Kohl die Hand geschüttelt. Er habe Kohl dann in sein Geschäft eingeladen, aber da hätten die Sicherheitskräfte den Kanzler schon weitergeschoben gehabt. Im muslimischen Viertel der Altstadt herrscht gedämpfte Stimmung. Der Ramadan macht die Nachmittage zu träge dahin fließenden Stunden des Wartens. Händler sitzen apathisch vor ihren Läden und bemühen sich nicht, die Vorbeigehenden anzusprechen. Der obligatorische Tee kann nicht kredenzt werden, es ist ja Ramadan, aber Zeit für ein Gespräch «zur Lage» bleibt immer.

Nael Bader besitzt ein Opal-Geschäft auf der Via Dolorosa, unweit der Fünften Station des letzten Weges von Jesus. Der 32-jährige Bader wirkt gesetzt für sein Alter. Wie laufen die Geschäfte? Langsam besser, die Touristen kommen wieder nach den schlechten Jahren der Zweiten Intifada. Er ist mit seiner Situation zufrieden, hat sich arrangiert: «Ich lebe als König in Jerusalem. Wenn ich im Westjordanland leben müsste, wären meine Flügel gestutzt.» Bader besucht seine Familie in Hebron nicht, will nichts von deren Problemen wissen.

Mahmoud Jamil Abu-Eid, der einen Antiquitätenladen in der Nähe des westlichen Jaffa-Tors betreibt, gibt sich politischer: «Meine Identität? Ich bin Palästinenser aus Jerusalem, das 1967 okkupiert wurde.» Er liebt Jerusalem, will hier leben und arbeiten, will nicht, dass die Stadt geteilt wird und glaubt doch an die Zwei-Staaten-Lösung, sicher noch nicht heute. Abu-Eid, der schon mehrmals in Deutschland war, ist Stolz auf die Geschichte seines Geschäfts, das seit dem Jahr 1890 im Familienbesitz ist.

Stolz ist auch die Familie Merios, die in der «Cardo», einer Souvenirmeile an der Grenze vom jüdischen zum arabischen Viertel, eine Kunstgalerie betreibt. Eljada Merios, ein politischer Weggefährte des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin, war der erste Jude, der sich nach der Eroberung Ostjerusalems 1967 wieder in der Altstadt ansiedelte. In der Galerie, die seit 1982 besteht, sind heute Bilder von betenden Juden und Soldaten an der Klagemauer zu erwerben. «Soldatenbilder verkaufen sich am besten, weil sie den Zeitgeist wiedergeben», informiert Israel Merios, ein Enkel von Eljada.

Wenige Meter weiter, hinter einem Eisentor, das nachts verschlossen wird, beginnt das muslimische Viertel. Hier heißt die «Cardo» Al-Baschura-Straße. In einem Geschäft, in dem vor allem T-Shirts und religiöse Souvenirs aller Art verkauft werden, arbeitet der 20-jährige Loay Gaith. «Hier arbeiten ist besser als Universität», meint der junge Palästinenser, dessen Vater früher regelmäßig auf Weihnachtsmärkten in Deutschland tätig war. Welche T-Shirts sich am besten verkaufen? Vor allem die israelischen Motive. Der Verkaufsschlager ist das Shirt der israelischen Armee «IDF», dicht gefolgt von Hemden mit «Free Palestine»-Schriftzug und Motiven der «Al-Aqsa-Moschee».

«Es ist eine Katastrophe»

Noch schnell ein Abstecher zur Grabeskirche. Russische, polnische und italienische Touristengruppen zwängen sich durch den schmalen Eingang ins vom Einsturz gefährdete Heiligtum der Christen. Hier soll sich der Ort befinden, an dem Jesus gekreuzigt und begraben wurde. Die Kirche besteht aus sechs kleineren Kirchen und mehreren Kapellenbauten, die, ineinander verschachtelt, das Rangeln der christlichen Strömungen, der Lateiner, Armenier, Kopten, Griechen, Syrer und Äthiopier, um die Oberhoheit über den Ort symbolisieren. An der kleinen Gruft, der Stelle, wo das Kreuz Jesu gestanden haben soll, schiebt ein orthodoxer Priester ein paar betende Russinnen unsanft zur Seite.

Die israelische Reiseführerin Dalia Cziczek aus Eilat erfreut der Touristenstrom. Auch wenn es ihre Arbeit in solchen Augenblicken ziemlich erschwert. Bei Weihrauch geschwängerter Luft warten Besucher bis zu zwei Stunden, um den Ort der Grablegung des Jesus zu sehen. In einer der unzähligen Seitenkammern der syrischen Kirche, sieht es noch aus wie nach dem großen Brand der Grabeskirche im Jahre 1810. Zeit zum Luftholen. Eine kleine Gruppe von Schweizer Touristen ist auch in dem düsteren Raum mit den rußgeschwärzten Wänden.

Auf dem Innenhof vor der Grabeskirche steht Wajeeh Nusseibah. Der kleine, untersetzte Mann mit dem geschäftigen Blick ist der Schlüsselwart der Grabeskirche. Ungefragt referiert Nusseibah die tausenddreihundertjährige Geschichte seiner Familie und die wechselnden Schlüsselbesitzer. Der christliche Araber ist von Beruf Elektroingenieur, heute Pensionär.

Aber ist die Grabeskirche wirklich der historisch verbürgte Ort der Kreuzigung von Jesus? Greg Wolfe aus Ohio/USA ist anderer Meinung. Der Mittdreißiger lebt seit sechszehn Jahren in Jerusalem. Er arbeitet als PR-Chef für den von anglikanischen Protestanten betriebenen «Grabgarten», der ein paar hundert Meter außerhalb der Altstadt im arabischen Ost-Jerusalem gelegen ist. Himmlische Ruhe herrscht im Garten. Eine kleine Gruppe von Skandinaviern steht Arm in Arm und betet. Ein Mann spricht mit bebender Stimme, das Murmeln der anderen klingt wie ein Heulen und Stöhnen. «Amen» presst es am Ende des Gebets mit inbrünstiger Befreiung aus ihren Mündern.

Wolfe erbringt während einer kurzweiligen historischen und geografischen Exkursion Beweise über Beweise für die Richtigkeit seiner Theorie: Hier muss das echte Jesus-Grab sein. Trotzdem bleiben genug Erklärungslücken und Fragen. Warum soll Jesus in einem Familiengrab bestattet worden sein? Wolfe: «Es ist egal. Für uns Protestanten ist es das Grab Jesu».

Ein Muezzin singt zum Nachmittagsgebet. Gibt es Probleme mit arabischen Nachbarn? «Wir biedern uns nicht bei den Muslimen an, wie manch andere», so Wolfe.
«Wir waren hier in der türkischen Zeit, in der Zeit des britischen Mandats, der jordanischen Herrschaft, und wir werden auch den Staat Israel überleben», sagt Wolfe trotzig. Der Satz könnte wohl von jedem anderen Mitarbeiter einer der heiligen Stätten in Jerusalem kommen, mit jeweils vertauschten Fremd- und Selbstbildern.

Bei so viel Inbrunst tut die Abgeklärtheit und Wissenschaftlichkeit des Avraham Rosenthal gut. Der 83-jährige in Friedberg/Oberhessen geborene Israeli führt als Volontär seine Gäste durch das «Bible Lands-Museum» am westlichen Stadtrand Jerusalems. Fachkundig erklärt Rosenthal vorbiblische und biblische Geschichte des Nahen Ostens, beantwortet Fragen zu Judentum, Christentum und Islam. In den 1960er Jahren war Rosenthal, der mit seiner Familie 1934 nach Palästina immigrierte, einer der besten Zahnärzte Israels. Warum beschäftigt er sich so mit der Geschichte der Bibel und mit Archäologie? «In unserer Generation interessiert das alle», sagt der alte Mann mit einem sparsamen Lächeln.

«Ich will lieber hier leben»

Im großflächigen Yad-Vashem-Komplex außerhalb Jerusalems, der Erinnerungsstätte für die im Holocaust ermordeten Juden, führt eine junge Deutsche durch das 2005 eingeweihte, neue Museum. Die mit einer hohen Dichte von Infotafeln, Filmen und Exponaten bestückte Ausstellung zieht jährlich über eine Million Besucher an. Vor einem Plakat richtet sich eine alte US-Amerikanerin an ihre Tochter: «Die Menschheit ist manchmal schrecklich grausam». Der Ausstellungsteil zum Gedenken an die 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kinder sei für sie das Schwerste gewesen, sagt die 75-jährige New Yorkerin. Und sie fragt besorgt: «Lernen die Deutschen darüber etwas in der Schule? Es ist furchtbar, dass es immer noch Holocaust-Leugner gibt.»

Am Ende des Museumsneubaus steht der Besucher auf einem Aussichtspunkt, von wo aus jüdische Siedlungen auf den Hügeln vor Jerusalem zu sehen sind. «Israel, das steht für Hoffnung und Zukunft», sagt Sarah Eismann am Ende ihres Rundgangs. Sie ist 28 Jahre jung, hat die blonden Haare streng nach hinten gebunden. Als Studentin der Judaistik kam die Nichtjüdin vor viereinhalb Jahren nach Jerusalem. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust habe sie am Anfang sehr mitgenommen. Aber jetzt, nach anderthalb Jahren hier, hofft sie, noch lange hier tätig zu sein. Warum? «Ich will lieber hier leben als in Deutschland».

Zu Hören gäbe es noch viel in der «Heiligen Stadt». Egal ob Stein gewordene Geschichte oder Geschichte gewordene Steine, jeder Besuch lässt viele, zu viele Fragen offen. Einen Teil können die auskunftsfreudigen Bewohner beantworten. Den Rest sollte man schon selbst herausbekommen.

Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», November 2008