Neuerscheinungen

Zusammengestellt von Florian Hunger

 

«Der Vampir von Ropraz»
von Jacques Chessex

 

Pathologische Serienmörder sind kein Phänomen unserer Zeit, sondern ein Indiz für Fehlentwicklungen, die nicht von Orten oder Zeiten abhängig sind, sondern von der persönlichen, individuellen Prägung der Täter. Vor einigen Jahren erschienen nahezu zeitgleich zwei spannende wissenschaftliche Arbeiten über die «Konitzer Mordaffäre» im Jahr 1900, einen bis heute unaufgeklärt gebliebenen Sexualmord an einem Gymnasiasten, der als letzter deutscher Fall eines antisemitisch motivierten Ritualmordvorwurfs der Neuzeit gilt und zum Ausbruch von Gewalt gegen Juden in Preußen führte. Robert Walser Smith und Christoph Nonn beschrieben in ihren Büchern anschaulich die Atmosphäre, die es den antisemitischen Zeitungen erleichterte, den Bürgern des verschlafenen Provinzstädtchens einen Sündenbock zu präsentieren. Was aufgrund der wissenschaftlich-analytischen Darstellungsweise den Leser fesselte, ihn aber in einer sicheren Distanz höherer Rationalität verweilen ließ, wird ihn im nahezu zeitgleich, nämlich 1902 im Schweizer Kanton Waadt angesiedelten, ebenfalls authentischen Fall des «Vampirs von Ropraz»,
den der Schriftsteller und Dichter Jacques Chessex in der subjektiven Form eines modernen Schauermärchens vorgelegt hat, nachhaltig verstören. Im Winter des
Jahres 1902 passierten in der Umgebung des Dorfes Ropraz drei grauenhafte Leichenschändungen, deren Details so abscheulich waren, dass sie schon damals die internationale Presse aufhorchen ließen. Die herrschende Atmosphäre absoluten Grauens, vermischt mit dumpfem Aberglauben als Erklärungsversuch und verdrängter Sexualität ließen die Landbevölkerung zur eigenen Beruhigung auch hier schnell einen Schuldigen finden. Jacques Chessex ist ein versierter Erzähler, dem es mit wenigen Sätzen gelingt, ein erschreckend genaues Bild der historischen Fakten zu schaffen und diese durch seine erzählerische Gestaltungskraft auf so unheimliche Art zu verstärken, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Tatsachen für den Leser kaum noch unterscheidbar sind. Sein Personal scheint dabei nicht nur den lokalen Geschichtschroniken entlehnt zu sein, sondern auch den Fallstudien eines C. G. Jung. Sein Anliegen ist ganz ohne Zweifel die Aufhebung der sicheren Distanz als Mittel zur tieferen Bewusstwerdung der Faktoren,
die Missbrauch und andere Sexualverbrechen überhaupt entstehen lassen. «Der Vampir von Ropraz» ist ein kleines geniales Lehrstück mit einer überaus perfiden schwarzen Pointe, die der Gesellschaft eine schallende Ohrfeige verabreicht.

«Der Vampir von Ropraz»,
aus dem Französischen von Elisabeth Edl,
erschienen bei Nagel & Kimche, 96 Seiten 12,90 Euro.

«Die Odyssee der Kinder»
von Jutta Vogel


Der geheimnisvolle Begriff «Teheran-Kinder» dürfte heute nur wenigen Menschen etwas sagen, und kaum jemand wird ihn mit einer spektakulären Geschichte jüdischen Überlebens im Zweiten Weltkrieg in Verbindung bringen. Aus Anlass des 70. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November sendet das ZDF eine aufschlussreiche Filmreportage, die einer größeren Öffentlichkeit in Deutschland diese abenteuerliche Geschichte zum ersten Mal detailliert nahebringt; ein zeitgleich erscheinendes Buch erlaubt es sogar, noch tiefer in das Thema einzudringen. Bei Kriegsbeginn im September 1939 machte sich eine Anzahl deutscher und polnischer Juden auf eine improvisierte Flucht Richtung Osten. Jenseits der Grenze müssen die Flüchtlinge jedoch erkennen, dass die
mit Hitler verbündete Sowjetarmee ein fast ebenso gefährlicher Feind für sie ist wie die Deutschen – auch hier droht ihnen im Fall ihrer Entdeckung der Tod. Filmreportage und Buch erzählen stellvertretend für Tausende die Schicksale von fünf Kindern, die im Verlaufe der Flucht von ihren Familien getrennt werden und sich schließlich vollkommen auf sich allein gestellt und unabhängig voneinander, größtenteils zu Fuß in einer fremden, oftmals feindlichen Umwelt durchschlagen müssen. Als Hitler 1941 den Nichtangriffspakt gegenüber Stalin bricht, verbessert sich ihre Situation wenigstens insofern, als sie nicht mehr von Verhaftung und organisierter Ermordung bedroht sind, sondern «nur» noch von Hunger, Kälte und lebensbedrohlichen Krankheiten. Ihr weiteres Schicksal ist eng verknüpft mit dem der polnischen Exilarmee, die nun als ihre Schutzmacht fungiert. Zusammen mit dieser von ihren sowjetischen Verbündeten nur mangelhaft versorgte und schlecht ausgerüsteten Schattenarmee werden die Kinder von deren nicht wintertauglichem Quartier an der Wolga 1942 nach Zentralasien verlegt und nach der kompletten Einstellung der Versorgung mit Churchills Hilfe schließlich in den Iran evakuiert. Hier schließlich wird die Hagana auf sie aufmerksam und setzt alles daran, die Kinder nach Palästina zu holen. Am Ende haben die 861 Überlebenden eine unglaubliche Reise von über 20.000 Kilometern hinter sich. Die Dokumentarfilmerin Jutta Vogel hat ein erfreulich leicht zugängliches Buch geschrieben, das insbesondere auch für junge Leser und für die Schullektüre geeignet ist, da hier ein packendes, kollektives Abenteuer menschlichen Überlebens auf umsichtige und verantwortungsvolle Art und Weise in seinen historischen Zusammenhang eingeordnet wird.

«Die Odysse der Kinder», erschienen bei Eichborn,
217 Seiten 19,95 Euro

 


«Blumen der Finsternis»
von Aharon Appelfeld


Kaum ein bedeutender literarischer Chronist jüdischer Verfolgung im Zwanzigsten Jahrhundert hat sein erzählerisches Werk einer solchen Fülle von Einzelaspekten der Schoa sowie ihres Nachwirkens auf die Überlebenden und auf nachfolgende Generationen gewidmet wie der 1932 in Czernowitz geborene Aharon Appelfeld. Wer Appelfelds vielschichtiges Werk aufmerksam liest, wird überrascht sein, wie sich aus all seinen Romanen ein Bild ergibt, das uns auf geradezu beiläufige Art und Weise, aber dennoch sehr unmissverständlich klar macht, dass die Erfahrung der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nicht als abstrakte Geschichtslektion verstanden werden kann, sondern als ganz reale persönliche Erfahrung von höchst unterschiedlichen menschlichen Individuen begriffen werden muss, deren einzige Gemeinsamkeit die Ausgrenzung durch ihre Verfolger zu sein schien: Menschen, die in ihren jeweiligen Lebensentwürfen und in ihrer persönlichen Entwicklung vor ganz anderen wesentlichen Fragen standen, als sie von Hitler-Deutschland und dessen Verbündeten auf den Kampf ums Überleben reduziert wurden, nebenher aber trotzdem weiterhin ihre fundamentalen ureigenen Lebensäußerungen umzusetzen versuchen mussten. Das trifft in besonderem Maße auch auf den auf schmerzliche Art und Weise hellwachen Protagonisten von Appelfelds neuestem Roman «Blumen der Finsternis» zu, den elfjährigen Hugo, der ratlos vor dem Mysterium des Erwachsenwerdens steht, als sich der Ring der Verfolgung immer enger ums namenlose Ghetto legt und er als eines der wenigen Kinder der Nachbarschaft noch nicht von seiner Mutter bei einem hilfreichen Bauern «in den Bergen» untergebracht werden konnte. In dieser ausweglosen Situation –
der Vater ist längst deportiert – erinnert sich Hugos Mutter an ihre Jugendfreundin Mariana, die als Prostituierte arbeitet und bittet diese, ihren Sohn bei sich zu verstecken. Das Leben, das Hugo in den kommenden Monaten führt, spielt sich fast ausschließlich in zwei Räumen ab, die unterschiedlicher kaum sein könnten: dem ganz in Rosa ausgepolsterten, aber dennoch gemütlichen «Arbeitszimmer» seiner Beschützerin, wo sie ihm Geschichten erzählt, ihn mit Leckerbissen füttert und ihn sich in ihrem großen Brett aufwärmen lässt – und der daran angrenzenden stinkenden Abstellkammer, wo er sich verstecken muss, wenn sie ihre deutschen Freier empfängt. Aharon Appelfeld ist mit der Figur der Rosa eine mitreißende, ungebrochen zuversichtliche Frauengestalt gelungen, die selbst in Zeiten totaler Entmenschlichung ihre Würde nicht verliert.

«Blumen der Finsternis», aus dem Hebräischen
von Aharon Appelfeld, erschienen
bei Rowohlt, 317 Seiten, 19,90 Euro.

«Blackout»
von Gregg Hurwitz


Das Thriller-Genre hat in den letzten Jahren wie die meisten vorwiegend unterhaltenden Strömungen innerhalb der populären Literatur unter einer ebenso beklagenswerten wie wohl kalkulierten Gleichförmigkeit gelitten, welche dem zweifelhaften Erfolg von sensationslüsternen Plots geschuldet ist, die den Leser mit den unlauteren Mitteln bewusst übersteigerten Grauens und der gekünstelten Konfrontation mit menschlichen Urängsten für die Dauer der Lektüre aus seiner dumpfen Gefühllosigkeit und apathischen Alltagsüberforderung zu befreien versuchen. Das mag für eine gewisse Zeit unterhaltsam sein – bei der Mehrzahl der einschlägigen Romane jedoch platzt die Handlung am Ende wie eine gewaltige Blase und hinterlässt uns angesichts der mit der Lektüre sinnlos vergeudeten Zeit ratlos und verstimmt. Da ist es sehr erfreulich, wenn ein Thriller, der zwar unzweifelhaft Teil dieses Marktes ist, sich der beschriebenen Missverhältnisse eindeutig bewusst ist und diese sogar auf sehr intelligente und schlagfertige Art und Weise souverän reflektiert. «Ich finde, Kerle wie Sie sind Arschlöcher, die andere Leute ausnützen. Sie denken sich Terroristenkomplotte und Serienmörder aus und machen sich die Ängste der Menschen zunutze und können davon auch noch bestens leben. Passiert auf dieser Welt nicht schon genug Scheiße, ohne dass Sie Verbrechen noch glorifizieren müssen?» Diesen Vorwurf muss sich der Protagonist in Gregg Hurwitz’ höchst spannendem neuen Roman «Blackout», der mittelmäßige Krimiautor Andrew Danner, ausgerechnet von einem
seiner langjährigen polizeilichen Berater gefallen lassen. Danner ist des Mordes
an seiner Exfreundin angeklagt, problematisch nur, dass er sich an nichts erinnern kann,
ein Gehirntumor hat alle Erinnerungen an jene Nacht restlos ausgelöscht. Wegen vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit wird er jedoch freigesprochen und kehrt tief verunsichert zurück nach Hause. Mitten in der Nacht erwacht Danner mit einer blutenden Wunde am Fuß, die er sich unmöglich selbst beigebracht haben kann, und ein Filetiermesser, das der Tatwaffe auf Haar gleicht, ist aus seiner Küche verschwunden. Er beschließt, eigene Ermittlungen anzustellen, um herauszufinden, wie es um seine Psyche bestellt ist und was in der Mordnacht wirklich geschah. Doch schon vierundzwanzig Stunden später steht das Überfallkommando erneut an seinem Bett: er soll eine weitere Frau ermordet haben. «Blackout» ist ein ungewöhnlich intelligenter Thriller mit einem atemberaubenden, wohldurchdachten Plot und überzeugenden, überaus lebensnahen Charakteren, der den Durchschnitt des Genres weit überragt und uns glänzend zu unterhalten vermag.

«Blackout», aus dem Amerikanischen von Wibke Kuhn,
erschienen bei Droemer, 431 Seiten, 14,95 Euro.

«Wir Ertrunkenen»
von Carsten Jensen


Im Hafen der beschaulichen Kleinstadt Marstal, dem Hauptort der winzigen dänischen Ostseeinsel Ærø, waren Ende des 19. Jahrhunderts nicht weniger als 346 Schiffe registriert, was deutlich mehr als zehn Prozent der heutigen Einwohnerzahl des Städtchens entspricht. Ähnlich wie auf vielen ärmlichen Inseln der griechischen Ägäis lebte auch die Bevölkerung von Ærø über Jahrhunderte fast ausschließlich von der internationalen Seefahrt. Der in seiner Heimat bereits als moderner Klassiker der Reiseliteratur geltende Essayist und Schriftsteller Carsten Jensen, selbst 1952 in Marstal geboren und ebendort aufgewachsen, hat sich in einem langwierigen Prozess der Geschichte und den kollektiven Erinnerungen seiner Heimatstadt derart angenähert, dass nach
fünf Jahren mühevoller Recherchearbeit ein fast achthundert Seiten starker, erstaunlich kurzweiliger und spannend zu lesender Roman entstanden ist, dessen reiche Handlung sich über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren erstreckt, und der in den skandinavischen Ländern in den vergangenen zwei Jahren die Bestsellerlisten dominierte. «Wir Ertrunkenen» ist die Geschichte einer rauen, aber grundanständigen Männergemeinschaft, die nahezu ihr gesamtes Berufsleben auf See verbringt, von Söhnen, die ohne Väter aufwachsen und dennoch deren Beispiel folgen, aber auch von selbstbewussten, intelligenten Frauen, die ganz auf sich allein gestellt wichtige Entscheidungen für die Gemeinschaft treffen und ihre Familien ohne die Hilfe ihrer Männer durchbringen müssen. Es ist jedoch vor allem eine Geschichte darüber, wie man idealerweise leben sollte, wie der Einzelne innerhalb einer engen Gemeinschaft gegen die Willkür der Mächtigen bestehen kann und sich in Kriegszeiten seine menschliche Würde bewahrt. Einen geradezu mythischen Zug gewinnt Jensens Buch durch die ungewöhnliche Erzählperspektive eines kollektiven «Wir», das der Autor erstaunlich souverän über die komplette Dauer des Romans durchhält und das auf geradezu geniale Art und Weise die «Allwissenheit» der vom alltäglichen Klatsch und Tratsch bestimmten Weltsicht der Kleinstädter in sich aufnimmt. Sie erlaubt Jensen außerdem, eine ganze Fülle von unterschiedlichen Handlungssträngen, Personenkonstellationen und Einzelgeschichten so zusammenzufügen, dass ein faszinierendes Erzählpanorama entsteht, das Seemannsgarn, ernsthafte Biographie und Seefahrtsgeschichte in sich vereint.

«Wir Ertrun kenen», aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg,
erschienen bei Knaus, 782 Seiten, 24,95 Euro.

«Meschugge»
von Charlotte Mendelson

 

In der ernstzunehmenden zeitgenössischen Literatur kommt es leider nur ausgesprochen selten vor, dass ein ambitionierter Roman Themen aufgreift, die mehr als nur im weitläufigen Sinne einen Bezug zur jüdischen Tradition aufweisen. Das verhält sich bei Charlotte Mendelsons tragikomischem literarischen Familienporträt einer liberalen britischen Rabbinerfamilie erfreulicherweise vollkommen anders, denn die von ihr ebenso spöttisch wie liebevoll überzeichnete, innerhalb ihrer Gemeinde hoch geschätzte und gesellschaftlich erfolgreiche Familie Rubin ist nicht nur fest im religiösen Judentum verwurzelt, die Handlung des Buches ist außerdem um zwei bedeutende traditionelle Feste des jüdischen Ritus herum gruppiert: die anstehende Hochzeit des ältesten Sohnes, die dieser vor der versammelten Festtagsgemeinde und laufenden Kameras platzen lässt,
um mit seiner heimlichen Geliebten durchzubrennen sowie um einen denkwürdigen, generalstabsmäßig vorbereiteten Sederabend, der die durch jenen beklagenswerten Anlass kompromittierte Familienehre wiederherstellen soll. Anders als es der einigermaßen phantasielose, nicht authentische Titel des Romans (Originaltitel:
«When We Were Bad») nahe legt, ist «Meschugge» weit davon entfernt, das durchaus verbreitete Klischee von der «verrückten jüdischen Großfamilie» zu bedienen. Die Autorin und langjährige Verlagslektorin Charlotte Mendelson, 1972 in London geboren, hat seit 2001 drei von Publikum und Kritik ausgesprochen wohlwollend aufgenommene Romane veröffentlicht, für «Daughters of Jerusalem», das bisher noch nicht auf Deutsch vorliegt, wurde sie mit zweien der renommiertesten Literaturpreise ihres Landes ausgezeichnet;
sie gehört außerdem nach Meinung des britischen Buchhandels zu den fünfundzwanzig Autoren mit dem größten literarischen Potenzial in Großbritannien. Ihre eigene Homosexualität ist auf sehr unaufdringliche Art und Weise ein immer wiederkehrendes Thema in ihren Romanen, so auch in «Meschugge», wobei die sexuelle Orientierung der Protagonisten hier noch am ehesten als ein Indiz (unter vielen anderen) für die Unentschlossenheit der vier Rubin-Geschwister verstanden werden muss, ihr Leben endlich in die eigene Hand zu nehmen. Charlotte Mendelson erzählt sehr authentisch,
aber immer augenzwinkernd von den erheblichen Schwierigkeiten ihrer Generation, sich aus dem übermächtigen Schatten ihrer erfolgreichen Eltern zu lösen, insbesondere sich von deren bequemen, materiellen Zuwendungen zu emanzipieren, um ein selbstbestimmtes, vor allem dem eigenen Glück verpflichtetes Leben zu führen.

«Meschugge», aus dem Englischen von Barbara Schaden,
erschienen bei Atrium, 383 Seiten, 22,90 Euro.

 

«Jüdische Zeitung», November 2008