«Ich wollte das Deutschsein umarmen»

Die Künstlerin Tanya Ury und ihre ganz persönliche
Wiederaneignung von Erinnerung

 

Tanya Ury, «Beelzebularin» (2005). Foto: T.U.

Berlin ist wirklich immer gut zu mir gewesen», sagt Tanya Ury bei unserem Wiedersehen in der Kantstraße in Charlottenburg. Die Künstlerin, die 1951 in London geboren wurde, lebt seit 15 Jahren in Deutschland. London, das ist ihre Familie; ihr Lebensmittelpunkt aber ist längst Köln. «Ein Zufall», meint sie. «Doch Zufälle gibt es nicht.» Köln war immer schon mehr als nur die Universitätsstadt, in der sie 1989 nach einem Studium der Bildenden Kunst am Exeter College ein Semester am Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft verbrachte. «Meine Familie kam aus Deutschland, die meisten aus Köln. Die Verbindung war so stark, dass bis auf die, die umgekommen sind, alle nach dem Krieg zurückkamen. Meine Urgroßeltern haben Theresienstadt überlebt und danach hier in Köln in einem Altersheim gewohnt. Auch meine Eltern sind beide in Deutschland geboren.» Während dieses Gastsemesters lebte sie für einige Monate 1989 bei ihrem Großvater Alfred Unger. Nachdem sie im englischen Reading ihren Master in Fine Arts gemacht hatte, ist Tanya Ury Gastdozentin an der Sheffield Hallam University, zieht sie 1993 nach Köln. Ihre doppelte Staatsbürgerschaft hat etwas Symbolisches. «Ich wollte das Deutschsein umarmen, die ganze Geschichte verstehen», eben auch die deutsche Seite ihrer jüdischen Familie.


Berlin ist mehr noch als Köln Inbegriff ihres deutsch-jüdischen Dilemmas. Vor genau zehn Jahren, im November 1998, nimmt Tanya Ury an der Ausstellung «Davka: Jüdische Visionen in Berlin» teil, die die Künstlergruppe «Meshulash» in den leerstehenden Räumen des früheren jüdischen Kinderheims in der Augustraße präsentiert. Sie zeigt dabei ihr lebensgroßes Selbstporträt «Tryptichon for a Jewish Princess Second Generation», demonstrativ nackt in einem ledernen deutschen Luftwaffenmantel, den sie im Mittelteil des Bildes schützend um sich legt, um sie herum Text: Sätze aus dem Gedicht «Daddy» von Sylvia Plath, die mit ihren eigenen Versen wechseln. Sie sprechen von Wut, von einer negativen Überidentifikation mit der Rolle des jüdischen Opfers, von der schwierigen Beziehung zum deutschen Vaterland und zur deutschen Sprache selbst.

«Ich verspüre ein Unbehagen, das aber jenen, die glauben, es wäre an der Zeit, weiterzugehen, nur schwer verständlich ist. Ich bin nicht abgeklärter, objektiver, weil ich die Schoa nicht persönlich erlebt habe, aber ich spüre sie in meinen Knochen. Obwohl ich keine Kinder habe, trage ich Verantwortung, oder wie man es im Englischen so prägnant ausdrückt: ‚I am left firmly holding the baby.’» «Holding the Baby» heißt auch eine Kurzgeschichte von 2002. Sie erzählt von ihrem Stuttgarter Wiedersehen mit dem Theaterregisseur Peter Zadek, der in seiner Jugend in London eng mit ihrem Vater Peter Ury befreundet war; beide waren jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und hatten zusammen eine Kinderoper geschrieben.

Berlin und das vergessene Kinderheim in der Auguststraße sind Reibungs- und Projektionsflächen, Orte, an denen es keine leeren Räume gibt, keine Geschichtslosigkeit. Ury hört die Stimmen auch in Köln. «Für mich gibt es überall Spuren, Hinweise von Verbrechen. Jeden November gehe ich zur Art Cologne in die Deutzer Messe, und denke auch an meine von dort deportierten Verwandten Grete und Ella Unger, zwei Schwestern meines Großvaters, die nie zurückgekommen sind.»

Urys Kunst ist immer persönlich, immer politisch und in jeder Beziehung schonungslos. 1993 ließ sie sich eine Nummer eintätowieren, 4711, um an ihre verschleppten Kölner Verwandten zu erinnern. «Kölnisch Wasser» als Wiederaneignung von Geschichte. Sie verwehrt sich gegen die Erinnerungsabwehr, gehörte zu den engagierten Gegnern der Ausstellung der Flick Collection in Berlin und kritisierte den Historienfilm «Der Untergang» wegen seiner Kontinuität einer Verweigerungshaltung gegenüber den Opfern. «Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich der im Holocaust umgekommenen Generation doch etwas schulde – eben meine Zeit, die ich dieser Aufarbeitung heute widme.»

Letzten Sommer, bald zehn Jahre nach der Ausstellung im «Ahawah»-Gebäude in Berlin-Mitte, sind wir uns bei dem Lernwochenende von Limmud am Werbellinsee am Rande Berlins wieder begegnet. Tanya Ury ist Teil des Programms: mit einem Vortrag über die Nazi-Vorgeschichte des Unternehmens Hugo Boss. «Nur wenige der 300 Festival-Besucher sind zu dem Referat gekommen, wahrscheinlich, wie jemand erklärt, weil gleichzeitig ein Vortrag über Sexualität in der Tora stattfindet. Immerhin zeigen die neun Anwesenden wirkliches Interesse, in dem sie die richtigen Fragen stellen – ob Boss auf meine Arbeit reagiert hat, und ob ich diese fortführen werde. Solche Vorträge halte ich seit Jahren, hauptsächlich in Deutschland: an Universitäten und in Galerien. Die Reisen hin- und zurück sind dann willkommene Gelegenheiten, um Abstand zu nehmen – ich lese oder denke nach, und manchmal schreibe ich...»

Die Künstlerin beschäftigt sich seit Jahren mit den Verstrickungen der bekannten Modefirma Hugo Boss mit dem Nationalsozialismus. Nachdem bekannt wurde, dass der Gründungsvater des Unternehmens das Modeimperium durch das Schneidern der SS-, SA- und HJ-Uniformen und den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen sicherte, hat sie sich mit der Beziehung von Mode und Politik, von Mode und Militärmode auseinandergesetzt. Ihre Arbeit «Who‘s Boss» besteht aus mehreren Teilen, die miteinander in Beziehung stehen.

So sammelt sie ihre eigenen Haare in Plastikbeutelchen, die sie mit dem jeweiligen Tagesdatum etikettiert. Für «Who‘s Boss: Hair Shirt» (Härenes Gewand) nähte sie aus diesen Plastikbeutelchen einen Mantel, der dem Ledermantel-Design der Luftwaffe nachempfunden ist und wiederum Ähnlichkeit mit der Mantelmode der Hugo Boss AG für die Wintersaison 1998/99 hat. Dieses härene Hemd hat als Zeichen für Buße und Wiedergutmachung etwas Sarkastisches: An Hugo Boss war 1946 die Aufforderung ergangen, 100.000 RM als Entschädigung an die Zwangsarbeiterinnen zu zahlen, der er bis zu seinem Tod 1948 nicht nachkam.

Im Jahr 2000 zahlte die Hugo Boss AG schließlich ein absolutes Minimum in den Fonds für die Entschädigung der Zwangsarbeiter ein. Hintersinnig und drastisch zugleich ist auch die Video-Performance «Who‘s Boss: Röslein sprach...»: Ury näht sich dabei dabei den Schriftzug «Boss» in ihre Innenhandfläche. Der Bezug ergibt sich aus einem Werbespot für ein Herrenparfum Hugo Boss, in dem ein junger Mann zu sehen ist, in dessen Handfläche man «your rules» liest.

Tanya Ury ist aber nicht nur Mahnerin. Sie hat sich bei aller Entschiedenheit in ihrer Trauerarbeit Humor und Lebensfreude bewahrt, vielleicht auch neu gewonnen, und sie braucht festen Boden unter ihren Füßen. «Vor 35 Jahren fing ich mit Guru Maharaj Jis Meditation an und hörte damit wieder auf, nicht weil es nicht funktionierte, sondern, weil die unendlichen Türen zu anderen Welten, die sich mir öffneten, mich abgeschreckt hatten. Anfang dieses Jahres habe ich mich für zwei Sachen entschieden: die Meditation wiederaufzunehmen, die ich in den letzten zehn Jahren vernachlässigt habe, aber auch Mitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Köln zu werden, die schon vor zehn Jahren gegründet wurde. Diese Entscheidungen werfen viele Fragen für mich auf.» Inzwischen trägt sie einen Davidstern.

Auch was auf den ersten Blick witzig wirkt, etwa Urys Doppelporträt «doo bee doo» von 2007 im Dialog mit Albert Einstein, liest sich bei genauerer Betrachtung als Geschichtslektion und Antwort auf die Initiative «Du bist Deutschland», die 2005/2006 von der Bertelsmann AG koordiniert wurde und mit TV-Spots, Plakaten und einem Budget von ca. 30 Millionen Euro positive Gefühle für das Land wecken soll. Ury platziert in ihrer Arbeit ihr Selbstporträt unter dem Bild eines Albert-Einstein-Doubles (das, so Ury, «Einstein wenig ähnelt») aus eben dieser Medienkampagne; sie ahmt dabei die Einstein-Pose nach, indem mit ihrer linken Hand die gerunzelte Denkerstirn stützt, und kopiert die Bildaufteilung der Plakatvorlage. Von einer Humoreske, wie es in der Presse hieß, kann dabei allerdings keine Rede sein. Man muss nur den Text darunter lesen, der auf Deutsch folgendermaßen lautet: «Ich bin Albert Einstein. Bin ich langsam? Sie bewerben deutschen Patriotismus in meinem Namen. Gar nicht witzig. Mag sein, dass ich Nobelpreisträger war, aber damals musste ich das Land unter Lebensgefahr verlassen. davidWas E=mc2 bedeutet, muss man wirklich nicht begreifen. Aber eins schon: die Geschichte. Wisch Dir die Sterne von den Augen, von falschem Respekt und schlecht recherchierter Agitation. Du bist Deutschland? doo, bee, doo, bee, doo.» «Doo, bee, doo», das sind die Silben und Töne, mit denen gelangweilte Menschen das Schweigen ausfüllen. Albert Einstein wurde in Ulm geboren, so wie Sigmar und Hedwig (geb. Ullmann), die Großeltern von Tanya Ury, die Opfer der Nazis wurden. Der Nobelpreisträger, den Deutschland 2005 mit einem «Albert-Einstein-Jahr» feierte, wollte auch nach 1945 mit dem Land seiner Herkunft nichts mehr zu tun haben.

Zu den dialogischen Doppelporträts dieser Serie gehören auch «lesser is me more or less» (2003) und «or else» (2007). Letzteres zeigt die Künstlerin zusammen mit der Schriftstellerin Else Ury, das erste gegenüber ihrem Ur-Großonkel Lesser Ury in Form seines ‚Selbstporträt(s) mit Dunklem Hut’ aus dem Jahr 1914, voneinander getrennt durch ein Narbengeflecht. Der bekannte Impressionist war zur Zeit seines Selbstbildnisses 53 Jahre alt und auf der Höhe seiner Schaffenskraft; die beiden Urys sind in diesem Doppelporträt also etwa gleichaltrig. Lesser Ury starb 1931 und wurde im nationalsozialistischen Deutschland schnell vergessen. Als Kind traf Tanya Ury in der Wohnung der Eltern einer Freundin in London erstmals auf ein Bild ihres Großonkels.

In den letzten Jahren sind nach und nach jüdische Künstler nach Deutschland gekommen, um hier zu leben und zu arbeiten, resümiert sie. «‚lesser is me more or less’ stellt die Frage, ob die Wiederbelebung jüdischer Kultur in Deutschland überhaupt möglich ist, und ob in solcher Frankenstein ähnlicher Versuch nicht zum Scheitern verurteilt ist.»

Tanya Urys Kunst, seien es nun Fotos, Videos, Performances oder Kurzgeschichten, kreisen immer wieder um Fragen von Altern, Erinnerung, Sexualität und Identität sowie um Diaspora im weitesten Sinne. Zu den jüngsten Arbeiten gehört «Sibling Rivalry» (Geschwisterliche Rivalität) von 2008, ein Photoporträt der beiden Schwestern Elà
und Leylà Ury. Die Eltern der beiden Teenager sind Tanyas Bruder David Ury, also ein deutschstämmiger britischer Jude, und Deniz Engin, eine türkischstämmige Muslima.
Sie ließen ihren Kindern die Freiheit, zwischen verschiedenen kulturellen und religiösen Identitäten zu wählen. Im Bild trägt die eine Kefiyah, die andere den Davidstern.

Von geschwisterlicher Rivalität ist es nicht weit bis zum Gelobten Land. «Promised Land» umfasst Kunstarbeiten und Biographien, die die Geschichte Israels kommentieren: Zwei Perspektiven von zwei Generationen aus verschiedenen Epochen, unsere zeitgenössische Sichtweise und die biblische. Bei «Beelzebularin» handelt es sich wieder um ein Fotoporträt von Tanya Ury selbst, verkleidet als Bezalel ben Uri, also als jener biblischer Künstler, der die heiligen Gegenstände für den einen und einzigen Gott anfertigte, der zuvor mit Mosche seinen Bund geschlossen hatte. Das Meer, an dem Bezalel hier steht,
ist aber nicht das Rote Meer, sondern die Ostsee bei Binz unweit von Prora: in der Rechten hält er ein Goldenes Kalb, in seiner Linken eine englische Streichholzschachtel der Marke «Swan Vesta», die für Ury die Bundeslade als eine Art Zunderbüchse der Pandora repräsentiert. Das Logo der Streichholzschachtel ist abgewandelt und zeigt nicht einen, sondern zwei Schwäne, Symbole der geflügelten Cherubim, die Bezalel der biblischen Erzählung nach auf der Bundeslade anbrachte, nachdem gerade erst das Bilderverbot verkündet worden war. Bezalel bedeutet: «Im Schatten Gottes». «Beelzebularin» ist ein Anagramm des Namens Bezalel ben Uri und erinnert an Beelzebub, den «Herrn der Fliegen», einen Gott der Philister. Thema ist also die Verantwortung des Künstlers, die künstlerische Ethik und die ständige Frage: «Für welche Richtung entscheidet man sich?».

«Es gibt keine jüdische Kultur mehr hier, keinen Bezug zum politischen Leben», beklagt Ury. Sie selbst ist eine Ausnahme, möchte man ihr entgegen halten, aber Ausnahmen bestätigen die Regel, heißt es. «Nicht jeder kann es sich leisten, widerständig zu sein», sagt Tanya Ury mit Blick auf ihr Leben und ihre Arbeit in Deutschland. «Ich will zurückgeben.»

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», November 2008