«Da bleibt dir die Luft weg»

In der Fußball-Bundesliga spielen zwei Israelis:
Gal Alberman und Roberto Colautti im JZ-Interview

Roberto Colautti (ganz links)
beim Länderspiel Israels gegen Kroatien (3:4)
im November 2006 Foto: dpa

"Die Wahrheit liegt auf dem Platz" – wenn diese alte Fußballer-Weisheit stimmt, dann scheinen die deutsch-jüdischen Beziehungen inzwischen ein solches Maß an Normalität erreicht zu haben, dass es der deutschen Presse nicht einmal eine Meldung wert war, dass in der ersten Saison nach dem souveränen Wiederaufstieg von Borussia Mönchengladbach in die Bundesliga zwei israelische Nationalspieler im Kader stehen.

Der gebürtige Argentinier Roberto Colautti (26) hatte bereits die vergangene Aufstiegssaison für den fünfmaligen deutschen Meister absolviert. Israels Fußballer der Saison 2007-2008, Gal Alberman (25), stieß diesen Sommer von Beitar Jerusalem dazu. Der Mittelfeldspieler Alberman hat in dieser Saison bislang fast alle Pflichtspiele für seinen neuen Verein absolviert und war beim 3:2-Sieg über Werder Bremen Ende August einer der besten Spieler auf dem Platz. Stürmer Colautti hat durch eine langwierige Verletzung noch Trainingsrückstand und kam in dieser Saison bisher nur auf einige Kurzeinsätze.

Nach dem schwachen Start der Borussia in die Bundesliga, der Entlassung des Trainers Jos Luhukay und der Verpflichtung von Hans Meyer sieht er jedoch in Zukunft bessere Einsatzchancen. Die Jüdische Zeitung hatte letzten Monat Gelegenheit, mit Colautti und Alberman über ihr Leben als Fußballprofis, die derzeitige Situation bei Borussia Mönchengladbach sowie Israels Chancen in der WM-Qualifikation zu sprechen.

Wie sieht Ihre früheste «Fußball-Erinnerung» aus?

Alberman: Das ist schwer zu sagen. Ich war schon als kleines Kind Fußballfan. Die Weltmeisterschaft 1994 in den USA ist mir noch in Erinnerung. Aber es war für mich als Kind nicht ganz einfach, die Spiele zu verfolgen.

Colautti: Ich habe daheim in Argentinien mit meinen Freunden auf der Straße und auf den Wiesen Fußball gespielt. Und keine Frage, als Achtjähriger habe ich mich damals schon über den Elfmeterpfiff gegen Argentinien für Deutschland im WM-Finale in Italien 1990 geärgert.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie Fußball-Profi werden wollen?

Alberman: Das war in der Jugendmannschaft bei Maccabi Petach-Tikva, wo mein Talent erkannt wurde und sich eine gewisse Dynamik entwickelt hat. Das ist ganz sicher nichts anderes als hier in Deutschland.

Was ist das Besondere am israelischen Fußball? Wie unterscheidet er sich von der Bundesliga?

Alberman: In Israel gibt es vielleicht vier Clubs, die um den Titel mitspielen können. Dahinter gibt es kaum aussichtsreiche Vereine. In Deutschland gibt es in der Spitze auch die üblichen Verdächtigen, aber dazu noch jede Menge ambitionierte Clubs, die nachrücken können. Die Bundesliga an sich ist vom Tempo her etwas ganz anderes als die israelische Liga. Die Qualität ist ganz sicher höher.

Colautti: In Israel sind zu unseren Topspielen 15.000 Besucher gekommen, hier ist auch im Abstiegskampf das Stadion voll. In Argentinien wird wiederum ganz anderer Fußball gespielt. Dort liegt das Augenmerk auf Technik. Dafür sind die Fans aber noch fanatischer.

Sie sind nicht die ersten israelischen Spieler in der Fußball-Bundesliga. War es eine schwierige Entscheidung für Sie als israelischer Jude, zu einem deutschen Fußballverein zu wechseln?

Alberman: Ja, wir sind nicht die ersten Israelis bei Borussia. Hier hat schon Anfang der 1970er Jahre ein Israeli für eine Saison gespielt – Schmuel Rosenthal. Das Angebot von Borussia hat mich geehrt, für mich gab es keinerlei Vorbehalte, nach Deutschland zu gehen. Ins Ausland zu wechseln ist mir nicht schwer gefallen. Ich war ja auch schon einmal für ein halbes Jahr in Spanien bei CD Teneriffa. Hier bin ich super aufgenommen worden, die Mannschaft ist klasse, das Umfeld super. Die Atmosphäre hier im Stadion ist sensationell. Da bleibt dir die Luft weg!

Colautti: Natürlich ist es etwas anderes, alleine in einem fremden Land zu sein. Aber uns gefällt das Land, uns geht es sehr gut.

Roberto, während Ihrer ersten Saison im Aufstiegsjahr bei Borussia Mönchengladbach konnten Sie aufgrund einer Verletzung nur zehn Spiele absolvieren, in denen sie drei Tore erzielten. Was sind Ihre Ziele für die laufende Saison?

Colautti: Ich möchte in erster Linie erst einmal gesund bleiben. Wenn ich richtig fit bin, möchte ich endlich allen zeigen, was ich kann. Ich erhoffe mir natürlich auch durch den Trainerwechsel wieder eine neue Chance, mich in die erste Elf kämpfen zu können.

Alberman: Ich möchte in meiner ersten Saison hier dazu beitragen, dass wir am Ende der Saison den Verbleib in der Bundesliga sichern. Als Aufsteiger ist das das einzige realistische Ziel. Das hat der misslungene Start in die Spielzeit eindrucksvoll bewiesen. Ich würde nicht soweit gehen, zu behaupten, dass wir nur gegen Werder Bremen unser Potenzial angedeutet haben. Leider konnten wir den Schwung nicht mitnehmen und haben auch aus mangelndem Selbstvertrauen nicht immer unsere beste Leistung abrufen können. Persönlich möchte ich Stammspieler unter Hans Meyer werden und mich bei Borussia durchsetzen.

Sie sind mit der israelischen Nationalmannschaft mit zwei Siegen und zwei Unentschieden in die WM-Qualifikation gestartet und liegen derzeit auf dem aussichtsreichen zweiten Tabellenplatz der Gruppe 2 hinter Griechenland, aber noch vor der Schweiz und Lettland. Wie beurteilen Sie Ihre Chancen für die Qualifikation zur WM-Endrunde in Südafrika 2010?

Colautti: Wir haben gute Chancen und zwei wichtige Spiele gegen Griechenland vor. Zunächst können wir uns im Heimspiel gegen den Tabellenführer an die Spitze der Gruppe setzen. Danach müssen wir nach Griechenland. Dann sehen wir weiter.

Alberman: Wir haben eine Außenseiterchance. Das habe ich immer gesagt. Daran hat sich nach den Ergebnissen zuletzt nicht viel geändert. Wir sind in Lauerstellung und bereit, unsere Chance zu ergreifen.

Ihr Teamkollege bei Borussia, Karim Matmour, ist Algerier. Andere Spieler kommen aus muslimischem Umfeld. In der israelischen Nationalmannschaft spielen Sie auch mit arabischen Spielern zusammen. Wie ist das Verhältnis untereinander?

Alberman: Da gibt es keine Probleme. Wir pflegen alle ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Generell sollte der Fußball und der Sport bei diesen Themen aber nicht überbewertet werden. Natürlich gibt es verschiedene Gruppierungen, die unser Verhalten vielleicht auf sich projizieren. Insofern haben wir natürlich auch eine Art Vorbildfunktion, aus der wir uns nicht herausmogeln können.

Das Gespräch
führte Florian Hunger

 

«Jüdische Zeitung», November 2008