Russischer Tee oder lieber doch «Kaffee türkisch»?

Welches Getränk passt eigentlich, wenn Minderheit sich treffen?

 

Plüschzebras als Dankeschön

für Spenden an den Verein ARiC. Foto: ARiC

Noch immer sind einige Stadtteile in Berlin-Neukölln «No-Go-Areas». Zumindest für Juden. Was kann man dem, was da passiert, was die Offiziellen als «Dumme-Jungen-Streiche» herunterspielen und andere schon als Antisemitismus bezeichnen, wirklich Vernünftiges entgegensetzen? Besucher des Jüdischen Museums werden beschimpft, Menschen mit Kippa auf dem Kopf oder Davidsternen an Halsketten werden angepöbelt und angegriffen. Es scheint, als habe der Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen, wenn es denn wirklich einer ist, aber auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft selbst, extrem zugenommen. Reichen dagegen die üblichen Integrationsmaßnahmen? Sind die ein Anfang? – oder wo muss man einfach die Polizei rufen, vor allem bei den Deutschen, denn die schult ja keiner mehr! Dem Quartiersmanagement Körnerpark und dem Evin.e.V. reicht’s: Das schlechte Image des Bezirkes einerseits - aber auch das gegenseitige Belauern voller Voreingenommenheiten auf der anderen Seite. Nun laden beide einfach mal zum Reden – und hoffen, dass es klappt.
Als letzte Berliner Veranstaltungen im Rahmen des «Europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs» stehen noch einmal spezielle Programmangebote mit zum Teil sehr ungewöhnlichen Themen auf der Tagesordnung.
So debattieren Zuwanderer mit Hertha BSC, was sich ändern müsste, damit mehr Fans mit Migrationshintergrund angstfrei in hauptstädtische Stadien gehen können. Am Wassertorplatz werden die Anwohner ermutigt, im Kiez mitzumischen. Skepsis, Misstrauen und Ungläubigkeit sind die wahrscheinlichsten Reaktionen. Zu Recht, behaupten die Migranten: «Ich wurde bisher auch nicht gefragt. Ändert sich was, wenn ich da jetzt plötzlich mitmache?»
Auch Integration und Religion sind auf der Agenda. Welche Anforderungen werden dabei an die Religionsgemeinschaften gestellt? Führt das nicht zu einer Überforderung in Kirchen, Moscheen und Synagogen? Wie nehmen die Religionsgemeinschaften, in deren Hohen Schriften allesamt die soziale Verantwortung für das Gemeinwesen gepredigt wird, eine solche überhaupt wahr, sind Fragen, die mit der Stiftung SPI im Gespräch erörtert werden.
Etwa ein Viertel der in Berlin geschlossenen Ehen sind inzwischen gemischtnational. Sind aber gemischte Familien interkulturelle Lebensformen im Kleinen? Wie finden die Kinder ihr kulturelles und soziales «Gleichgewicht» auf dem Spielplatz? Bedeutet Bilingualität auch eine gemischte Kultur, die sich womöglich noch neben der «deutschen Leitkultur» durchsetzen muss oder sind diese Kinder die Global Players von morgen?
Migranten mit Behinderungen sind nicht selten «doppelt gestraft». Beim AWO-Landesverband soll mit Behinderten, deren Angehörigen und ihren Freunden über alles gesprochen werden, was wichtig ist, um das tägliche Leben zu meistern: über Vorstellungen, wie Hilfen aussehen müssten, über Lebensweisen, Traditionen, Wertvorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse. Vielleicht ganz abstruse Ideen, die bislang bei der Integration überhaupt keine Rolle gespielt haben, sollen in den letzten Wochen des alten christlichen Jahres angerissen werden: Kann vielleicht Meditation ein Weg zum interkulturellen Dialog sein? Sind Fahrradfahrer eigentlich bessere Menschen, die mehr und interkultureller kommunizieren – oder ist das nur ein lieb gewordenes Klisché der westdeutsch zugewanderten Kreuzberg-Bohème, wird im Fachforum Berlin-Mobilität besprochen werden können.
Geradezu ausufernd werden die Problemstellungen, wenn Minderheiten gegen Minderheiten stehen. Oder ist das normal? Was hat eigentlich die eine Minderheit mit der anderen Minderheit zu tun? Muss man denn einander mögen, nur weil man diskriminiert wird, jeder aus einem anderen Grund? Was müssen wir selbst an anderen Minderheiten tolerieren, auch wenn es uns nicht passt? Über Homosexualität und Religion, Homophobie & Islamfeindlichkeit lädt Gladt e.V. zum Tee. Oder Kaffee, mal sehen, was man als lesbische Türkin, als transsexueller Russe oder als schwuler Deutscher «von nebenan» so trinkt.
Armutsbekämpfung. Leben und Ankommen im «Speckgürtel» Potsdam. Erwartet man von «Ausländern» zugleich Kompetenz in den politischen Fragen ihrer Herkunftsländer? Wie begräbt die Sprache der SMSen und eMails die normale Alltagssprache, deren Erlernen zwischen «Deutschländer-Deutsch» und «Russdisch» ohnehin vielen Zuwanderern schwer genug fällt.
Anfang Dezember dann wird sicherlich nicht alles klar, aber doch wenigstens vieles klarer sein, wenn sich die Streithähne zu Partygängern verwandeln: Am 2. Dezember endet das «Europäische Jahr des interkulturellen Dialoges 2008» für Berlin mit einer großen Party im Haus der Kulturen der Welt.
Der Dialog an sich sollte dann angeschoben sein und in eigenen Initiativen, mit neuen Partnern und den frisch gekürten Helfern eigentlich problemlos weitergeführt werden können. Wenn man denn wirklich will. Ob’s dabei irgendwo Matzebrot gibt, ist nicht herauszufinden. Die kleinen Pferdchen von ARiC sind dabei nicht nur ein gelungenes Symbol für die Veranstaltungen dieses Vereins selbst, sondern zugleich auf einfachste anschauliche Weise Ausdruck genau dessen, was das «Europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs» uns bringen soll... und wird!

 

Das konkrete Veranstaltungsprogramm mit Orten und Ansprechpartner ist
bei www.aric.de/aktuelles/tid_2008/
programm_2008.htm nachzulesen.

 

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», November 2008