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| Kriegsvorbereitungen am Flughafen. Foto: Pqandorafilm |
Guernica, Baby Yar, Lidice, My Lai, Srebrenica, Sabra und Schatila – Namen wie diese haben sich gelöst von dem Ort, den sie eigentlich bezeichnen, und verwandelt zu Symbolen für Geschehnisse jenseits unseres gewohnten Alltags. Hält man sich zudem vor Augen, dass Srebrenica noch vor wenigen Jahren nicht in die Reihe der oben genannten Orte gehörte, bevor das Undenkbare eben dort Wirklichkeit wurde, zeigt sich, wie dünn die zivilisatorische Decke ist, unter der
sich das Grauen verbirgt.
Die Ereignisse, für welche die genannten Namen stehen, lassen sich kaum miteinander vergleichen und klingen doch ähnlich nach Massaker, Genozid, Vernichtungskrieg, Völkermord; verrenkte und verstümmelte tote Körper erscheinen vor dem inneren Auge, Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Natürlich muss differenziert und unterschieden werden, jenseits historischer Genauigkeit aber rufen die Orte in Erinnerung, was Menschen einander antun können.
«Aalglatt» nennt der wohl bekannteste israelische Filmkritiker Meir Schnitzer den Animationsfilm «Waltz with Bashir», in dessen Mittelpunkt das Massaker in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila steht. Sein zentraler Einwand gegen den Film des israelischen Regisseurs Ari Folman: «26 Jahre nach dem Massaker in den Lagern von Sabra und Shatila kommt „Waltz with Baschir“ mit der abgedroschenen Botschaft, die jede Verantwortung vom kämpfenden Soldaten fernhält und diese nur auf die Entscheidungsträger abwälzt.» Außerdem zeige der Film nichts Neues über die damaligen Ereignisse, dafür poliere er das Gewissen der israelischen Armee: «Kein Propagandist hätte das besser machen können.»
Ein Urteil, dem man sich als Zuschauer in Deutschland kaum anschließen kann. Die beiden Namen Sabra und Schatila sind hierzulande nicht so tief im öffentlichen Bewusstsein verankert wie in Israel. Dies mag erklären, weshalb sich beim Preview des Films am 8. Oktober im Kino Traumstern in der hessischen Kleinstadt Lich kaum mehr als eine Handvoll Zuschauer im Kinosaal verlieren. Am 16. September 1982 dringen etwa 150 christlich-phalangistische Milizionäre unter dem Kommando von Elie Hobeika in die Lager Sabra und Schatila ein, angeblich um die dort vermuteten militanten Palästinenser zu entwaffnen. In Wirklichkeit massakrierten sie Zivilisten, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, am Morgen des 18. September ist die «Aktion» abgeschlossen. Die Zahl der Todesopfer schwankt zwischen einigen Hundert und mehr als Dreitausend. Beobachtet – und unterstützt? – wurde das Massaker von israelischen Soldaten. Soweit die nackten Fakten, wie man sie heute problemlos im Internet recherchieren kann.
Dem Regisseur Ari Folman geht es im Film nicht um diese Fakten, sondern um etwas Persönliches. Er war damals als Soldat der israelischen Armee im Libanon stationiert, er gehörte zu den Zuschauern des grausigen Geschehens – und muss feststellen, dass er sich kaum daran erinnern kann. Der Film zeigt den Versuch, der eigenen Erinnerung aufzuhelfen. Er tut dies als Comic, als animierter, gezeichneter Film und nicht in der Form eines nüchternen Dokumentarfilms. «Die wundervoll colorierten Illustrationen fertigte der in Israel bekannte Kinderbuch-Autor David Polonsky an, und tatsächlich gelingt Folman und seinem Team eine neuartige Form der Kriegs-Doku, die sowohl visuell fasziniert, als auch emotional aufrüttelt.» Der Spiegel-Autor Andreas Borcholte spart nicht mit Lob, eine «aufwühlende Kriegsdokumentation» sei Folman gelungen. Ein durchaus «schöner» Film also, schön und aufrüttelnd. Ruprecht Skasa-Weiß von der Stuttgarter Zeitung kann sich diesem Urteil kaum anschließen: «es bleibt die Frage, welchen „Mehrwert“ solch ein Doku-Strip bringt, ob der Zeichentrick den szenischen Realgehalt steigert oder nur schwächt. Günstigstenfalls kommt es aufs Gleiche heraus.»
Wer überhaupt mit Comics und Zeichentrick etwas anfangen kann, kommt kaum umhin, die ästhetische Qualität des Filmes hervorzuheben. Darf man über ein Massaker einen «schönen» Film drehen? Die verfremdende Animationstechnik legt sich wie ein Schleier über das geschilderte Geschehen, etwa wenn, aus der Perspektive eines israelischen Soldaten, die Erschießung mehrerer Zivilisten gezeigt wird. Und hier liegt das Zentralproblem des Films. Er bedient sich einer künstlichen Bildersprache, kombiniert mit langen Dialogen, die um die Geschehnisse vor 26 Jahren in Beirut kreisen. Man mag darüber räsonieren, warum Folman diese Form gewählt hat, seine subjektiven Überlegungen tun aber nichts zur Sache. Die Sache, das ist die Frage, was der Film im Zuschauer auslöst.
«Das Grauen des Bombenangriffs auf Guernica ist nicht irgendein Bildmotiv, es darf und kann nicht missdeutet werden als der Katalysator einer phantasievollen, schöpferischen Bilderfindung, die wichtiger wäre als das verbildlichte Schreckensereignis selbst.» Der Kunsthistoriker Max Imdahl spricht über Picassos Bild Guernica, gemalt 1937 als Reaktion auf die Bombardierung der baskischen Stadt durch die deutsche Luftwaffe. Nochmals: Es geht nicht darum, Guernica mit Sabra und Schatila gleichsetzen oder beide Ereignisse miteinander vergleichen zu wollen. Sehr wohl aber geht es darum zu fragen, ob der Film von Folman nicht das tut, wovon Imdahl Picassos Bild freispricht, nämlich das Bildmotiv des Massakers zum Anlass zu nehmen für ein ästhetisches Experiment, welches das eigentliche Schreckensereignis wenn nicht verdrängt, so doch an den Rand der Wahrnehmung zu schieben droht.
Man mag einwenden, es sei vermessen und zu hoch gegriffen, einen Film wie den von Folman mit einem der wichtigsten Bilder des vergangenen Jahrhunderts zu vergleichen. Aber: Wer als Künstler die Barbarei des Krieges gestalten möchte, sollte verantwortungsvoll mit diesem Ansinnen umgehen, was nichts anderes heißt, als dass er sich an den höchstmöglichen Maßstäben messen lassen muss. Ist der Film von Folman an diesem Anspruch gescheitert? Nein, denn mit den letzten Minuten des Films entgeht Folman dem Vorwurf, ein Massaker in einen Comicstrip verwandelt zu haben. Im Schluss-
teil verlässt er die Bildersprache des Comics. Die dokumentarischen Aufnahmen, die dann folgen, zerreißen von einem Moment auf den anderen den Schleier, den die animierten Bilder bis zu diesem Zeitpunkt vor das historische Geschehen gelegt haben. Untermalt von einem kaum wahrnehmbaren, dunklen Klangteppich, erhalten die dokumentarischen Aufnahmen eine fast unerträgliche Präsenz, weil sie sich in ihrer ungeschminkten Brutalität unmissverständlich abheben von den phantasievollen Comicbildern.
«Wo bin ich gewesen? Diese dem Erdboden gleichgemachte Stadt in Trümmern, die ich gesehen oder zu sehen geglaubt habe, durchdrungen, durchweht, getragen vom mächtigen Geruch des Todes, hat es das alles gegeben?» Einen Tag nach dem Massaker betritt Jean Genet das Lager Chatila, am Ende seines Essays «4 Stunden in Chatila» muss er sich fragen, wie es zu bewerkstelligen ist, das Unerträgliche als Wirklichkeit zu akzeptieren. Eine Antwort müssen Genet wie Folman schuldig bleiben.