Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die Zeit berührenDer Schriftsteller Walter Kaufmann
Walter Kaufmann, geboren am 19. Januar 1924 in Berlin, ist der Adoptivsohn von Sally und Johanna Kaufmann aus Duisburg. Als in der Deutschen Demokratischen Republik bekannter und renommierter Schriftsteller hat er die antijüdischen Maßnahmen, die er als Jugendlicher in Duisburg erleben musste, immer wieder kaleidoskopartig literarisch verarbeitet. Das gilt insbesondere für die autobiographischen Romane «Stefan – Walter Kaufmann ist das uneheliche Kind einer jungen «Ostjüdin» aus dem Berliner Scheunenviertel. Die ledige Mutter ist nicht in der Lage, ihren Sohn zu versorgen, gibt ihn zur Adoption frei. Die Familie, in die Walter Kaufmann mit drei Jahren hineinwächst, ist das genaue Gegenteil des Milieus, aus dem er stammt. Der Adoptivvater ist promovierter Jurist, angesehener Rechtsanwalt in Duisburg, alteingesessen und prominent, gut bürgerlich, vornehm. Ein liberaler Jude, dem es zufällt, die Jüdische Gemeinde in den Jahren der Verfolgung zu führen, den Gemeindemitgliedern Beistand zu leisten, wo und wann immer das unter den obwaltenden Umständen überhaupt möglich ist. Erst als erwachsener Mann beginnt Walter Kaufmann nach seiner Herkunft, nach seinen leiblichen Eltern zu forschen – vergeblich. Er findet aber heraus, schreibt er in seinen unveröffentlichten Erinnerungen, dass sein eigentlicher Name Sally Jitzchak Schmeidler ist. Schmeidler, Sohn einer zum Zeitpunkt der Geburt siebzehnjährigen, ledigen Mutter, Rachela Schmeidler. Sie ist Verkäuferin im Kaufhaus Tietz und wohnt in einer Kellerwohnung in der Mulackstraße mitten im Scheunenviertel; das geht aus seiner Adoptionsurkunde hervor. Mehr hat er nicht aufklären können, mehr weiß er nicht. Vermutlich stammt die leibliche Mutter aus Lodz, über den leiblichen Vater hat er nichts herausfinden können. Doch da ist noch etwas Wesentliches: Rachela Schmeidlers Leben endete vorzeitig, 1942 – im Gas von Auschwitz. In seinem Roman «Flucht» erinnert sich Walter Kaufmann an seine Jugend in Duisburg: «Selbst im fernen Australien waren meine Erinnerungen an diese Stadt nicht verblasst, in der ich aufgewachsen war». Nach bestandener Fahrtenschwimmer-Prüfung bekommt er ein Fahrrad geschenkt. Viel Freude daran hat er aber nicht: Weil er beim Vorbeimarsch der SA die Hand nicht zum Hitlergruß hochreißt, wird ihm das Rad demoliert. Den Novemberpogrom 1938 hat Walter Kaufmann aus nächster Nähe miterlebt. Die Ereignisse im Elternhaus hat er in seinem autobiographischen Roman – die meisten seiner Texte sind autobiographisch – «Stefan – Mosaik einer Kindheit» beschrieben und lesen sich so: «Unser Haus mit der steinernen Treppe, vor der Eingangstür – das Schloss gesprengt, die Tür eingeschlagen, sie hängt lose in den Angeln; neben der Tür die elektrische Klingel – aus der Wand gerissen, an zwei Drähten baumelnd. [...] Vaters Bibliothek – ein wüstes Durcheinander von zerstörten Möbeln; die Bücherregale mit den Glasscherben umgekippt, juristische Werke und Romane auf den Boden geworfen. „Der Zauberberg“, „Krieg und Frieden“, die „Deutsche Justiz“ mit zerrissenen Einbänden in die Ecke geschleudert. Mutters Frühstückszimmer – überall das gleiche Bild. [...] Es war ein langer Tag. Es war ein furchtbarer, ein grausamer Tag. Unser Volk, das jüdische Volk, blutete, wurde verwundet, geschlagen und auseinandergerissen. Es dauerte lange, bis der Abend kam. Bei uns zu Haus gab es keine Tränen. Wir waren wie versteinert, vielleicht waren wir auch zu stolz, um Tränen zu vergießen. Unsere Gedanken weilten beim Vater, der am Morgen verhaftet worden war, und wir beteten für ihn». Für Walter Kaufmann ist nach diesen Ereignissen die Zeit gekommen, Duisburg, Deutschland zu verlassen. Es selbst hat seine Flucht nach England, und nur so kann man es nennen, beschrieben und wir lassen ihn selbst zu Wort kommen. 19. Januar 1939. Seine «Abreise», sein fünfzehnter Geburtstag. Seine Kindheit ist zu Ende: «Duisburg, Krefeld, Venlo an der Grenze … Ich habe schon vor langer Zeit zu lernen begonnen, mich von etwas zu trennen: von meinen Wellensittichen, von meinem Hund, meinen Fischen, die sich zwischen den Scherben des Aquariums auf dem Teppich zu Tode zappelten. [...] Und was tun sie Vater in Dachau an? Mutter, sei froh, dass ich wegfahre...». Der Zollbeamte an der Grenze meldet einem SS-Offizier, der sich im gleichen Zug befindet: «Lauter abreisende Juden». Einige wenige, die Scherereien machen, fügt er süffisant hinzu. Kaufmann ist ein jüdischer Junge, einer aus einer Gruppe jüdischer Kinder, die in Holland einem jüdischen Kindertransport angeschlossen werden. England bleibt ihm fremd. Als Flüchtlingskind aus Nazideutschland fühlt er sich mit seinem schlechten Schulenglisch unglücklich, überflüssig, abgesondert. Heimweh und die Sorge um die zurückgebliebenen Eltern bedrücken ihn. Bei Kriegsbeginn wird er im Mai 1940 von der britischen Polizei als «feindlicher Ausländer» abgeholt, in Liverpool interniert und auf das Gefangenenschiff «Dunera» verladen. Zusammen mit weiteren internierten deutschen Juden und andere Flüchtlingen wird er nach Sydney, Australien, deportiert. Internierungslager. Holzbaracken umgeben von Stacheldraht und Wachtürmen. Im Dezember 1943 erhält Walter Kaufmann über das Rote Kreuz doch noch eine Nachricht von seinen Eltern. Es ist ein Abschiedsgruß im doppelten Wortsinn, verfasst am 24. Juni 1943, einen Tag vor ihrer Deportation nach Theresienstadt. Der Brief wird dem Sohn mit sechsmonatiger Verspätung zugestellt. Er bedarf keines Kommentars: «Liebster Walter! Wir reisen [!] heute nach Theresienstadt und senden Dir innige Abschiedsgrüße und Küsse. Hoffen auf ein Wiedersehen. Vati; Mutti». Das Exil ist bitter. Der junge Emigrant aus Duisburg schlägt sich in Australien mit allen möglichen Arbeiten durchs Leben. Meistens im Bereich des Hafens, auf Schleppern und Frachtern. Dann aber auch als Straßenfotograf, Schlachthausarbeiter, Obstpflücker, Docker und lange Jahre als Seemann. Er wird im australischen Exil Soldat, Hafenarbeiter, Seemann. 1956 siedelt er mit seiner Frau, einer Australierin, nach Berlin/DDR um: «Ich entschied mich für die DDR, weil ich am Aufbau eines sozialistischen Deutschlands teilhaben wollte. Eine andere Alternative gab es damals für mich nicht.» Als australischer Staatsbürger, der er bis heute ist, als Korrespondent einer britischen Zeitung, ist er in der DDR privilegiert. Vor allem: Er kann reisen. Vornehmlich seine Reisereportagen haben in der DDR hohe Auflagen. Den Fall der Mauer begrüßt Walter Kaufmann; er eröffnete ihm und den Menschen, mit denen er lebt, neue Horizonte und Perspektiven. Seine Töchter Rebekka und Deborah Kaufmann zum Beispiel sind erfolgreich als Fotografin bzw. Schauspielerin. In den Wendetagen schreibt der Autor tagtäglich eine Kurzgeschichte: Die gesammelten Short-Stories erschienen unter dem Titel «Die Zeit berühren». Für seine letzten Werke zieht er neue Quellen heran – die Akten der Gauck-, jetzt Birthler-Behörde. «Staatsnah» ist Walter Kaufmann in der DDR nie gewesen. Im Gegenteil: Die Stasi hat ihn im Visier. Er wird von einer prominenten Schriftstellerkollegin – Christa Wolf – bespitzelt. Zu seinem 80. Geburtstag im Jahre 2004 erschien «Die Welt des Markus Epstein», ein literarisch kunstvoll gestaltetes Erzählwerk, keine Chronik seines Lebens. Zurzeit arbeitet er an seiner vollständigen Autobiographie, einem Spiegel eines Lebens.
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