Viele Häuser für den Einzigen

Moscheebauten werden von den Deutschen mal als gelungene Integration, mal als Kriegserklärung wahrgenommen

 

Besucher schauen sich nach der offiziellen
Eröffnungsfeier die Merkez-Moschee.
Foto: dpa

Mehrere tausend Besucher, eine Konfettiparade in Schwarz-Rot-Gold und Rot-Weiß. So bunt feierten die 7.000 Muslime in Duisburg-Marxloh am letzten Sonntag im Oktober die Einweihung der Merkez-Moschee. 1.200 Gläubige finden jetzt zum Freitagsgebet Platz in einem prachtvollen Gotteshaus. Fünf Jahre liegt der Abriss der alten Zechenkantine zurück, in der sie früher gebetet haben. Allein tausend Quadratmeter Fläche bietet nun unter dem Gebetsraum die Begegnungsstätte, in der auch Christen, Juden und alle willkommen sind, denen der Glaube abhanden gekommen ist. Es gibt ein Bistro, um Brot mit den Kollegen eevom nahen Stahlwerk zu teilen und Tee zu trinken. Wer sich eingehender mit der Religion der Muslime befassen will, findet Computer, die in türkischen und deutschen Nachschlagewerken und Heiligen Schriften blättern lassen.
Es gibt in Deutschland rund 3,3 Millionen Muslime. Sie haben nach der Zählung des Zentralinstituts Islam-Archiv rund 2.600 Gebetshäuser, Schulräume oder Bildungsstätten für die Ausübung ihres Glaubens und nur 161 klassische Moscheen. Aber 180 weitere Moscheen sind geplant oder bereits im Bau. Träger der Bauvorhaben ist meistens die «Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion», die mit dem Kürzel DITIB signiert.
Die neue und vorerst größte deutsche Moschee in Marxloh ist ein Musterbeispiel für Integration. Diese hat im Revier seit rund 200 Jahren Tradition, weil die Kleinstädter an Rhein und Ruhr zum Abbau der Kohle und zum Kochen von Stahl hunderttausende Ausländer anlockten. Nach Polen und Tschechen kamen Italiener und Spanier, allesamt christliche Abendländler. Vor 50 Jahren wurden dann die Türken gerufen, die ebenfalls willkommene Arbeitskräfte, prima Kollegen waren, aber doch fremder.
In Marxloh gab es keine großen Proteste gegen die 23 Meter hohe Kuppel und das 34 Meterhoher spitze Minarett. Hier reden Politiker, Vereine, Kirchen, Kaufleute, Nachbarn mehr miteinander als übereinander. Dass sich im Gebetssaal Männer unten und Frauen oben aufhalten erinnert die Christen daran, dass sie sich früher ebenfalls nach Geschlechtern getrennt rechts oder links in die Kirchenbank einreihten und die orthodoxen und konservativen Juden, dass es auch bei ihnen heute so Usus ist. Die Idee einer Begegnungsstätte in der Moschee kam von deutscher Seite. Das Land Nordrhein-Westfalen und die EU haben das Zentrum für Interkulturellen Austausch mit 3,2 Millionen Euro bezuschusst. Für den Gebetsraum sammelte die DITIB 3,8 Millionen Euro an Spenden, ein halbe Million muss noch erwirtschaftet werden.
Mit Zülfiye Kaykin wurde eine couragierte Marxloherin Geschäftsführerin des Zentrums. Als sie vor Monaten mit uns die Baustelle besichtigte, nahm sie ohne Triumph, doch zufrieden zur Kenntnis, dass ihr von den Jungs in der Baubude erstmals ein Tee angeboten wurde. Emanzipation in kleinen Schlückchen.
Mubashra Ilyas hat die wenige Wochen zuvor eröffnete Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde von Berlin-Heinersdorf als Architektin geplant. Diese ist benannt nach Khadija, der Ehefrau des Propheten Mohammed. Hier finden 500 Gläubige Platz, aber das Gotteshaus war von den deutschen Anwohnern wenig erwünscht. Eine Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger (IPAHB) sammelte 20.000 Unterschriften und organisierte einen Protestmarsch «Für Demokratie und Menschenrechte, gegen Antisemitismus und Islamismus». Es gab in der Bauphase Schmierereien an der halbfertigen Kuppel. Das Recht auf freie Religionsausübung ist eingepfercht zwischen S-Bahn-Gleise, eine Schnellstraße, einen Fischgroßhändler und ein Schnellrestaurant. Die Gegner der Moschee behaupten, dass in dieser Umgebung allenfalls 200 Angehörige dieser ultra-orthodoxen muslimischen Gemeinschaft leben. Ihr Ziel sei es, sich mit der neuen Moschee erst größeren Zulauf zu verschaffen.
Der Moscheebau in Köln-Ehrenfeld wird bundesweit besonders heftig diskutiert. Hier soll – wieder mit der DITIB als Träger –
ein 35 Meter hoher Kuppelbau mit 2.000 Plätzen für die rund 12.000 Kölner Muslime entstehen. Zwei schlanke Minarette von 55 Meter Höhe sollen in den Himmel ragen. Hier ist nicht geheimnisvolles Dunkel angesagt, sondern neben dem Gebetshaus entsteht ein öffentlicher sozialer Gemeinderaum, ein Forum mit muslimischen Geschäften und Dienstleistungen.
Als einer der meistbeachteten Gegner läuft der deutsch-jüdische Journalist und Schriftsteller Ralph Giordano seit Längerem Sturm gegen den Bau in Köln. Im Herbst 2007 erklärte er, das Vorhaben sei eine «Kriegserklärung» und eine «Landnahme auf fremdem Territorium». Giordano, der nach eigenen Angaben anonyme Morddrohungen erhalten hat, die er Islamisten zuschreibt, ist überzeugt, dass die Lehren des Koran und die in ihm kodifizierte Scharia mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. Bei seiner radikalen Kritik, die er auch gegen die Partei der Grünen richtet, weil sie Interessen der Mehrheitsgesellschaft an einer klaren Abgrenzung gegenüber den Muslimen missachte, will Giordano jedoch nicht mit der rechtspopulistischen Kölner Rathauspartei und Bürgerbewegung «Pro Köln» an einem Strang ziehen.
Der 84-Jährige findet Zustimmung beispielsweise bei der deutsch-jüdischen Publizistin Lea Rosh, die im September 2007 die Lobrede auf Giordano anlässlich der Verleihung des Preises für Zivilcourage des «Freundeskreises Heinrich Heine» hielt. Giordano erntete aber auch heftige Kritik und in der linksliberalen Presse den Vorwurf, die Muslime polemisch zu diffamieren. Henryk M. Broder, der unlängst öffentlich für ungehinderte Demonstrationen von «Pro Köln» gegen die Moschee plädiert hatte, als tausende Kölner – darunter gewalttätige linke «Autonome» – einen von Rechtsextremisten inszenierten «Antiislamischen Kongress» verhinderten, ist in der Einschätzung der Moschee-Pläne anderer Meinung als «Freund» Giordano. So erklärte Broder bereits im Sommer 2007 im Kölner Stadtanzeiger: «Mag sein, dass die Integration gescheitert ist. Der Bau von Moscheen hat aber damit nichts zu tun. Man kann Menschen, die hier leben, die man hierher geholt hat, nicht verbieten, in Würde in eigenen Gotteshäusern zu beten. Die Muslime sind hier. Neu ist, dass sie dies nun auch in Architektur zum Ausdruck bringen.» Broder wendet sich auch dagegen, von Muslimen zu verlangen, ihre Gottesdienste grundsätzlich in deutscher Sprache zu veranstalten, nur damit die Spitzel vom Verfassungsschutz eifrig mitschreiben könnten. Konsequenterweise dürften dann auch die Juden keine hebräischen Bibeltexte lesen und müssten die Katholiken erneut der lateinischen Messe abschwören.
Religionsfreiheit hierzulande hat hohen Rang. Sie findet sich als elementare Freiheit im Grundgesetz. In der ausführlicheren Definition der Religionsfreiheit im Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention wird neben der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen auch das Recht betont, die Religion «in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat, durch Gottesdienst, Unterricht, durch die Ausübung und Beachtung religiöser Gebräuche auszuüben.» Klar, dass auch dieses Recht seine Grenzen und Schranken in den Grundrechten anderer Menschen findet. Klar auch, dass in Deutschland das Strafgesetz gilt und nicht ein Sonderstrafrecht nach der Scharia. Klar aber auch, dass es für die Freiheit zum Feiern von Gottesdiensten Dome, Kirchen, Synagogen, Tempel und Moscheen braucht. Für den Bau von Moscheen gelten zunächst einmal nur der Flächennutzungsplan und das örtliche Baurecht.
In Köln-Ehrenfeld, einem traditionellen Stadtteil, mag der reizvolle Bau einer hochmodernen Moschee dem stockkonservativen katholischen Kardinal Meisner durchaus wie ein massiver «Kulturbruch» vorkommen, manchem Anwohner wiederum nicht. Die Kölner Stadtverwaltung jedenfalls hat städtebaulich gegen das muslimische Gotteshaus nichts einzuwenden.

Aram Babilon

«Jüdische Zeitung», November 2008