Wöchentliche Toralesungen
Abrahams Wahl
Sidra Lech Lecha
Samstag, den 8. November 2008
den 10. Cheschwan 5769
Toralesung: Gen 12:1–17:27
Haftara: Jeschajahu 40:27––41:16
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Zwischen Adam und Noach gab es zehn Generationen. Der Abstieg des Menschen von Adams Sünde bis zu Mord, Götzenverehrung und Verderbtheit wird vor uns bis zur Vergeltung durch die Flut vorgeführt. Weitere zehn Generationen liegen zwischen Noach und Abraham. Die Sünden der Menschheit vermehrten sich nach der Flut. Den Taten des mächtigen Jägers Nimrod folgte die Aufteilung der Menschheit in Sprachen und Nationen, bis der Ewige sich entschied, ein spezielles Individuum aus ihnen zu erwählen. Ihn betraute er mit der Aufgabe, ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk zu gründen. Dieser göttliche Akt, ein menschliches Wesen auszuwählen, hat den Beigeschmack von Diskriminierung und unfairen Privilegien. Wie es Rabbi Jehuda Halevi dem Chasarenkönig in den Mund legt: «Wäre es nicht besser gewesen, Gott hätte seine Zustimmung allen Menschen gleichermaßen gegeben?» Die Antwort auf diese Frage wird uns in einem Midrasch über den Vers 51:9 des Jeremiasbuches dargelegt. «„Gehe aus deinem Land“ - Rabbi Azariah zitiert in diesem Zusammenhang die folgenden Verse: „Wir hätten Babylon geheilt, aber es ist nicht geheilt; verlasst es und jeder gehe in sein eigenes Land.“ „Wir hätten Babylon geheilt!“ bezieht sich auf die Generation Enoschs; „aber sie ist nicht geheilt“– auf die Generation der Flut; „verlasse es“ in der Generation der Zerstreuung; und „jeder gehe in sein eigenes Land“ auf „Und der Ewige sprach zu Abram: Gehe aus deinem Lande.“» (Bereschit Rabbah 39:5)
Der Midrasch führt uns die Fehler der Menschheit in drei Stufen vor Augen. Der Heiler allen Fleisches versuchte, die Menschheit zu heilen, aber sie wurde nicht geheilt. Adam und seine Nachkommen fehlten. Mit Noach und seinen Nachkommen wurde ein neuer Anfang gemacht. Nach dem Turmbau zu Babel wurde die Menschheit in Nationen geteilt, und es gab keine weiteren Heilungsversuche. Die Menschheit würde nicht mehr zu ihrer ursprünglichen Einheit und Brüderlichkeit zurückkehren, bis zum dritten Anfang. Dann würde ein Volk ausgewählt werden für den Segen: «Und es werden sich segnen mit dir alle Geschlechter des Erdbodens», bis alle Völker, die jetzt die Sprache des anderen nicht verstehen, abermals eine Familie werden.
Unsere Weisen sind mit der Beschreibung Abrahams als Götzenzertrümmerer und Kämpfer für den wahren Glauben bis zum Märtyrertum nicht zufrieden. Sie halten ihm zugute, dass er die ganze Tora hielt, sogar noch bevor sie gegeben wurde. Unsere Weisen wollten wahrscheinlich betonen, dass der Glaube an einen Gott und der wahre Glaube im Judentum ohne die Befolgung der Gebote nicht möglich sind. Wer immer einen Gott anerkennt, muss logischerweise seine Gebote beobachten. Wenn es Abraham verdiente aufgrund seiner Leistungen in seiner Jugend von Gott erwählt zu werden, warum zählt die Tora diese Leistungen nicht auf? Darauf antwortet der Rambam: «Die Tora wünschte nicht, sich mit den Meinungen der Götzendiener auseinanderzusetzen und sich mit den religiösen Problemen in Abrahams Kontroverse mit den Chaldäern zu beschäftigen. Ebenso handelt die Tora nur sehr kurz die Generation Enoschs und ihre Götzenverehrung ab.»
Die Antwort stellt nicht zufrieden. Sicherlich, die Tora hätte einen Weg finden können, Abrahams Kampf zu beschreiben, ohne den Praktiken der Götzenverehrung zu viel Raum zu geben! Aber noch eine andere Antwort wurde vorgeschlagen. Abraham war dazu ausersehen, vom Ewigen zehnmal versucht zu werden. Die Tora interessierte sich nicht für Abraham als Sohn Terachs oder Untertan Nimrods, sondern nur für seine Rolle als Stammvater des jüdischen Volkes und als Träger der göttlichen Botschaft. Die Tatsache, dass Gott ihn als «Objekt» seiner Versuchungen aussuchte, ist schon der Beweis, dass er würdig war, auserwählt zu werden.
Willst du gar vernichten den Gerechten mit dem Frevler?
Sidra Wajera
Samstag, den 15. November 2008
den 17. Cheschwan 5769
Toralesung: Gen 18:1–22:24
Haftara: 2. Melachim 4:1–37
Die Moral des Patriarchen Abraham war höher als die Noachs, des Vorfahren der menschlichen Rasse. Wir zitieren hier die Worte des Zohar zu diesem Problem: «Und Abraham trat hin und sprach: Willst du gar vernichten den Gerechten mit dem Frevler? (Gen 18:23); Rabbi Jehuda sagte: Wer hat jemals einen so mitleidigen Vater gesehen wie Abraham? Kommt und seht: Bezüglich Noach heißt es: Und Gott sprach zu Noach: Das Ende allen Fleisches ist gekommen vor mich, denn voll ist die Erde von Gewalttat durch sie, und ich will sie verderben mit der Erde. Mache dir eine Arche aus Gofer–Holz ... (6:13). Und Noach verhielt sich ruhig, sagte nichts und mischte sich nicht ein. Aber sobald der Ewige, gepriesen sei Er, zu Abraham sagte: Das Geschrei über Sodom und Amorah, obwohl mächtig, und ihre Schuld, obwohl sehr schwer; Will ich dennoch hinabsteigen und zusehen.“, trat Abraham sofort hin und sagte: Willst du gar vernichten den Gerechten mit dem Frevler?»
Tatsächlich bot Gott Abraham die Gelegenheit, für die Bewohner von Sodom und Amorah zu sprechen. Er sagte zu ihm: «Das Geschrei über Sodom und Amorah, obwohl mächtig, und ihre Schuld, obwohl sehr schwer; Will ich dennoch hinabsteigen und zusehen ...» Zwei Prinzipien werden hier angesprochen: das erste ist das des gerechten Gerichtes. Mir diesem Prinzip wird Abraham in der Tora charakterisiert, dies kennzeichnet sein geistiges Schicksal, wie es in den Versen, die dem Dialog mit Gott vorangehen, heißt: «Denn ich hab ihn ersehen, dass er es hinterlasse seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm, dass sie wahren den Weg des Ewigen, zu tun Gebühr und Recht – damit der Ewige kommen lasse auf Abraham, was er über ihn ausgesprochen hat.»
Die Phrase «denn ich hab ihn ersehen» beinhaltet den für ihn und seine Nachkommen von Gott vorgezeichneten Weg. (Vergleiche Jeremias 1: Bevor ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt.) Aber das für Abraham ausgewählte Schicksal passte auch in sein Verhaltensmuster in der biblischen Erzählung. Der Patriarch steht treu zu den Grundsätzen, die Gott für seine Nachkommen bereithielt, sogar noch bevor er mit Kindern gesegnet war. Abraham fordert denselben Verhaltensstandard vom Richter der Welt: «Der Richter der ganzen Erde sollte nicht üben Gerechtigkeit?»
Das zweite Prinzip aus dem Dialog zwischen Gott und Abraham ist die Verantwortung des Gerechten gegenüber dem Rest der (korrupten) Gesellschaft. Allein durch Kraft seiner eigenen Verdienste und seines moralischen Einflusses hat er die Macht, die Gesellschaft vor der Zerstörung zu retten. Sollte es in Sodom, dem Symbol für Gottlosigkeit und Korruption, fünfzig Gerechte geben, wären ihre Verdienste nicht fähig, die ganze Stadt zu retten? Ein Licht allein erhellt mehr als sich selbst und ein Funke genügt, um das dichteste Dunkel zu durchdringen. Sicherlich, der «Ort» bleibt ein Ganzes, aber wenn das Herz stark und gesund ist, sollte dies nicht dazu führen, dass der ganze Körper gerettet wird? Der Prophet Jeremias formulierte die selben Gefühle extremer: «Durchstreifet die Gassen Jerusalems, seht euch um, überzeugt euch selbst, sucht nach auf seinen Plätzen, ob ihr einen findet, der recht tut, der Treue sucht, dass will ich ihr verzeihen, spricht der Ewige.»
Aber unsere Weisen schalteten einen wichtigen Vorbehalt ein, der die Macht der Wenigen oder des Einzelnen begrenzt, durch ihre Verdienste die Vielen zu retten. Sie fanden eine Anspielung auf ihr Prinzip in der göttlichen Antwort auf Abrahams erste Bitte: «Und der Ewige sprach: Wenn ich finde in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt, so vergebe ich dem ganzen Orte um ihretwillen.» Mit anderen Worten: die Wenigen können das Steuer herumreißen und den Ort retten, wenn die Gerechten «in der Stadt» sind, wenn sie eine prominente Rolle im öffentlichen Leben spielen und ihren Einfluss auf vielen Gebieten geltend machen. Wenn sie jedoch bloß existieren, zurückgezogen leben, niemals hervortreten und ihre Frömmigkeit im Verborgenen ausüben, werden sie sich vielleicht selbst retten, aber nicht die spirituelle Kraft für die Rettung der Stadt aufbringen. Dieselbe Stadt, die die Gerechten in die Verborgenheit zwingt, damit ihr gewissenhafter moralischer Standard nicht in die Ungerechtigkeit, die das öffentliche Leben dominiert, eingreife. Diese Stadt ist nicht dazu ausersehen, durch eine Handvoll Gerechte, die unerkannt leben, gerettet zu werden.
Tischgespräch des Dieners des Patriarchen
Sidra Chaje Sarah
Samstag, den 22. November 2008
den 24. Cheschwan 5769
Toralesung: Gen 23:1–25:18
Haftara: 1. Melachim 1:1–31
Eine der Studien zu dieser Parascha beschäftigt sich mit der Bedeutung des Charaktertestes, dem der Diener Abrahams Rebekka unterzog. Wir erfahren ihre Barmherzigkeit und Güte allen Kreaturen gegenüber. Dies zeigt sich, als sie den Kamelen Wasser gibt. Wir wollen unsere Aufmerksamkeit jedoch auf die Taten und Worte des Dieners konzentrieren und aufzeichnen, wie bewundernswert er die Aufgabe, mit der er betraut wurde, erfüllte.
Mit überraschender Liebe zum Detail erzählt uns die Tora in Kapitel 24 (bis Vers 26) alle Unternehmungen des Dieners. Seine Erfahrungen werden in der Form eines Berichtes für die Familie Rebekkas in den Versen 35 bis 48 desselben Kapitels rekapituliert: das Gespräch mit Abraham, sein Gebet am Brunnen, sein Treffen mit Rebekka, ihre Reaktion, die Übergabe des Schmucks. Diese ausführliche und anscheinend überflüssige Wiederholung hat die Kommentare vieler unserer Weisen angeregt. Angesichts der spärlichen Verwendung von Worten in der Tora und der Vermeidung unnötiger Wiederholungen, ist es überraschend, dass wir hier nicht auf auf eine kurze Anmerkung treffen, dass der Diener allen erzählte, was sich ereignet hatte. Dies ist tatsächlich der Fall nach seiner Rückkehr nach Hause. «Und der Knecht erzählte dem Jitzchak alle Dinge, die er ausgerichtet hatte.»
Offensichtlich hatte die Tora einen speziellen Grund, die Erfahrungen des Dieners wiederholt zu berichten. Unsere Weisen beziehen sich auf diese Außerordentlichkeit im Midrasch (Bereschit Rabbah 60:11). Seit den Zeiten des Talmud, über die großen mittelalterlichen Exegeten Raschi und Ramban, bis zum Malbim und dem «Netziv» in «Ha’Amek Dawar» beschäftigten sich unsere klassischen Kommentatoren mit der Bedeutung der kleinen und großen Unterschiede zwischen diesen beiden Berichten. Isaak Arama geht in seinem Werk «Akedat Jitzchak» ins Detail: «Zuerst hatte der Diener betont, dass er in einer besonderen Mission zu Abrahams Familie kam, da er sie vor allen anderen für seinen Sohn ausersehen hatte. Sagte er, dass er den Ring übergab sogar noch bevor er wusste, zu welcher Familie sie gehörte, widerspräche dies seiner früheren Behauptung, denn ein Mann gibt seine Kostbarkeiten nicht ohne Zweck her. Vermutlich, da er sie irgendeiner Frau gab, müssen sie als Hochzeitsgeschenke überreicht worden sein. Darauf bezog sich Raschi, als er feststellte, dass Eliezer fürchtete, sie könnten ihn ertappen.»
Die hier zitierten Variationen und viele andere enthüllen die wunderbare Urteilsfähigkeit, Diskretion und Ergebenheit von Abrahams Diener bei der Ausführung seiner Mission bis zum erfolgreichen Ende. Für seinen Erfolg gibt es keinen besseren Beweis als die Worte seiner Zuhörer, nachdem sie seine überzeugende Rede vernommen haben: «Vom Ewigen ist die Sache ausgegangen; wir können zu Dir nichts sagen, weder Böses noch Gutes.Siehe, Rebekka ist vor dir, nimm sie und gehe und sie sei ein Weib dem Sohne deines Herrn, so wie der Ewige geredet.» Bezöge sich die Tora nur in einem kurzen Satz auf die Erzählung des Dieners über alle seine Erlebnisse, hätten wir keine Informationen über die hingebungsvollen und tüchtigen Maßnahmen, die er ausführte, um die Verfügungen seines Herrn zu erfüllen. Darauf bezogen sich unsere Weisen wenn sie sagten: «Das Tischgespräch der Diener im Patriarchenhaushalt ist bemerkenswerter.»
Denn groß ist mein Name unter den Völkern
Sidra Toldot
Samstag, den 29. November 2008
den 2. Kislew 5769
Toralesung: Gen 25:19–28:9
Haftara: Maleachi 1:1–2:7
«Ich habe euch geliebt, spricht der Ewige; da sprachet ihr: Worin hast du uns geliebt? Ist nicht ein Bruder Esau von Jakob, ist der Spruch des Ewigen, und ich liebte den Jakob; Und den Esau hasste ich und machte seine Berge zur Öde und seinen Besitz für die Schakale der Wüste.» (Maleachi 1:2–3) Wie der Vers betont, waren ihre Herkunft und ihr Stammbaum nicht verschieden. Warum hasste Gott dann den einen und liebte den anderen? Voreingenommenheit? Parteilichkeit? Derselbe Prophet, der so offensichtlich zwischen den beiden Brüdern unterscheidet, schlägt in Vers 11 einen völlig anderen und ungewöhnlichen Ton an: «Denn von Sonnenaufgang bis zu ihrem Niedergang ist groß mein Name unter den Völkern, und an jeglichem Orte wird geräuchert, dargebracht meinem Namen und zwar reine Opfergabe; denn groß ist mein Name unter den Völkern, spricht der Ewige der Heerscharen.»
Diese Passage ist ein einzigartiges Beispiel in der Schrift für eine großzügige Lobpreisung, die sich an alle Völker richtet und ihre Anerkennung ihres Schöpfers berücksichtigt. Ist Sein Name groß unter den Völkern, weil sogar die Nichtjuden seinem Namen Opfer darbringen, oder bezieht sich dies auf das jüdische Volk, das zerstreut unter den Völkern lebt? In seinem «Führer der Verirrten» schreibt der Rambam über dieses Thema: «Du weißt, dass kein Götzendiener sein Idol in der Überzeugung verehrt, es gäbe außer ihm keinen anderen Gott. Niemand, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft, kann sich vorstellen, dass das Idol, das er aus Metall, Stein oder Holz bildete, wirklich den Himmel und die Erde erschuf und sie regiert. Aber sie bedienen sich ihrer als Symbol, als Vermittler zwischen ihnen selbst und dem Göttlichen, wie der Prophet erklärt: „Wer fürchtete dich nicht, König der Völker“ und „an jeglichem Orte wird geräuchert, dargebracht meinem Namen und zwar reine Opfergabe; denn groß ist mein Name unter den Völkern.“ Soweit es sie betrifft, spielt dies auf die „Prima Causa“ an. Ich habe dies bereits in unserer großen Sammlung erklärt. [Maimonides spielt hier auf seine Mischneh Tora an, seiner monumentalen Kodifizierung des jüdischen Lebensweges. In einem Kapitel widmet er sich den Gesetzen, die sich mit dem Götzendienst auseinander setzen.] Keine unserer Autoritäten wird diese Tatsache bestreiten.»
Die Ansichten, die der Rambam hier äussert, harmonieren mit jenen unserer Weisen, die auch Raschi zitiert. Ibn Gabirol drückte diese Gefühle in der unvergleichlichen Lyrik seines «Keter Malchut» aus: «Du bist der Gott der Götter / Und alle Geschöpfe zollen dir Tribut / Und sie haben die Verpflichtung, Dir zu dienen, mit der Verehrung, die Dir gebührt / Du bist Gott und alle Kreaturen sind Deine Diener und dienen Dir und Deine Herrlichkeit erleidet keinen Abbruch um deretwillen, die anderen dienen neben Dir / denn alle diese anderen sind beabsichtigt, mit dir Gemeinschaft zu erreichen.»
Kehren wir nun zu unserer ersten Frage zurück: Warum hasste Gott dann Esau? Nicht weil er voreingenommen oder parteilich war, sondern weil Esau absichtlich den Weg der Gottlosigkeit einschlug. Radak erklärt: «Denn ihre Gottlosigkeit ging zu weit, sie behandelten die Söhne Jakobs verräterisch, während Gott Israel befahl: „Du sollst einen Edomiter nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder“ Aber sie behandelten ihn böse, mit einem Höchstmaß an Boshaftigkeit , und sie erfreuten sich an seiner Zerstörung und an seiner Verbannung.» Daher sagt der Text über ihr Land: «Und man wird sie nennen das Gebiet des Frevels.»
Nechama Leibowitz