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| Jüdische Familienidylle: «Freitag Abend» (1867) von Moritz David Oppenheim. Foto: Archiv |
Die Demut führt zur Furcht vor der Sünde und diese endlich führt zur Heiligkeit», heißt es in der Barita des Rabbi Pinchas ben Jair. Judentum, Christentum und Islam thematisieren die Frage des Verhältnisses der Geschlechter mit allen dazugehörenden sozialen, politischen und rechtlichen Aspekten auf sehr unterschiedliche Weise. Die Frankfurter Schriftstellerin, Sprachwissenschaftlerin und Judaistin Ruth Berger (geboren 1967 in Kassel) promovierte im Fach Jüdische Studien mit einer Arbeit zu «Sexualität, Ehe und Familienleben in der jüdischen Moralliteratur (900–1900)», die 2003 im Harrassowitz-Verlag veröffentlich wurde. In dieser Arbeit, die die Haltungen der jüdischen Moralliteratur zur sozialen Institution der Ehe in unterschiedlichen jüdischen Milieus und Epochen untersucht, verbinden sich wissenschaftliche Akribie und erzählerisches Talent zu einem Standardwerk zur jüdischen Familiengeschichte.
Hauptanliegen von Ruth Berger ist es, darzustellen, was die jüdische Moralliteratur über das Geschlechtsleben und damit zusammenhängende Fragen zu sagen weiß – wie also die Autoren dieser Literatur die menschliche Sexualität, sexuelle Bedürfnisse und Empfindungen beschreiben und bewerten, wie ihrer Meinung nach eine ideale Beziehung zwischen Mann und Frau aussehen und welche Funktionen sie erfüllen soll, welche Rolle in dieser Beziehung der Sexualität zukommt, welche Bedeutung die Erzeugung von Nachkommen hat, auf welche Weise diese geschehen und wie sich schließlich das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern gestalten sollte.
Was aber gehört zur Moralliteratur? Das wohl populärste Werk in der jüdischen Moralliteratur ist «Mesillat Jescharim» («Der Weg der Frommen») von Rabbi Mosche Chajm Luzzato (1707–1746), ein Standardwerk für das Erlernen von «Mussar» (jüdische Ethik, Philosophie und Frömmigkeit); Luzzattos Buch erläutert, wie man auf den im Talmud genannten Entwicklungsstufen vorankommen kann: von der Achtsamkeit zur Rüstigkeit, über Lauterkeit, Zurückhaltung und Reinheit zur Liebeshingebung und schließlich hin zu Demut, Sündenfurcht und Heiligkeit. Sein Buch ist bereits über 150 mal aufgelegt worden; eine Auswahl aus der deutschen Übersetzung von Joseph Wohlgemut von 1906 erschien 2001 in Berlin, herausgegeben von Rabbiner Walter Homolka.
Wenn von Erzählungen in der älteren jiddischen Moralliteratur die Rede ist, dann fällt zumeist der Verweis auf das Mayse-Buch, eine westjiddische Erzählsammlung, die 1602 in Basel erstmalig gedruckt wurde. Eher unbeachtet bleiben die «Mayses» der jiddischen Moralliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts. Dazu gehören so verschiedene Moralwerke wie der kabbalistisch angehauchten «Kav Ha’Jaschar» (1705), «Beer Scheva» (um 1700) und «Simchat Ha’Nefesch» (Frankfurt am Main 1707). Elchanan Henele Kirchhahn, der Verfasser von «Simchat Ha’Nefesch» («Freude der Seele») schuf aus zahlreichen wunderbaren Geschichten, Gleichnissen und Sprichwörtern, die in der Volkskultur seiner Zeit allgegenwärtig waren, «eines der schönsten Werke der älteren jiddischen Literatur», befand der jiddische Schriftsteller Salman Reisen. Gustav Karpeles, der langjährige Herausgeber der Allgemeinen Zeitung für das Judentums, ergänzte: «Die Seelenfreude hat allen ethischen Werken den Rang abgelaufen; ihr Urheber hat es wunderbar verstanden, alle Saiten des menschlichen Empfindens erklingen zu lassen. Das Buch war ein wahrer Hausfreund der jüdischen Familie.»
Der zweite Teil des Werkes, der 1727 in Fürth erschien, ist eine Sammlung von verschiedenen Liedern, die für die Fest- und Gedenktage des jüdischen Kalenders sowie für Hochzeiten und Beschneidungen gedichtet wurden. Wegen seines originellen Charakters und der lebhaften Schilderungen der Situation in den hessischen Landgemeinden gilt das Werk als ein wichtiges Zeugnis der jüdischen Alltagskultur. Moses Henochs «Brantspigel» ist das im 17. und 18. Jahrhundert wohl bekannteste jüdischdeutsche Moralbuch. Es war für die jüdische Frau bestimmt und enthält eine Fülle von Material, an dem sich Einblick gewinnen lässt in das jüdische Leben des 16. Jahrhunderts. Nach der Krakauer Erstausgabe von 1596 wurde der «Brantspigel» etwa zehnmal gedruckt. Mit dem Werk setzt die «klassische» Periode der jüdischdeutschen Moralliteratur ein, die an das eher abstrakte und dogmatische hebräische Moralbuch anknüpft und sich ihm gegenüber dadurch auszeichnet, dass hier Fragen des alltäglichen Lebens abgehandelt werden.
Ruth Berger stützt sich in ihrer Arbeit auf eine Vielzahl weiterer Quellen, darunter auch arabischsprachige Werke. Das Korpus der behandelten Quellen ist eine umfangreiche und wohl repräsentative Auswahl aus den in traditionellen oder modernen Drucken vorliegenden jüdischen Moralschriften in hebräischer Schrift (und hebräischer, jiddischer, jüdisch-spanischer oder, in einem Fall, jüdisch arabischer Sprache). So gelangt sie zu einer übergreifenden Gesamtdarstellung, die die Grundlinien zeitlicher, regionaler und von Fall zu Fall auch individueller Besonderheiten aufzeigt. Unter Zuhilfenahme von primär historischer und religionswissenschaftlicher Sekundärliteratur zum christlichen und islamischen Kulturkreis werden dabei auch Ähnlichkeiten und Abweichungen, insbesondere aber mögliche Interaktionen zwischen jüdischen Traditionen und denen der jeweiligen nichtjüdischen Umwelt diskutiert. Sogenannte «Dinim»-Vorschriften oder Ritualbelehrungen machen nur einen Bruchteil dieser Untersuchung aus. Der Verfasserin geht es um die Darstellung all dessen, was die Moralliteratur über das Eheleben und die damit zusammenhängenden Fragen zu sagen weiß. Die Mussarliteratur, die die die Autorin aufgreift, hat nur wenig mit jener jüdischschen Mussar-Bewegung zu tun, deren Initiator und «spiritus rector» Israel Lipkin Salanter (1810–1883) war und die in quasi pietistischer Weise zwischen Haskala, Orthodoxie und chassidischer Frömmigkeit nach einer Erneuerung des Judentums «aus der Tora» strebte. Diese Bewegung hat noch heute ihre Anhänger in Nordamerika und in Israel.
Die einzelnen Themenschwerpunkte werden in gesonderten Kapiteln behandelt, in denen dann auch diachrone Entwicklungen und synchrone Unterschiede zwischen Autoren oder Regionen erörtert werden, etwa Unterschiede im aschkenasischen und sefardischen Judentum. So gibt es Kapitel etwa zu Keuschheit, Sexualität in der Ehe, zur Integration des Ehepaares in einen größeren Familienverband, zu Autoritätsstrukturen in der Ehe, zu Kindererziehung und Kallipädie. Dass Ruth Berger sich beispielsweise auf Rivka Titkin bezieht, deren «Meneket Rivka» («Amme Rivkas») 1609 in Prag erschien, ruft en passant in Erinnerung, dass unter den zitierten Autoren durchaus auch Frauen sind, und wirft Fragen nach der Besonderheit weiblicher jüdischer Gelehrsamkeit auf, auch in Abgrenzungen von damaligen christlichen Bildungsidealen. Dieses Beispiel korrigiert auch das Pauschalurteil, dass die jiddische Moralliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts wegen ihres bildungsfernen, häufig weiblichen Rezipientenkreises weniger anspruchsvoll gewesen wäre als das hebräische Schrifttum dieses Genres.
Die neun Kapitel lassen sich einzeln oder im sich organisch erschließenden Zusammenhang lesen; dazu gehören Themenbereiche, die auch in der Neuzeit in Familie und Gesellschaft diskutiert wurden und gelegentlich noch heute, wie im Fall der Homosexualität, zu Kontroversen führen. Erstaunlich ist dabei manches Mal die Freimütigkeit und Nonchalance, die aus den historischen Quellen spricht. So zitiert Berger eine Auflistung der Vorzüge von Männern verschiedener Nationen aus dem 18. Jahrhundert aus dem osmanischen Reich, in der die «jüdischen Schönheiten» wegen ihrer Neigung zur Kahlköpfigkeit wenig gut weg kommen, auch wegen ihrer Hartherzigkeit; die dank ihrer Hellhäutigkeit beliebten Österreicher hingegen sagten demnach «nie nein, wenn man sie bittet». Die Autoren, auf die Berger sich stützt, erteilen praktischen Rat wie moralische Unterweisung. Sie schöpfen dabei aus der griechischen Philosophie, der zeitgenössischen Medizin und ihre eigenen Lebenserfahrung, aber auch aus der religiösen Überlieferung. Ihre Werke entstanden im Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen literarischer Konvention und einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die in den von Ruth Berger zitierten Texten oft in drastischer Plastizität greifbar werden. Dass diese Lebenswirklichkeit den eingeforderten moralischen Ansprüchen zumeist nicht genügte, versteht sich von selbst.
Ein detailliertes Register und ein ausführliches Literaturverzeichnis erlauben einen schnellen Zugriff auf einzelne Informationen. Die berücksichtigte Literatur zum Eheleben und den damit verbundenen Fragen ersetzt allerdings keine Monographie zum jüdischen Eherecht; es geht Berger nicht um das religionsgesetzliche Regelwerk, sondern um einen Beitrag im Kontext der europäischen familiengeschichtlichen Historiographie. In diesem Zusammenhang dürfte «Sexualität, Ehe und Familienleben in der jüdischen Moralliteratur» bis auf weiteres das deutschsprachige Standardwerk bleiben.