Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wie ein Kibbutz in der PusztaUngarns junges Judentum ist nicht so still, wie es scheint
Geht man mit offenen Augen durch Budapest, offenbaren sich die Spuren der jüdischen Vergangenheit an vielen Ecken. Mitten im Herzen der Stadt liegt das jüdische Viertel, das seine Geschichte nicht aufdringlich, aber dennoch sichtbar nach außen trägt. Läuft man aufmerksam durch die Kasinczy utca, findet man hinter der Nummer 16 ein Mikve, ein rituelles Bad, gleich dahinter die orthodoxe Synagoge. In der Dob utca hat es gar einen orthodoxer Kindergarten gegeben. Mich interessiert die Gegenwart mehr als die Vergangenheit. Ich beginne mich zu fragen, ob es ein jüdisches Leben in Ungarn gibt, einem Land, in dem der Antisemitismus immer stärker wird und ein starker Rechtsruck durch das Land geht. Und wenn ja, wie wird eine zukünftige Generation junger Juden auf ihr Leben im Kontext von Geschichte und Politik, vorbereitet werden. Werden Traditionen und Religion weiterhin zelebriert oder werden sie immer weiter in Vergessenheit geraten, so wie die Straßen des jüdischen Viertels? Erste Spuren jungen jüdischen Lebens führen weg von der Innenstadt, weg von Pest, auf die andere Seite der Donau. In der Frankel-Leo-Synagoge treffe ich auf Rebbezin Linda Bán-Verő, eine quirlige und enthusiastische Frau, die sich mit all ihrer Leidenschaft für die Gemeinde und im Speziellen für die Kinder einsetzt. Eine Zeitlang hat sie in Jerusalem gelebt und studiert, doch mit Beginn der II. Intifada verließ sie das Land, um nach Ungarn zurückzukehren. Seit acht Jahren versucht sie gemeinsam mit ihrem Mann, Rabbiner Tamás Verő, eine junge Gemeinde aufzubauen. Eine, in der nicht nur die Alten in den Gottesdienst kommen, in der sich jeder geborgen und aufgenommen fühlt. Jeder ist willkommen. Linda bemüht sich um ein reichhaltiges Programm für Kinder, denen spielerisch jüdische Traditionen und Sitten beigebracht werden sollen. Jeden Sonntag können Eltern und Kinder gemeinsam in den Gemeinschaftsräumen spielen, feiern oder einfach nur ein bisschen plaudern. Dennoch beklagt Linda das fehlende Interesse der Jugendlichen: «Es kommen wenige. Die meisten gehen lieber feiern und trinken, als sich mit koscherer Lebensweise und Religion zu beschäftigen.» Linda verweist mich an das Bálintház, ein jüdisches Gemeinschaftshaus in der Révay utca. Von «koscher Aerobic» bis zum Schalom-Club für Ältere erlebe ich kleinen einen Mikrokosmos, der mir offenbart, dass ich mich zumindest hier mit meiner Annahme über das ausgestorbene jüdische Leben täusche. Es gibt einen Kindergarten in dem man sogar Englisch lernen kann und selbst Eltern anderer Konfession bringen ihre Jüngsten zur jüdischen Ferienbetreuung. Allerdings erkennt man diese eben auch nur am koscheren Essen, den gemeinsames Beten und die Pflege von Ritualen wird bewusst vermieden. Betreuerin Nora, eigentlich Tanzlehrerin, ist weder jüdisch noch hat sie irgendeinen Bezug zu dieser Religion. Dennoch ist das Bálintház ein wichtiger Anlaufpunkt der Budapester Juden. Immer wieder taucht bei meiner Suche nach jungem jüdischen Leben das Wort Szarvas in den Gesprächen auf: «Wenn Du etwas wirklich Spannendes sehen willst, musst du nach Szarvas fahren», versichert mir auch Nora. Das macht neugierig auf die 20.000 Einwohner zählende Stadt im Zentrum des Körös-Maros-Nationalparks in der ungarischen Tiefebene in Richtung der rumänischen Grenze. Hier wurde auch Itamar Yaoz-Keszt geboren wurde, der israelischernDichter und Übersetzer. Ich finde ein vom American Jewish Joint Distribution Comittee betriebenes Ferienlager für jüdische Kinder aus aller Welt. Seit 1990 vermittelt man hier spielerisch jüdische Traditionen, Sitten und Geschichte, jedes Jahr unter einem anderen Motto. In diesem Jahr ist es der Kreislauf des jüdischen Lebens. Gemeinsam werden Hochzeiten, Bar- und Bat-Mizvahs oder Rosch Haschana vorbereitet. An Schabbat backen alle gemeinsam, es gibt Geschenke und einen Gottesdienst. Mikrofone und Lichter bleiben dafür aus. Alle 14 Tage kommen Kinder- und Jugendgruppen aus ganz Ungarn, Israel, Russland, Amerika oder auch Serbien. Die Sprache hier ist ein witziger Mischmasch aus Englisch und Ungarisch. Sasha Friedman, der Leiter des Lagers, war früher selbst Besucher - und ist geblieben. Euphorisch führt der 25-Jährige mich durchs Camp, zeigt das riesige Gelände mit eigener Synagoge, Schwimmbecken und Museum. Er nennt es einen kleinen Kibbuz nach israelischem Vorbild, erbaut und bewohnt von einer starken Gemeinschaft. Auch die anderen Mitarbeiter sind jung, meist um die 25, kommen aus Serbien, Israel oder auch Mazedonien. Gespräche über Politik bleiben unter ihnen nicht aus. Wie soll es mit Israel weitergehen? Yael, Betreuerin aus Israel, empfindet ihr zu Hause wunderschön und doch gleichzeitig als Gefängnis. Auch der wachsende Antisemitismus in Ungarn kommt zur Sprache. Immer wieder. Dennoch glauben die meisten Juden nicht, dass er eine Bedrohung für sie darstellen wird. Dies sind jedoch Themen, die von den Kindern ferngehalten werden. Es herrscht eine unglaublich motivierte Stimmung, viele Kinder werden hier wohl die schönsten Ferien ihres Lebens verbringen. Natürlich wird auch versucht, den Holocaust kindgemäß aufzuarbeiten, doch wird nicht politisiert. Die Kinder in Szarvas haben eine hoffnungsvolle Zukunft. Die jüdische Gemeinschaft Ungarns ist sehr gut vernetzt und gerade in die nächste Generation wird investiert. Das beweist mir, dass junges jüdisches Leben existiert, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Aber die Türen stehen offen. |