Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Über die Suche nach dem Sinn und Zweck des HolocaustsDie Ansprache zum 9. November in der Tübinger Martinskirche
In Deutschland wird heute vielerorts der Reichskristallnacht 1938 gedacht, die eine wichtige Zäsur auf dem Weg in die Tiefe des Bösen darstellt. Bald, nämlich am 27. Januar, wird hier auch der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, an dem die letzten Auschwitz-Häftlinge befreit wurden und der eine Zäsur auf dem Weg aus dem Bösen heraus bildet. Zu gleicher Zeit, das heißt zwischen den beiden Gedenktagen des Jahres 2008, stehen im jüdischen Kalender des Jahres 5769 jene Wochenabschnitte, die uns vom Weg in die Versklavung in Ägypten, aber auch von der Erlösung von diesem Schicksal erzählen. Dieser Zusammenhang lädt uns zum Vergleich ein: Was dachten sich die Kinder Israels bei der Verfolgung, als die Ägypter sie versklavten und deren Söhne, wie uns die Bibel mitzuteilen weiß, ermorden wollten? «Und sie schrien», erzählt uns die Bibel und lässt vermuten, dass sie sich fragten, was sie denn getan hätten, aufgrund dessen sie jetzt so sehr bestraft werden müssten. Da könnte man auch heute fragen, worauf Gott damals noch wartete, warum er dieses Schicksal überhaupt zuließ. Hier drängt sich eine schwierige Frage auf: Hat Gott wirklich alles zu vertreten, was auf Erden geschieht? Gegen diese Ansicht kann man argumentieren, indem man sich auf des Menschen freie Wahl beruft. Aber selbst wenn man davon ausgeht, dass der Mensch, etwa die ägyptischen Täter in unserem Fall, sich wirklich frei zwischen Gutem und Bösem entscheiden könne, liegt im Ermessen des Menschen noch längst nicht die Entscheidung darüber, ob die Verwirklichung seiner Absicht ihm auch gelingen würde, das heißt ob er sein frei gewähltes Vorhaben auch erfolgreich durchführen dürfte. Geschweige denn, wenn es sich nicht um eine einzige Tat einer Einzelperson handelt, sondern um ein massenhaftes Geschehnis wie die Versklavung in Ägypten. In solchen Fällen stellt sich nämlich die Frage, warum so viele Menschen so viele böse Absichten mit so großem Erfolg in die Tat umsetzen durften. Diese Frage kann nicht mehr mithilfe jenes Prinzips der freien Wahl beantwortet werden. Solch große Geschehnisse lassen sich nicht ausschließlich auf die Täter zurückführen, die zwar als Einzelpersonen jeweils für ihre bösen Absichten verantwortlich sind, jedoch nicht dafür verantwortlich gemacht werden können, dass sie diese Absichten erfolgreich durchführen durften. Das führt uns zum Schluss, dass Gott im Endeffekt doch für die Geschehnisse in der Wirklichkeit verantwortlich ist, zumindest für die großen und bedeutungsvollen. Das bedeutet wiederum, dass er diese Geschehnisse entweder selbst initiiert oder aber nicht verhindern will. Das ist natürlich nicht die einzig mögliche Sichtweise: Man kann Gott diese Verantwortung auch absprechen, indem man meint, Gott kann nicht alles verhindern, was geschieht; und zwar selbst dann nicht, wenn er selbst nicht will, dass irgendein Geschehnis stattfindet. Jedoch schrumpft Gott in dieser Sichtweise auf eine im Diesseits machtlose Figur zusammen, auf die eines von beidem zutrifft: Entweder sie ist, wenn überhaupt, nur noch im Jenseits von Bedeutung; oder sie geht in einem Spinozaischen Substanzbegriff auf, das heißt, sie ist als eigenständiges Wesen gar nicht mehr vorhanden. So oder so geht in diesem «entlastenden» Gottesverständnis der spätbiblische Gott, jener Ansprechpartner der im Diesseits lebenden Menschen, notwendigerweise verloren. Da wir uns hier aber mit einer biblischen Geschichte befassen, muss die Existenz dieses spätbiblischen Gottes vorausgesetzt werden. Was uns bleibt, ist mithin ein personifizierter, in der Menschengeschichte wirkender Gott, der für die diesseitige Wirklichkeit sehr wohl verantwortlich ist und die großen Geschehnisse in dieser Wirklichkeit weitgehend bestimmt, indem er sie initiiert oder aus freiem Willen nicht verhindert. Also bleiben wir bei der herausfordernden Frage: Warum ließ Gott die Versklavung in Ägypten überhaupt zu? Diese Schwierigkeit wird noch verstärkt, wenn wir bei der Lektüre der Bibel erfahren, dass es gerade Gott war, der das Herz des Pharaos immer und immer wieder verhärtete und verstockte, der also mittels des Pharaos die Verfolgung seines eigenen Volkes verschlimmerte. Die ganze Katastrophe war mithin eine rein göttliche Produktion! Aber was wäre denn die Sünde des Volkes gewesen, die diese Katastrophe erklären könnte? Heutzutage meint mancher, dass es Begebenheiten gibt, die sich nicht erklären lassen. Eine solche Begebenheit soll etwa der Holocaust darstellen, dessen wir heute gedenken. Muss man also für die Verfolgung in Ägypten unbedingt eine Erklärung finden? In der Tat können wir im Pentateuch keine Sünde finden, infolge deren Gott die Kinder Israels bestraft hätte, geschweige denn eine so schlimme, um damit die Verfolgung in Ägypten erklären zu können. Nichtsdestoweniger sind wir in der Lage, dieses Rätsel zu lösen. Dazu müssen wir mehrere Jahrhunderte, bis in die Zeit des ersten Erzvaters Abraham zurückgehen. Im Wochenabschnitt «Lech Lecha», der erst gestern weltweit in allen jüdischen Bethäusern vorgelesen worden ist, wird uns von Abrahams – der damals noch Awram hieß – erstem Bündnis mit Gott erzählt, in dem Gott ihm unter anderem verspricht, dass seine Nachkommenschaft im Exil noch verfolgt und versklavt werden wird. Wichtig ist jetzt für uns nicht nur, dass jene frühere Katastrophe von Gott vorherbestimmt wurde, sondern vor allem auch, dass sie vom Initiator selbst auf keine Ursache zurückgeführt wird! Ganz im Gegenteil, denn Gott verspricht dort ferner, dass die Opfer dieser Verfolgung später «mit großer Habe» ausziehen werden. Der Sinn der Katastrophe ist folglich nicht in deren Vergangenheit, sondern in deren damaliger Zukunft zu suchen. Kehren wir nun zum heutigen Anlass zurück: Warum hat es also den Holocaust gegeben? Diese Frage teilt sich, wie wir nun wissen, in zwei: «Weshalb?» und «Wozu?», das heißt in Ursachen einerseits und Zwecke andererseits. Um die Ursachen bemüht sich noch immer die Geschichtswissenschaft, die schon sehr interessante Interpretationsversuche anbieten kann. Nach dem bzw. den Zwecken dieser jüngeren Katastrophe muss jedoch jeder von uns selbst suchen. Womöglich ist es noch zu früh, zumal wir ja noch keine richtige Perspektive haben und selbst das Schicksal des wieder auferstandenen Jerusalems, also die Zukunft des modernen Staates Israel, eines der wichtigsten Ergebnisse der europäischen Katastrophe, nicht mehr so sicher erscheint wie früher. Vielleicht werden erst künftige Generationen beurteilen können, welche der vielen Vermutungen bezüglich des Sinns und Zwecks des Holocausts in Anbetracht der Entfaltung der Geschichte sinnvoll erscheinen. Nichtsdestoweniger liegt es uns ob, unsere Nachkommen mit Interpretationsmöglichkeiten auszustatten. Unsere Aufgabe ist es, die kräftigen Worte des Propheten Jesaja nunmehr auf unsere Zeit anzuwenden; jenes Propheten also, der auf den ersten Untergang Jerusalems – jene traumatische Katastrophe, die das Judentum ein für allemal veränderte – zurückblickt und zugleich auch die Wiederkehr nach Zion voraussieht. In Jesaja 45:7 heißt es: «Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt!» Wir müssen also den Rückblick in die Katastrophe wagen, in die Tiefe des Bösen, und dort nach Gott suchen, nach dem Göttlichen an der Katastrophe, um uns mit Gott als Ganzem erst recht versöhnen zu können - und somit unsere eigenen Erwartungen an ihn und die Zukunft zu heilen. Zur Person Yoav Sapir (geb. 1979) studiert an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, um vom Machon Schechter in Jerusalem zum Rabbiner ordiniert zu werden. Wir bringen hier seine Ansprache zum erstmals begangenen Gedenktag «Erinnerung und Umkehr» der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in der Tübinger Martinskirche. |