Stolz der Gemeinde
und Zierde der Stadt

Die Neue Synagoge in Berlin und ihr Architekt Carl Heinrich Eduard Knoblauch

 

Fotos (2):
Architekturmuseum
der TU Berlin

Carl Heinrich Eduard Knoblauch (1801– 1865) war eine der vielschich- tigsten Architektenper- sönlichkeiten des 19. Jahrhunderts aus dem Umkreis der Schinkelschule. Sein facettenreiches Werk, das im Kontext tiefgreifender Veränderungen aller Lebensbereiche im Zuge der Revolution von 1848 zu sehen ist, umfasst sämtliche Bauaufgaben des 19. Jahrhunderts: städtische Wohn- häuser, Villen, Herrensitze,
öffentliche Bauten (Krankenhäuser, Bahnhöfe) sowie denkmalpflegerische Tätigkeiten und Wettbewerbsprojekte.

Zu Knoblauchs nachhaltigster Leistung außerhalb der reinen Bautätigkeit zählt die Gründung des Architektenvereins Berlin, mit der er eine Entwicklung in Gang setzte, die weitreichende Auswirkungen auf die Architektur und den Architektenstand hatte. Reorganisation der Akademie der Künste in Berlin und die Ausarbeitung einer neuen Bauordnung gehörten ebenfalls zu seinen maßgeblichen Aufgaben.


Erstaunlicherweise hatte Knoblauch auf den traditionellerweise beschrittenen Weg des akademisch ausgebildeten Baumeisters, der lebenslang der Königlich Preußischen Bauverwaltung als Beamter dient, verzichtet, sondern führte als erster Privatbaumeister freie Bauaufträge für die neu entstandene Schicht des wohlhabenden Bürgertums, aber auch für den Adel, durch. Auch wenn Knoblauch mit über 130 ausgeführten Bauwerken großes Ansehen genoss, gelang es ihm jedoch erst mit drei Bauten für die Jüdische Gemeinde in Berlin (Umbau der Synagoge in der Heidereutergasse, Jüdisches Krankenhaus, Neue Synagoge) eine weitreichende öffentliche Anerkennung zu bekommen, aus der das grandiose Abschlusswerk der großen Gemeindesynagoge in der Oranienburger Straße seinen Namen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte.
Der kontinuierliche Zuwachs der Jüdischen Gemeinde in Berlin – die Mitgliederzahl hatte sich von 1840 bis 1861 fast verdreifacht – ließ neben der bestehenden Synagoge in der Heidereutergasse 4 (Berlin-Mitte) den Neubau einer zweiten Gemeindesynagoge immer dringlicher werden. Bereits Mitte der vierziger Jahre – der Bau wurde erst Ende der fünfziger Jahre ausgeführt – nahm die Jüdische Gemeinde Kontakt mit Eduard Knoblauch auf. Damit hatte sich die Gemeinde für einen betont freiheitlich denkenden und zukunftsgewandten Architekten entschieden. Knoblauch war sich von Anfang an der Bedeutung seiner Aufgabe und des hohen Symbolwerts einer neuen Synagoge in Berlin bewusst. Der Bau der Synagoge sollte die größte Herausforderung in seinem gesamten Schaffen werden und beschäftigte ihn fast zwanzig Jahre – bis zum Ende seines Lebens.

Mit außergewöhnlicher Akribie verfolgte er in zahlreichen Vorstudien, aber auch Diskussionen und Anregungen durch die Monatskonkurrenzen im Architektenverein immer wieder das Thema Synagogenbau, bis er letztendlich eine architektonische Lösung fand, die nicht nur als künstlerisches Meisterwerk in die Architektur der Schinkelschule einging, sondern bis heute als der programmatische Bau der Synagogenarchitektur schlechthin gilt.
Zu allererst war Knoblauch von der Gemeinde mit der Suche und Begutachtung von geeigneten Bauplätzen beauftragt, wie den Grundstücken Spandauer Brücke 3-5, aber auch einem Bauplatz hinter der Garnisonskirche, der jedoch beim Innenministerium und dem König aufgrund seiner exponierten Lage, noch dazu in nächster Nähe eines christlichen Gotteshauses große Bedenken hervorrief. König Friedrich Wilhelm IV. schlug deshalb vor, «ob es nicht vorzuziehen sei, den beabsichtigten Bau in einem [...] entfernteren Stadttheile, etwa dem Köpenickerfelde auszuführen. In diesem Falle würde ich auch gegen die Wahl eines unmittelbar an der Straße belegenen Bauplatzes nichts zu erinnern haben».

Der Vorschlag des Königs muss durchaus als positiv betrachtet werden, da sich der Bauplatz zwar weit ab von den jüdischen Wohngebieten und der Innenstadt befand (im heutigen Kreuzberg), hätte der Gemeinde jedoch die einmalige Möglichkeit gegeben, auf einem allseitig freien, immens großen Gelände eine monumentale Synagoge mit bedeutender städtebaulicher Markanz zu errichten. Dennoch lehnte die Jüdische Gemeinde ab und das Bauvorhaben kam durch die Umbruchsituation nach der Revolution, aber auch durch ständige Querelen zwischen Orthodoxen und Reformern, erst einmal zum Erliegen; jedoch wollte man durch Erweiterung und Umbau der alten, barocken Synagoge in der Heidereutergasse 4 dem Platzmangel begegnen. Knoblauch wurde 1855 mit den Entwürfen und der Ausführung betraut, die im reformerischen Kreis große Beachtung fand. Doch erwies sich der Bau bereits ein Jahr nach der Einweihung für die rasch wachsende Jüdische Gemeinde als viel zu klein, so dass die Pläne für einen umfassenden Neubau wieder aufgenommen wurden. Als Bauplatz war nun das Grundstück Oranienburger Straße 30 bestimmt.

Wiederum wurde Eduard Knoblauch von der Gemeinde mit ersten Studien betraut. Dabei sah er sich mit einem Grundstück konfrontiert, das an der Straßenflucht äußerst schmal war und sich erst ab der Hälfte der Tiefe weitete. Trotz seiner früh geäußerten Bedenken, dass sich auf solch einem ungünstig geschnittenen Bauplatz kein angemessener Monumentalbau errichten ließe, entwickelte er in einer zweijährigen Planungsphase eine vielbeachtete Grundrisslösung.

Knoblauchs erste Vorstudien lassen auf zahlreiche Diskussionen mit den Auftraggebern schließen. Groß war die konzeptionelle und stilistische Bandbreite, seien es Rechtecksbauten in zierlichen Rundbogenformen der Schinkelschule mit Vorbildern oberitalienischer Kirchen des 12. und 13. Jahrhunderts, seien es Zentralbauten von kreisrundem Grundriss, welche eher hochrenaissanceistische oder barocke Einflüsse verarbeiteten. Dennoch befriedigten die Studien Knoblauchs nicht die Vorstellungen der Auftraggeber, weshalb eine für die anstehenden Fragen zuständige Kommission,
wiederum unter der Leitung Knoblauchs, im April 1857 einen Wettbewerb ausschrieb.

Der Wettbewerb, an dem auch ausländische Architekten teilnehmen durften, gilt als einer der ersten Architekturwettbewerbe zur Bauaufgabe «Synagoge». Umso bedauerlicher ist es, dass über den genauen Wettbewerbsverlauf nur weniges bekannt ist. Fest steht nur, dass Knoblauch – wohl mit einem Entwurf im maurischen Stilapparat – den ersten Preis und somit den Zuschlag für die Ausführung der Synagoge in der Oranienburger Straße erhielt. Baubeginn war im Mai 1859. Im Juli 1861 fand das Richtfest statt, an dem Knoblauch aufgrund einer psychischen Erkrankung bereits nicht mehr teilnahm. Ab diesem Zeitpunkt leitete sein Freund Friedrich August Stüler die Bauausführung, unter Mitarbeit von Knoblauchs Sohn Gustav und Hermann Hähnel als Bauleiter. Die offizielle Einweihung der Synagoge am 5. September 1866 unter Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste der Gemeinde und des Staates, wie des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, sollten beide tragischerweise nicht mehr miterleben.

Knoblauchs großem baukünstlerischen Geschick war es zu verdanken, dass er nach der äußerst schwierigen Vorbereitungsphase mit genauster Analyse des Bauplatzes und der möglichen Grundrissdispositionen zu einer genialen Lösung fand, indem er den Gesamtbau entlang einer geschickt angelegten Verschiebung der Längsachse, aus mehreren Baueinheiten zusammensetzte. Den sakralen Hauptraum lagerte er in die hintere breite Hälfte des Grundstücks, für den er den Zugang über eine zwölfeckige Vorhalle schuf, die als Gelenk für die mehrfach verschobene Längsachse fungierte und geschickt in das Männervestibül und die Vorsynagoge überleitete.

Die aufwendige Straßenfront im maurischen Formendekor bestand aus einem eingezo- genen Mittelteil, auf dem sich über einem hohen Tambour die Kuppel erhob; dieselbe Form wiederholte sich proportional verkleinert bei den flankierenden Türmen. Die Unterbringung von Verwaltungsräumen und Treppen in diesem Teil entsprach nicht dem äußeren, sakralen Aufbau. Knoblauch gelang es mit Errichtung der Kuppel oberhalb der Vorhalle, diese trotz der Einbindung in die Straßenflucht weithin im Stadtbild sichtbar werden zu lassen.


Das Innere des Hauptraums war in Form einer dreischiffigen Emporenbasilika mit Apsis angelegt. Knoblauch vollzog die Überdeckung der fünf Joche des Mittelschiffs nicht mit einfachen Kuppeln, sondern legte über den Emporenbögen in den Raum reichende Quertonnen an, die in Kuppeln mit gläsernen Oberlichten mündeten. Dadurch erreichte er eine imposante, zweistufige Höhenstaffelung. Die leichte, schwebende Wirkung dieses aufwendigen Deckensystems ist in Zusammenhang mit der komplizierten Eisenkonstruk- tion zu sehen, die Knoblauch jedoch bis auf die Zuganker, mit Mauerwerk verhüllte. Dagegen sind die gusseisernen Säulen sowohl in den Emporen als auch im Hauptraum, Vorhalle, Repräsentantensaal und Treppenhaus bewusst als ästhetisierendes Gestaltungs- mittel eingesetzt.

Ein weiteres Meisterwerk der Ingenieurkunst, das Funktionalität und Schönheit in Gleichklang brachte, war die bahnbrechende Konstruktion der gläsernen Hauptkuppel, für die der Ingenieur Johann Wilhelm Schwedler (1823–1894) verantwortlich zeichnete. Er entwickelte ein eisernes Gitternetz, das exakt die Form der Kuppel nachzeichnete und gleichzeitig das leichte Gerüst für die Verglasung bildete. Als weitere spektakuläre technische Raffinesse ist ein ausgeklügeltes Gasbeleuchtungssystem zwischen den doppelt verglasten Fenstern des Hauptraums zu sehen, das am Abend dem Innenraum mit seinen farbigen Wandmalereien und Stukkaturen im maurischen Stil eine mystische Atmosphäre verlieh. Die aufwendigen Innenraumdekorationen waren größtenteils nicht mehr von Knoblauch, sondern von Stüler entworfen worden.

Insgesamt hatte sich Knoblauch nach Aussage seines Sohnes Gustav bei der Stilauswahl der Ornamente an der Alhambra in Granada orientiert. Den in den ersten Vorentwürfen favorisierten überladenenen orientalischen Stil versachlichte er an der ausgeführten Fassadenfront, indem er alle Rundbogenformen an den Türmen, dem Mittelteil und dem Tambour in eine rechteckige Rahmenstruktur bettete. Damit näherte er sich dem Rundbogenstil der Berliner Schinkelschule und verlieh der Fassade insgesamt mehr Ruhe und Monumentalität. Die straffe Gliederungsweise erhielt durch das dezente Farben- und Materialspiel, gelbliche Ziegel, rote Horizontalstreifen, Gesimse aus Granit, Tür- und Fensterrahmungen aus rotem Nebraer Sandstein, Kapitelle aus bronziertem Zink, einen besonders wirkungsvollen Reiz. Meisterhaft gelang Knoblauch der Einsatz des heimischen Materials Backstein als auch die Verwendung keramischer Bauelemente, deren unterschiedliche Farbigkeit er sorgsam aufeinander abstimmte.

Knoblauchs wichtigste Aufgabe beim Bau der Zentralsynagoge für die Jüdische Gemeinde war es, mit architektonischen Mitteln die Intentionen des Auftraggebers in einer aussagekräftigen, sinnbildlichen Wirkung für die Außenwelt sichtbar zu machen.
Die Architektur der Synagoge hatte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland keinen eigenen Stil beziehungsweise keine eigene Form hervorgebracht, sondern sich in Anpassung an die Baukunst der Umgebung entwickelt. Im 19. Jahrhundert sollte sich dies grundlegend ändern. Die Schaffung eines spezifischen Synagogenstils zur Dokumentation der neu errungenen Freiheit der jüdischen Mitbürger stand im Zentrum des Synagogenbaus, wobei dieses Kernproblem bei der Berliner Synagoge verschärft wurde, da es sich um einen Bau in der Hauptstadt Preußens handelte, der unbedingt eine architekturikonologische Vorbildfunktion übernehmen sollte.

Knoblauchs Vorstudien belegen auf vortreffliche Weise sein Ringen um eine betont synagogale Architektur. In den ersten Studien hielt er sich an kirchliche Vorbilder, um das Moment der Integration zu betonen. Jedoch konnte eine stark an die kirchliche Motivik angepasste Architektur nicht als spezifisch für die jüdische Kultur gelten, eher vermittelte sie das Gegenteil. Vermutlich entschieden sich Architekt und Bauherr deshalb in den letzten Entwürfen für die Aufnahme maurischer Vorbilder. Auf einen orientalisierenden Stil zurückzugreifen, bot sich zwar durch das Ursprungsland der Religion an, beinhaltete aber ein Wagnis, da maurische Architektur im Berlin-Potsdamer Raum zu dieser Zeit meist nur als märchenhafte Kulisse für illustre Bauten (Kaffeehäuser, Zirkus etc.) diente und damit die Würde des Baus mindern konnte. Dennoch setzte sich bei der Gemeinde der Wunsch durch, mit eigenen Stilformen innerhalb des christlich geprägten Umfeldes auf die jüdische Identität und das Recht auf Gleichstellung hinzudeuten.

Knoblauch verstand es trotz der nachteiligen Einbindung des Bauwerks in die Straßenfront auf eindrucksvolle Weise ein äußerst monumentales Bauwerk zu schaffen, das auch von der christlichen Gemeinschaft im Gegensatz zu den nüchternen Kirchen der Schinkelschule mit Bewunderung betrachtet wurde. Es war ihm gelungen, im einfühlsamen Umgang mit den unterschiedlichsten Bau- und Stilanleihen (Kuppel: indisch; Fenster: gotisch), den neuesten Technologien, Farb- und Materialkonzepten sowohl Modernität und Tradition, als auch Schönheit und Zweckmäßigkeit in einen meisterlichen Einklang zu bringen. Der prächtige Bau, weithin als hervorragendes Werk der Schinkelschule anerkannt, wurde der Würde des Sakralbaus gerecht und spiegelte auf das vortrefflichste das Selbstbild der Jüdischen Gemeinde. Zugleich wurde die neuartige Verbindung einer Doppelturmfassade mit Kuppelanlage in Folge zu einem geläufigen Typus in der Synagogenarchitektur.
In diesem architektonischen Meisterwerk vereint sich in grandioser Weise Knoblauchs gesamtes Können. Viele seiner Zeitgenossen sahen dies ähnlich: «Das neue Gotteshaus ist ein Stolz der jüdischen Gemeinde Berlins, aber noch mehr, es ist eine Zierde der Stadt, eine der beachtenswertesten Schöpfungen der modernen Architektur im maurischen Styl und einer der vornehmsten Bauunternehmungen, die in den letzten Jahren die norddeutsche Residenzstadt ausgeführt hat.»

Die Synagoge wurde in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 in Brand gesteckt, konnte jedoch vor größeren Schäden bewahrt werden. 1943 wurde der Bau bei Luftangriffen schwer beschädigt; 1958 der Hauptbau gesprengt. Nach der Wiederherstellung des Vorderbaus mit der Kuppelanlage ab 1988 und der Einweihung der Neuen Synagoge als Centrum Judaicum im Mai 1995 ist sie wieder ein weithin sichtbares Zeichen jüdischen Lebens der Gegenwart.

Azra Charbonnier ist Autorin des Bandes «Carl Heinrich Eduard Knoblauch
(1801–1865). Architekt des Bürgertums», (Kunstwissenschaftliche Studien Band 144), Deutscher Kunstverlag 2007, 98 Euro.

Azra Charbonnier

«Jüdische Zeitung», November 2008