Untergang und Erneuerung

Liberales Judentum in Deutschland:
Wir sind da!

 

Gottesdienst in der Synagogengemeinde
Sukkat Schalom in Berlin. Foto: privat

Ich bin liberaler Rabbiner» antwortete Georg Salzberger, der Rabbiner der Hauptsynagoge von Frankfurt am Main, als er nach seiner Verhaftung am 13. November 1938 in der Frankfurter Festhalle von einem Sturmbannführer der SA ins Verhör genommen wurde. Von Frankfurt wurde Rabbiner Salzberger in das Konzentrationslager Dachau verschleppt; im April 1939 gelang ihm die Ausreise nach London.

Die Reichspogromnacht von 1938 markiert auch den Untergang des liberalen Judentums in Deutschland. Die großen Gemeindesynagogen waren zerstört, und wer irgendwie konnte, versuchte sich ins Ausland zu retten. Rabbiner Salzberger amtierte fortan in der Liberal Jewish Synagogue
in London, die zu einem Zufluchtsort für Flüchtlinge wurde: «Manchen Besuchern traten Tränen in den Augen, als sie die von Kindheit an gewohnten Lewandowskischen Melodien und eine Predigt in der Muttersprache wieder hörten.»

Inzwischen gibt es auch hierzulande wieder liberale jüdische Gemeinden. Dass sich das liberale Judentum, das weltweit die stärkste religiöse jüdische Bewegung darstellt, gerade in Deutschland, seinem Ursprungsland, immer wieder erklären und gegenüber Ahnungslosigkeit und Besserwissern behaupten muss, zeugt von dem großen Bruch,
den Verfolgung und Schoa bedeuten. Was also hat es mit dem liberalen Judentum, das
vor 200 Jahren in Deutschland seinen Anfang nahm, eigentlich auf sich?

Der chassidische Rabbi Ahron aus Karlin (1802–1872) formulierte einmal: «Wer nicht jeden Tag etwas erneuert, zeigt, dass er auch nichts Altes hat.» Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass im Judentum der Prozess religiöser Innovation nichts Schlechtes ist. Im Judentum heißt diese spirituelle Schöpfungssituation «kawwana». Es besagt das zwanglose Ausschütten des Menschenherzens vor dem himmlischen Gegenüber. Solche Gebete reiner Innerlichkeit waren gängig bis weit ins 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als durch das erste jüdische Gebetbuch eine festere Ordnung gesetzt wurde. Der Beginn von Festlegung und Traditionsbildung ist eine notwendige Sphäre des religiösen Lebens, wenn sie in der Gemeinschaft stattfinden soll. Und doch ist religiöse Identität ständig im Fluss.

Sie drückt sich als Beziehung aus: zwischen dem Denken der Vergangenheit, der Selbstvergewisserung der eigenen religiösen Gemeinschaft und den Herausforderungen der Gegenwart. Religion muss also immer neu den Brückenschlag leisten zwischen dem Althergebrachten, dem Festgelegten und dem Bleibenden auf der einen Seite und dem notwendigen Wandel, der Aktualisierung, dem Schöpferischen auf der anderen.

Seit der Aufklärung hat sich das Judentum in mindestens vier religiöse Grundrichtungen entwickelt. In seinem National Jewish Population Survey kommt der Dachverband der Federations of North America, die United Jewish Communities, zu folgendem Bild: die jüdische Bevölkerung im wichtigsten Land der jüdischen Diaspora, den USA, macht 5,2 Mio. Menschen aus, davon gehören 21% dem orthodoxen Judentum in all seinen Schattierungen an, 79% dem nichtorthodoxen Judentum: 33% dem konservativen Judentum, 42% der Reformbewegung und 4% anderen nichtorthodoxen Gruppierungen. Vor allem bei den jüdischen Familien unter 35 Jahren ist das liberale Judentum die vorherrschende Richtung. Damit wächst diese Bewegung überdurchschnittlich. Heute ist die World Union for Progressive Judaism mit Sitz in Jerusalem als liberaler Dachverband von 1.200 jüdischen Gemeinden mit 1,7 Millionen Mitgliedern in 42 Ländern die weltweit stärkste religiöse Strömung im Judentum.

Die häufig gestellte Frage «was liberale Juden glauben», ist gar nicht einfach zu beantworten. Anders als die Kirchen haben wir Juden keine Dogmen; die 13 Glaubensartikel des Maimonides, die im Mittelalter als Reaktion auf dessen islamische Umwelt festgeschrieben wurden, haben zwar versucht, das Judentum fassbar zu machen. Doch Grundlage jüdischer Frömmigkeit ist zunächst die Beachtung der Mitzwot, der Ge- und Verbote, durch die man Gottes Willen in dieser Welt Wirklichkeit werden lässt. Der hebräische Begriff für Glauben, «emuna», hängt eng mit Treue, Zuverlässigkeit und Wahrheit zusammen; was zählt, ist vor allem das Tun, also die Ethik.

Ein wesentlicher Aspekt, der die liberale Mehrheit des Judentums von der orthodoxen Minderheit trennt, ist der Offenbarungsbegriff. Für das liberale Judentum ist der Offenbarungsprozess nicht abgeschlossen, er schreitet voran, so wie sich der Wille
Gottes fortwährend entfaltet. Dieser Offenbarungsbegriff ermöglicht eine Relativierung
der schriftlichen Tora durch das Korrektiv der mündlichen Tora, also interpretatorischen Eingriffen seit der Zeit der frühen Rabbinen. So wird im Judentum die Brücke zwischen vernunftmäßiger Einsicht und dem Text der Hebräischen Bibel geschlagen. Die unterschiedlichen Richtungen innerhalb des Judentums unterscheiden sich in der Intensität, mit der sie diesen interpretatorischen Eingriff für die Moderne zulassen.

Wir glauben an eine Entwicklungsmöglichkeit und -notwendigkeit der jüdischen Religion in Bezug auf Form und Inhalt, ganz im Sinne der Begründer der jüdischen Reformbewegung im 19. Jahrhundert. Ihre Devise war «Wir wollen positive Religion». Die Folgen dieses Appells vor 200 Jahren hat der jüdische Historiker Michael A. Meyer so beschrieben: «Die Gottesdienste sind nun würdiger, es wird eine moralisch erbauliche Predigt in deutscher Sprache gehalten, einige Gebete werden eher auf Deutsch als auf Hebräisch gesprochen, eine Orgel begleitet die Feier, und gewisse Gebete, insbesondere diejenigen, die von der Hoffnung auf die Rückkehr ins Land Israel, vom Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und der Wiedereinführung des Opferdienstes handeln, werden ganz und gar weggelassen.»

Die kastenartige Unterscheidung von Kohanim (Priestern), Leviten und einfachen Israeliten, die sich einst aus dem Tempeldienst ergab, wurde im liberalen Judentum ebenso abgeschafft wie die Notwendigkeit eines Minjans, eines Quorums von zehn Betern, für den öffentlichen Gottesdienst. Daneben ist vor allem die religiöse Gleichberechtigung von Männern und Frauen kennzeichnend. Als die Bankierstochter und Sozialarbeiterin Lily H. Montagu 1928 in Berlin als erste Frau in Deutschland in einem öffentlichen Gottesdienst predigte, da war das noch eine Sensation. Doch der Funke sprang über: Es war für viele moderne Frauen höchste Zeit, von den Frauenemporen herabzusteigen und aktiv und gleichberechtigt in das Gemeindeleben und den Gottesdienst einzugreifen. Die 1872 von Rabbiner Dr. Abraham Geiger (1810–1874) begründete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin zählte mehr und mehr weibliche Studenten, und 1930 erschien dort die Abschlussarbeit von Fräulein Regina Jonas: «Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?». Fünf Jahre später erhielt Regina Jonas (1902–1944) nach zähem Ringen um Anerkennung ihre eigene Ordinationsurkunde: als erste Rabbinerin weltweit. Inzwischen machen Frauen mehr als 50 % der Studierenden an liberalen Rabbinerseminaren aus, und auch das Abraham- Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam, das erste Rabbinerseminar in Deutschland seit der Schoa, nimmt Studentinnen auf.

Liberale Juden legen großen Wert auf die persönliche Einübung von Verantwortung und Gewissensentscheidung. Wir müssen selbst im Wissen um die Tradition abwägen, welche Gebote uns im Konfliktfall wichtiger sind. Ist es wichtiger, am Schabbat den öffentlichen Gottesdienst zu besuchen, oder wichtiger, am Schabbat nicht Auto zu fahren? Sollten wir an den Hohen Feiertagen durch den Ruf des Schofarhorns zur Buße angehalten werden, oder ist es besser, das Schofar nicht zu hören, weil es an einem Schabbat nicht getragen werden darf? Sollten wir Gebetstexte der Vergangenheit unangetastet lassen, auch wenn sie schon lange nicht mehr das aussagen, was wir für wahr halten? Und wenn wir sie ändern, dann nur in der deutschen Übersetzung oder auch im hebräischen Originaltext?

Für die Lösung dieser und anderer Fragen fordert das liberale Judentum den mündigen und an Wissen interessierten Menschen. Mit «Judaism light» hat das nichts zu tun. Rabbiner Leo Baeck (1873–1956) sagte es so: «Den Orthodoxen macht der Schulchan Aruch [das gängige religionsgesetzliche Kompendium des ausgehenden Mittelalters] vieles leichter, nur scheinbar schwerer: er hat die fertige Antwort, er hat die fertige Entscheidung; er weiß in jeder Stunde, was er tun soll und wie er es tun soll. Liberal zu sein ist so viel schwerer.»

Leo Baeck steht auch für die Bewusstseinswandlung des liberalen Judentums in Bezug
auf Eretz Jisrael und den jüdischen Staat. Zionismus war dem liberalen deutschen Judentum, aber auch der klassischen jüdischen Reformbewegung im Nordamerika des
19. Jahrhunderts fremd. Baeck aber konstatierte 1927: «Für uns ist Palästina kein Problem mehr, sondern eine Tatsache, die Gott vor uns hingestellt hat» und folgerte: «Für Palästina gilt die Frage: Wie soll sich dort das jüdische Leben entwickeln: Soll Palästina übergeben werden einerseits der Orthodoxie, andererseits dem russischen Nihilismus? Hier erwachsen dem religiösen Liberalismus wichtige Pflichten.» Sätze, die auch 60 Jahre nach der Staatsgründung Israels aktuell sind. Und im übertragenen Sinn auch für Deutschland.

Heute gibt es hier neben den orthodox ausgerichteten oder pluralistisch geprägten Einheitsgemeinden auch über 20 liberale jüdische Gemeinden, die zum großen Teil von Zuwanderern aus der früheren Sowjetunion getragen werden. «Dem Indifferentismus gilt der schärfste, der eigentliche Kampf des Liberalismus», schrieb einst Rabbiner Max Dienemann. Für die gut 212.000 russischsprachigen Zuwanderer jüdischer Herkunft, die seit 1989 nach Deutschland gekommen sind, trifft zu, dass sie meist ohne viel jüdisches Wissen aufgewachsen sind. Wir müssen sie heute an Formen jüdischer Religiosität heranführen und abwarten, in welche religiöse Tradition sie sich stellen. Einen Grund für deren verhaltenes religiöses Engagement sieht der Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde «Perusch» im Ruhrgebiet, Lev Schwarzmann, darin, dass russische Juden in ihrer Heimat von ihren Wurzeln getrennt waren. «Wenn diese Menschen ‚Religion’ hören, halten sie erst einmal Abstand.» Aber die offene, liberale Richtung gebe ihnen die Möglichkeiten, doch noch den Zugang zum Judentum zu finden: «Wir wollen unsere Religion nicht einfach hinnehmen, sondern uns mit ihr auseinandersetzen, wir wollen Formen finden, das Judentum in unser aktuelles Leben sinnvoll einzubinden», sagte Schwarzmann, der selbst vor 13 Jahren aus Moldawien nach Deutschland gekommen
ist, vor kurzem hier in der «Jüdischen Zeitung».

Das liberale Judentum fordert von mir Treue: Treue zu den Schriften vergangener religiöser Erfahrung, Treue zu den maßgeblichen Elementen, die meine Religionsgemeinschaft wesentlich und existentiell ausmachen und Treue gegenüber der «Wahrheit», die in meinem eigenen Traditionsgut verborgen ist und immer wieder an neue Generationen überliefert werden muss. Religiöser Pluralismus bedeutet, mit der Koexistenz unterschiedlicher Lesarten fertig zu werden. Dies gilt innerhalb des Judentums, aber auch darüber hinaus. Deshalb ist es dem liberalen Judentum auch wichtig, dass wir die Identität anderer Religionen ehren und anerkennen. Denn die Tradition lehrt uns: «Gott liebt die Gerechten. Warum? Weil ihre Tugend nichts Ererbtes ist. Selbst ein
Heide kann aber ein Gerechter werden. Denn die Gerechten kommen nicht aus einem bestimmten Stamm, sie haben sich diesen Vorzug erworben.» (Midrasch Tehillim zu
Psalm 146:8)

Rabbiner Leo Baeck, der das KZ Theresienstadt überlebt hatte, betonte schon 1946,
kurz nach der Katastrophe: Solange Juden in Deutschland leben, müssten hier auch jüdische Gemeinden bestehen, und sie sollten so gut wie möglich sein und dürften sich nicht als von der jüdischen Welt draußen abgeschrieben betrachten. 1948 war der Ehrenpräsident der Welt­un­ion für progressives Judentum dann erstmals nach seiner Befreiung wieder in Deutschland zu Besuch. Dass das liberale Judentum in Deutschland heute wieder eine Zukunft hat und lebendiger Teil einer weltweiten Gemeinschaft ist, das beweist auch das Treffen junger liberaler Juden, das jetzt vom 6.–9. November in Berlin stattfindet: Junge Erwachsene aus ganz Europa kommen hier zusammen, um gemeinsam an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren zu erinnern, gemeinsam zu lernen, zu beten und zu feiern.

Walter Homolka

«Jüdische Zeitung», November 2008