Reich-Ranickis Rache

Ein Land, sein Fernsehen und sein Kritikerpapst


Marcel Reich-Ranicki (88) bei Gottschalks «Wetten dass?»: Sternstunde der Fernsehunterhaltung oder gelungener PR-Gag?

Foto: dpa

Ein Medienspektakel sondergleichen – seit Wochen ist es in aller Munde und macht genauso viel Wirbel wie zu Beginn. Marcel Reich-Ranicki hat die Annahme des Fernsehpreises für seine TV-­Präsenz verweigert – für die einen eine «Sternstunde des Fernsehens» (ZDF-Intendant Schächter), für die anderen eine Beleidigung (Schauspielerin Ferres) oder gar ein Zeichen schlechter Erziehung (Sportmoderatorin Müller-Hohenstein). Unterm Strich: Ein Skandal.


Er macht sehr viele betroffen, unter anderem auch Menschen, die seit Jahren ohne Fernseher auskommen und sich dabei glücklich schätzen. Endlich können sie laut sagen: Wir haben Recht und ihr sollt uns folgen. Die Statistik bestätigt: Die Unzufriedenheit mit dem Programmangebot wächst und äußert sich in der steigenden Zahl von GEZ-Abmeldungen. Dazu kommen wir noch.

Schon am Tage nach dem Eklat Anfang Oktober meldete sich der Medienspezialist für Skandale, die Bild-Zeitung. Der weitere Verlauf entspricht dem typischen Bild-Management: täglich erschienen Berichte über neue Wendungen, immer weiter vom Thema entfernt. Reich-Ranicki traf sich nach dem Eklat mit dem Multimillionär-Moderator Thomas Gottschalk für eine halbstündige Sendung, die einige Tage später ausgestrahlt wurde.

Die Auseinandersetzung zwischen Elke Heidenreich (Moderatorin der Sendung «Lesen!») und dem ZDF fand mehr Aufmerksamkeit als das Hauptthema (Zustand der TV-Programme), und bald erreichte die Stimme von Günter Grass die Medien – er wollte seinem Erzfeind auch eins auswischen, bevor es zu spät war. Passend dazu wird in den deutschen Zeitungen Werbung mit einem Foto des polternden «MRR» publiziert, dann noch eine. Danach schickte man Heidenreichs Sendung ins Nirwana – wieder scheiden sich die Geister: hier pro ZDF als Arbeitgeber, der keine Kritik zulassen darf, und dort gegen den Sender, der keine Kritik ertragen kann.

Reich-Ranicki selbst lässt Heidenreich im Regen stehen: Er kritisiere nur die Preisverleihungsshow und nicht das gesamte Fernsehen. Inzwischen melden sich weitere Ihro und dero Prominenzen zu Wort, worauf das Publikum nur «Achs» und «Oohs» verteilen kann. Erst nach drei Wochen wird das Szenario abgeschlossen – der Boulevard hat einmal mehr gewonnen. Am Ende bleibt nur eine Frage: Warum nur hat niemand einen gewissen Martin Walser dazu interviewt? Den, der für den Tod eines Kritikers zuständig ist

Jetzt stellen wir uns für eine Minute vor, die Aufzeichnung der Selbstbeweihräucherung des MRR wäre von Profis vorbereitet gewesen, die dazu noch einen Schuss Menschlichkeit und Schlauheit besessen hätten. Das könnte ungefähr so ausgesehen haben: Zu Beginn der mehrstündigen Inszenierung trifft die Regie eine Absprache mit der Moderation und dem 88-jährigen MRR, nach dem Motto «Lieber Literaturpapst, das wird zu mühselig für Sie, wir nehmen Ihre Laudatio und die Preisübergabe gleich zu Beginn auf, Sie können den Saal verlassen, und wir richten das bei der Endmontage am Ende der Sendung als eine gebührende Krönung aus usw.». Alle wären glücklich und es hätte keinen Skandal gegeben. Die Qualität des Fernsehens wäre zwar dieselbe geblieben, sie wird aber auch ohnehin dieselbe bleiben, nur dass nun einiges in Scherben liegt. Dazu gehört aus meiner Sicht in erster Linie das Renommee von allen leitenden Persönlichkeiten, die am Abend der Aufnahme anwesend waren. Darin hat Heidenreich (in der «FAZ») Recht: Keiner hat sich vor dem alten Greis für die für ihn grausigen Stunden entschuldigt, bis jetzt nicht. Wortwörtlich: Sein Gang zur Bühne war von Standing Ovations begleitet, was will er noch? Keiner von ihnen hat sich die Mühe gegeben, sich in seine Lage hineinzuversetzen. Ein Armutszeugnis!

Weitere Glieder dieser Kette sehen nicht besser aus. Der ZDF-Intendant nickt ins Kamerabild dem Vorschlag Gottschalks zu, bei einer einstündigen Sendung mitzudiskutieren. Es gibt keine solche Sendung, nur Smalltalk zwischen Reich-Ranicki und Gottschalk. Was bei der Endmontage der Preisverleihung mit verharmlosenden Kürzungen unternommen wurde, macht man hier mit Kameraführung und Sound­untermalung noch deutlicher, nämlich dass alles nur eine Salonunterhaltung aus alten Zeiten oder gar eine Clownerie ist – bitte nicht ernst nehmen. Sarkasmus und Spott strömen, das eigentliche Thema wird vom Fernsehen erfolgreich beschwiegen und verdrängt. Exemplarisch dafür stehen einige Sprüche Gottschalks, insbesondere nachdem Reich-Ranicki den Saal verließ: «Jetzt sind wir wieder unter uns und können weitermachen».

Das Fernsehen hat eine nicht jedem bewusste Eigenschaft: Es stellt eine persönliche Beziehung zum Gesicht auf dem Bildschirm her. Zuschauer bekommen das Gefühl, die TV-Personen intim zu kennen, das ist eine durchaus emotional geladene Annäherung, auch wenn sie einseitig ausfällt. Das einigt das Medium mit der Boulevard-Presse. Hier werden Idole aufgebaut, in unseren Tagen sind das Moderatoren, denen eine Vorbildfunktion aufgetragen wird und über die aufs Heftigste diskutiert werden kann. Dazu kommt die zweite Komponente, die allerdings nicht nur TV und Regenbogenpresse gemeinsam ist, sondern sich mehr und mehr durch die gesamte Gesellschaft zieht: Häme und Schadenfreude.

«Fertigmachen» wird zum Volkssport, zum Inhalt von unzähligen Shows, zum Hintergrund der Berichterstattung. Karnevalisierung ersetzt die Vermittlung wesentlicher Inhalte. Egal, mit welchem Sinn im Hinterkopf einer ins Medium einsteigt, das Medium verarbeitet und inkorporiert ihn nach seinen eigenen Gesetzen. Die Montage der Bilder fällt mehr ins Gewicht als das Gesagte – zum Beispiel wenn ein weises Wort eines Redners mit dem dummen Blick seines Zuschauers zusammengeschnitten wird. Und wenn alles farblos und trivial ist, braucht das Medium einen scharfzüngigen Pauschalisierer, der provoziert und teilt. Davon lebt das Fernsehen. In den Augen der TV-Macher sind das die Sternstunden, unabhängig von den Inhalten der Kontroverse. Insofern macht Reich-Ranicki ganz im Sinne des Mediums mit, paktiert mit Intendanten auch dann, wenn sie ihn sitzen lassen, und beteiligt sich am Blödsinn, auch wenn er sich hin und wieder rächt und das als Blödsinn benennt. Intendanten merken nie, wenn sie jemanden demütigen. So werden sie nie und nimmer etwas ändern, weil sich immer ein Reich-Ranicki findet, der mitmacht. Aus seiner subjektiven Sicht vertritt er das Gute auf dem Feld der Blöden.

Es gibt aber noch eine Komponente, die bisher kaum den Weg in die Zeitungen gefunden hat und sich vielleicht eher in den vielen Leserzuschriften im Internet spiegelt (einfache mündige Menschen sind hier irgendwie weiter als Profischreiber). Die in ihrer Dimension einmalige Diskussion, die wochenlang das lesende und schreibende Publikum beschäftigt, ist eine Ersatzdebatte. Im Protest Reich-Ranickis erkennt die vox populi sich selbst wieder, sie bäumt sich dagegen auf, manipuliert zu sein, von denen, die da oben sind. Reich-Ranicki hat dieses diffuse Unwohlsein mit seinem Auftritt exemplarisch akkumuliert.

In den Leitmedien wird die Kritik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das der Programmpolitik der privaten Sender gefährlich nahgekommen ist, durch die Personalisierung und Boulevardisierung des Konfliktes ersetzt. Nur von Harald Martenstein -«Intelligenz und Kritik sind verdächtig geworden, fast überall in den Medien» –, Jörg Magenau (beide im «Tagesspiegel») – «Das Fernsehen macht Bücher tendenziell unwichtiger und wertet die Bedeutung der Autoren auf. Es verwandelt Schriftsteller in Selbstdarsteller, die sich wie Verkäufer ihrer selbst verhalten müssen» – sowie von Roger Schawinski in der «NZZ» – «In Deutschland gibt es private und öffentlich-rechtliche Sender, beide sollten unterschiedliche Aufgaben und Standards haben. ARD und ZDF schlagen jedoch einen fatalen Weg ein. Sie haben keine Mittel, um Zuschauer unter 50 Jahren anzusprechen, deshalb kopieren sie die Privaten wie RTL oder Sat 1» –
liegen kluge Analysen vor.

In unzähligen Kommentaren im Internet stöhnt das Fernsehvolk, allerdings im sicheren Wissen, dass dies von denen da oben ignoriert werden wird. Leute beklagen sich ob der Unmenschlichkeit auf dem Bildschirm. Gottschalk und Co. plaudern weiter von ihrem Erfolg und von der Arroganz der Elite. Die Politik, die im Fernseh­rat vertreten ist, hat sich mit keinem einzigen Wort in der Öffentlichkeit gezeigt, sie weiß vom Problem womöglich gar nicht. Alles bleibt beim Alten – gute Moderatoren (die sich zu benehmen wissen) verdienen weiter, die bösen (die es wagen, zu kritisieren) werden zur Schnecke gemacht. Ob sie gute oder schlechte Arbeit machen, interessiert nicht, sondern nur, ob sie konform sind.

In diesem Sinne erlaube ich mir eine Schlusspointe: Die aus der Sicht der ZDF-Intendanz «unverhohlen aggressive» Heidenreich bekam ja auch einen Preis. Der Laudator Heiner Geißler erklärte ihren Erfolg damit, dass sie nie Kritik übe, sondern lobe. Die alten TV-Idole folgten noch dem eigenen guten Geschmack, die jüngeren dienen dem Verkauf, die jüngsten verbreiten allerdings nur Feuchtgebiete, wobei ich schon wieder bei der Häme bin, diesmal meiner eigenen.

Grigori Pantijelew

«Jüdische Zeitung», November 2008