Lichterwelten


«Weihnukka» – im Dezember feiern Juden
Chanukka, das Weihefest, und Christen
Weihnachten, die Geburt ihres Messias. Foto: dpa

Wo man hinblickt – Lichter. Neonröhren, Glühlampen, Energiesparlampen, Öllampen, Fackeln, Kerzen und ein paar Hoffnungsfunken in einer dunklen (Jahres-)Zeit. Nicht zufällig wurde die Geburt des christlichen Messias auf der nördlichen Erdhalbkugel auf die kürzesten Tage des Jahres gelegt. Nicht zufällig feiern die Juden das «Lichterfest», Chanukka, im finstersten Monat des Jahres.

«Die Natur des Lichts wird wohl nie ein Sterblicher aussprechen; und sollte er es können, so würde er von Niemandem, so wenig wie das Licht, verstanden werden», schrieb Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief aus dem Jahre 1810. Licht – das ist eben mehr als «elektromagnetische Strahlung im für den Menschen sichtbaren Bereich», wie uns die Physiker zu verstehen geben. Mit «Licht» beginnt die biblische Schöpfungs- geschichte. Ein «Licht» ging für die Christen über Bethlehem auf, dessen geografische Lage weiterhin umstritten ist. Ein «Licht» soll von den Makkabäern im 165 v.u.Z. zurückeroberten Tempel in Jerusalem entzündet worden sein, um den Ort zu weihen. Zwar reichte das kleine Fläschchen Lampenöl, so die Legende, an sich nur für eine Nacht, aber es brannte am Ende acht Tage lang. Ein Wunder.

«Nes Gadol Haja Scham», «Ein großes Wunder geschah dort», heißt es also in der Chanukka-Überlieferung , und so steht es noch heute auf dem Spielzeugkreisel, dem Dreidel, den die Kinder zu diesem Fest rotieren lassen «N»-«G»-«H»-«S». Das sind die Initialen auf den sechs Flächen des kleinen Würfels mit dem Stiel.

«Nischt»-«Ganz»-«Halb»-«Schtellen» wurde daraus im Jiddischen. Von dort nämlich stammt der Dreidel-Brauch, aus dem jiddischsprachigen Vorkriegs-Osteuropa. Heute liegt das Herz von «Jiddischland» über dem großen Teich, wie ein Besuch in New York verrät.

«„Nischt“ haben wir in der Hand» – das denken sich heute viele russische Juden aus der ehemaligen Sowjet-union, die bei der Integration in Deutschland ganz eigene Erfahrungen machen müssen und in der Politik noch zu wenig Orientierungshilfe finden.

«„Ganz“ Israel wollen wir» – sagen die messianischen jüdischen Siedler in ihrer Enklave in der palästinensischen Stadt Hebron/Al-Chalil und schrecken beim Kampf um jeden Quadratmeter des Westjordanlands auch vor Gewalt gegen die eigenen Leute nicht zurück.

«Halb», so will es der jüdische Kantor in Potsdam, Ud Joffe, der auch dieses Jahr wieder das Weihnachtsoratorium Johann Sebastian Bachs für die evangelische Erlöserkirchen- gemeinde dirigiert, nicht handhaben.

«Schtellen» werden sich die Attentäter des grausamen Blutbades im indischen Bombay, bei dem auch neun religiöse Juden ums Leben kamen, der Welt nicht so leicht. Es bedarf des Lichtes in dieser Zeit. Viel Licht!

Und so werden in diesem Dezember wieder die Kerzen gegen die Dunkelheit und gegen die Gewalt auf dem achtarmigen Chanukka-Leuchter angezündet. Ob die Kerzen das «Koscher»-Prädikat vom Berliner Rabbiner Ehrenberg erhalten haben, muss jedoch noch längst kein Indiz für uneingeschränkte Gültigkeit sein. Andere halten es da lieber mit «Weihnukka», der Vermengung der Lichterfeste der beiden großen monotheistischen Religionen Judentum und Christentum, und besuchen den vom Berliner Jüdischen Museum zum vierten Mal ausgerichteten «Weihnukka»-Markt.

Aber alles hat seine Grenzen. Dass die Kirche in Bayern die Judenmissionierung untersagt, hat auch seine Gründe. Man kann sich eben auch übers Licht streiten.

«Jüdische Zeitung», Dezember 2008