Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Jüdischer Alltag in Deutschland
Politiker brüsten sich gern mit dem wiedererstarkten jüdischen Gemeindeleben. Doch der neue Existenzkampf der alten Juden findet heute in den Sozialämtern statt. Am 9. November erstarrt Deutschland eine Schweigeminute lang in Erinnerung an die schrecklichen Verbrechen der Nazis. Das Ritual ist vertraut: Es werden Kränze niedergelegt, und die deutschen Politiker reden beschämt über die deutsch-jüdische Geschichte und stolz über die deutsch-jüdische Gegenwart. Sie rücken mit meist älteren, aus der Sowjetunion zugewanderten jüdischen Gemeindemitgliedern unter die Regenschirme zusammen, und ihnen allen läuft es beim Gedenken an das, was 1938 passierte, eiskalt den Rücken hinunter. Eine Schweigeminute lang eint sie - Die jüdischen Menschen hingegen, in Gedanken an ihre umgebrachten und verfolgten Familien versunken, gehen Seit 1989 hat Deutschland sich neue Juden aus der Sowjetunion geholt und sich seitdem entspannt zurückgelehnt: Sie werden es schon selbst regeln, heißt es in der Politik, die sich auf der Garantie von Hartz IV und sozialer Grundsicherung für Zuwanderer ausruht und die Aufgaben der sozialen Integration an die jüdischen Gemeinden überträgt, die dafür weder qualifiziert noch geschaffen sind. Indes ist das Problem erheblich und sollte uns allen eigentlich peinlich sein: die Massenarmut alter jüdischer Menschen – und damit eines Großteils von deutschen Und so ist die neue deutsch-jüdische Realität von drei weitgehend verdrängten Widersprüchen gekennzeichnet. Der schmerzhafteste Widerspruch der neuen jüdischen Lebensschicksale ist derjenige zwischen dem sozialen Status vor und nach der Zuwanderung. Denn trotz staatlichem Antisemitismus zählten die jüdischen Menschen in der Sowjetunion zu Sozial- und Bildungseliten. Aller Diskriminierung zum Trotz kämpften sich die sowjetischen Juden durch und wurden zu führenden Wissenschaftlern, Ingenieuren, Ärzten und Künstlern. Dies spiegelt sich auch in den Statistiken: Die jüdischen Zuwanderer bringen mehrheitlich akademische Abschlüsse mit. Viel wichtiger noch: Sie bringen ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen mit, die faszinierend und beeindruckend zugleich sind. In Deutschland angekommen, verlieren diese Menschen die Sprache und damit auch die Möglichkeit, diese Lebensgeschichten zu erzählen. Schlimmer noch, ihre Lebensgeschichten werden ihnen auch sozial aberkannt – sie werden auf das Sozialamt geschickt. Indessen lebt die Öffentlichkeit ihre Stereotype weiter. Der weitere Widerspruch findet sich nämlich zwischen dem konstruierten und dem realen deutschen Judentum. Er prägt weitgehend die öffentliche Wahrnehmung der jüdischen Gemeinden. Rund 40 Prozent der Deutschen stimmen der Aussage «Juden haben zu viel Einfluss» zumindest teilweise zu. Dass dieses Bild nichts mit unserer Realität zu tun haben kann, ist so klar wie grotesk: Nicht mal auf die Sachbearbeiter ihrer Sozialämter haben die älteren jüdischen Menschen einen Einfluss. Wer heute eine Funktion in einer jüdischen Gemeinde übernimmt und der russischen Sprache mächtig ist, kann sich vor Anrufen weinender und resignierter jüdischer Alter kaum retten: Vielen wird das letzte kleine Geld mal aus Missverständnis, mal mutwillig gestrichen, weil ein Nachweis für dieses und jenes fehlt, weil man dieses Der dritte Widerspruch der heutigen deutsch-jüdischen Existenz ist einer zwischen politischer Rhetorik und ihrer humanitären Relevanz. Bereitwillig nutzt die deutsche Politik die neue jüdische Existenz als Zeichen der eigenen demokratischen Emanzipation. Kaum eine Rede von deutschen Politikern zur deutschen Vergangenheit, aber auch häufig zur deutschen Gegenwart, kommt ohne den Ausdruck der Freude und Dankbarkeit dafür aus, dass es in diesem Lande wieder ein jüdisches Leben gibt. Die abstrakte Existenz jüdischer Gemeinden in Deutschland ist politisch viel wert, die konkrete und würdige Existenzsicherung jüdischer Menschen im Alter scheint da von geringerer Relevanz zu sein. Auch die neue, zweifelsohne begrüßenswerte Erklärung des Deutschen Bundestages zum Jahrestag der Novemberpogrome bekennt sich zur Förderung jüdischer Institutionen. Jüdische Menschen als Individuen und damit ihre Schicksale kommen dort gar nicht vor. Nun könnte man diese drei Widersprüche einfach aussitzen: Der junge russischstämmige jüdische Nachwuchs in Deutschland integriert sich und ist erfolgreich. Das Problem der Alten wird sich in einigen Jahrzehnten von selbst lösen. Aber ist diese Taktik der Spiegel, den wir uns als Gesellschaft im Umgang mit den älteren jüdischen Migranten vorhalten lassen wollen? Sergey Lagodinsky ist Jurist und Publizist. |