«Ich hätte das nicht geglaubt»

Merkel mahnt bessere Integration an

Staatsministerin für Integration Maria Böhmer
und Nicholas R. Werner, Herausgeber der «Jüdischen Zeitung». Foto: Lorenz

Bekanntlich soll man ja die Feste feiern, wie sie fallen. Auf politischem Parkett kommt bei großen Feiern nicht selten eine Selbstbeweihräucherung dazu, all zu oft haben wir das gerade im Bereich der Integration erlebt.


Nicht so beim Festakt «Ein Amt im Wandel» zum 30-jährigen Bestehen des Amtes der «Beauftragten der Bundes- regierung für Migration, Flüchtlinge und Integration» Ende November im Berliner Bundeskanzleramt. Viele der etwa 200 Gäste hatten ganz sicher Reden und Grußworte erwartet, die die Arbeit und die Ergebnisse des Amtes über Gebühr «über den grünen Klee» loben würden. Doch Bundeskanzlerin Merkel thematisierte bei allen Glückwünschen und positiven Bilanzen dennoch die aktuellen Probleme und legte ihren Finger immer wieder auf böse Wunden. Sie stellte klar, dass Integration keineswegs eine großmütige, karitative Tat der Bundesrepublik Deutschland sei, sondern die Zukunft unseres Landes davon abhänge, wie gut man hier miteinander lebe, «sonst sieht es schlecht aus», so Merkel. Die viel beklagte Abwanderung von Industrieunternehmen und Know-how ins Ausland sah die Spitzenpolitikerin auch darin begründet, dass etwa die Hälfte der jungen Arbeitnehmer in den Industriezentren Deutschlands einen Migrations- hintergrund hätte, Bildungserfolg jedoch noch häufig von der Herkunft abhängig wäre und somit ein Fachkräftemangel vorprogrammiert sei, was schließlich zu Standortsuchen an- derswo führe.


«Unser Wohlstand hängt von der Bildung ab», betonte Merkel. Es sei ihr unverständlich, dass noch immer Umwege bei der Ausbildung für Migranten vorgesehen seien. Sie berichtete von einem Besuch im Ausbildungszentrum einer großen deutschen Bank: künftige Azubis mit ausländischen Familiennamen würden einer «Vor-Prüfung» unterzogen, obwohl sie teilweise hier geboren und aufgewachsen seien und die gleichen Schulen besucht hätten, wie ihre deutschen Mitbewerber. «Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, ich hätte das nicht geglaubt», beklagte Merkel, und ich muss gestehen, auch ich würde das nicht für möglich halten, wenn es mir auf dem Festakt nicht so deutlich vor Augen geführt worden wäre. Es gehe nicht darum, nur ein Zuhause zu haben, sondern sich auch zu Hause zu fühlen, richtete die Kanzlerin das Wort dann an die anwesenden Migranten und ihre Verbände. Merkel ermutigte uns dazu, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, uns selbst einzubringen und nicht nur darauf zu warten, dass die Aufnahmegesellschaft uns führen würde. Zugleich mahnte Merkel bei uns Offenheit gegenüber den Deutschen an.


Fast noch eindringlicher habe ich die Worte von Gualtiero Zambonini, Beauftragter für Integration beim WDR empfunden. Er verdeutlichte, «wie sehr aus Verletzungen un-berwindbare Gräben – auf der anderen Seite aber auch Solidarität» entstehen könnten, so geschehen nach dem ausländerfeindlichen Brandanschlag in Solingen 1993. Zuver- sichtlich schlug er einen Paradigmenwechsel in der Grundhaltung zur Integration vor und stellte eine Vision in den Raum: Aus «Wir Deutsche» ein «Wir in Deutschland» zu machen. Merkel hingegen hatte festgestellt, dass die Mitverantwortung von uns Zuwanderern für die gemeinsame deutsche Gesellschaft noch kein Grundgefühl sei. Auch Zambonini be- tonte den wirtschaftlichen Aspekt der Zuwanderung und regte an, diesen als Stärkung des Standortes Deutschland mehr in die Argumentation einzubringen. Zugleich forderte er, die Einwanderung nicht nur aus arbeitsmarktpolitischer, sondern eher aus gesellschafts- politischer Sicht zu betrachten. Sehr zu denken gab mir Zamboninis Hinweis, Vielfalt zu genießen, heiße zugleich, sie auch aushalten zu können oder sein mahnender Hinweis darauf, dass man in diesem Zusammenhang Grenzen auch durchaus anerkennen müsse.

 

In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit den ehemaligen Beauftragten Cornelia Schmalz-Jacobsen und Marieluise Beck sowie der gegenwärtigen Amtsinhaberin Maria Böhmer, machte Schmalz-Jacobsen deutlich, dass «Integration von denen gemacht wird, denen es schlechter geht als uns hier beim Festakt». Ihre Nachfolgerin Beck versuchte zu sensibilisieren und bat vor allem um Eindeutigkeit: «Zu»-Wanderung heiße, so Beck, lediglich am Rand der Gesellschaft zu leben, «Ein»-Wanderung hingegen, das man integraler Bestandteil sei. Schließlich appellierte Maria Böhmer nochmals an uns Deutsche mit Migrationshintergrund, uns selbst auch wirklich als Deutsche zu verstehen: «Du bist doch Türke» sollte in den Einwandererfamilien kein Argument mehr zur Sicherung der eigenen Identität sein. «Ich wünsche mir, dass bald nicht mehr der Name zählt, sondern das Können», so Böhmer abschließend, mit der ich einen Besuch unseres Verlages und ein ausführliches Gespräch über die Ergebnisse ihrer Amtszeit für das Frühjahr vereinbart habe.

Herausgeber Nicholas R. Werner

«Jüdische Zeitung», Januar 2009