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Daniel Hope über göttliche Musik, die Nazizeit, |
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Daniel Hope Foto: Steven Haberland/Deutsche Grammophon |
aniel Hope, der 1974 in Südafrika geboren wurde, begann bereits mit vier Jahren mit dem Violin- spiel. Nachdem seine Familie von Südafrika über Paris nach Eng- land gezogen war, studierte Hope am Royal College of Music. Zudem erhielt er Unterricht bei Yehudi Menuhin, der seine Karriere auch in den kommenden Jahren unterstützte. Von 2002 bis 2008 war Hope Mitglied des Beaux Arts Trios. Neben den großen klassischen Werken bilden auch die Werke moderner Komponisten und Uraufführungen einen festen Bestandteil seiner Konzert- programme.
2007 veröffentlichte Daniel Hope sein Buch «Familienstücke» (Rowohlt Verlag. 319 Seiten, 19,90 Euro), in dem er sich auf Spurensuche nach seiner deutsch-jüdischen Familiengeschichte begibt. Zum 70-jährigen Gedenken an die „Reichskristallnacht“ initiierte der Geiger am 9. November 2008 ein viel beachtetes und von viel kultureller Prominenz zwischen Klaus Maria Brandauer, Till Brönner, Hélène Grimaud, Menahem Pressler und Thomas Quasthoff gestaltetes Benefiz-Konzert in Berlin.
Herr Hope, in Ihrem Buch über Ihre Familiengeschichte zitieren Sie zustimmend einen Satz Victor Hugos: «Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.» Haben Sie Scheu, manches zu sagen? Etwas, was Sie nur durch Musik ausdrücken können?
Nein, nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr nichts sagen. Ich kann auch nicht nichts tun. Darum ging es auch bei dem Benefizkonzert «Tu Was!», das ich zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht Anfang November in Berlin organisiert habe. Es ging um ein positives Statement. Viele Musiker verstecken sich eher hinter ihrer Musik – das haben sie schon immer gemacht und werden sie immer tun.
Sie auch?
Es ist ein wunderbarer Ausweg. Gott sei Dank gibt es diese Möglichkeit, die schweren Momente im Leben durch Musik kurz zu vergessen, wenn man tief in die Musik eintaucht. Das wird immer auch bei mir so sein. Aber dennoch: Wenn ich gegen etwas bin, dann muss ich es auch sagen. Das kommt vor allem von meinem Vater, der uns gelehrt hat, wie er unsere Meinung zu sagen, etwa gegen die Apartheid. Sag, was du denkst.
Andererseits sind viele Musiker unpolitisch, als ob Politik etwas Schmutziges sei.
Viele Musiker haben nur ihre Musik im Kopf – und das ist keine schlechte Sache. Die Musik ist so reich. Sie reicht für 50 Leben. Es wäre ja dumm von mir zu sagen: Weil du Musiker bist, musst du dich politisch engagieren. Ich kann nur von mir sprechen. Mich interessieren zu viele andere Sachen. Die Musik ist Teil des gesamten Lebens. Das eine existiert nicht ohne das andere. Deshalb muss ich mich einmischen. Aber ich kann das nicht von anderen verlangen.
Wenn die Leute sagen, dass Musik etwas Göttliches ist: Können Sie etwas damit anfangen?
Ja. Sie ist etwas Sinnliches und Göttliches, absolut.
Im direkten Wortsinn oder im übertragenen? Scheint etwas von Gott auf in Musik?
Für mich ja. Aber es kommt auf die Haltung zu Gott an. Es kommt auf die religiösen Gefühle an, die man selber hat. Für mich ist da etwas, was nicht aus dieser Welt kommt. Und wenn ich eine Phrase von einer Schubert- Sinfonie, einem Beethoven, einem Bach – oder eigentlich alles – spiele, dann gibt es Momente, bei denen du nicht mehr weißt, hörst du gerade Musik an oder ist es pure Emotion, die du gerade hörst. Du schaltest ab. Du hebst ab. Du weißt nicht, wo du bist. Weil diese Musik etwas mit dir macht. Es passiert etwas mit dir. Wissenschaftler können das bestimmt auf irgendwelche Gehirnsynapsen zurückführen. Ich führe das auf etwas anderes zurück, etwas, was du nicht beschreiben kannst. Da ist etwas Göttliches dabei für mich.
Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Ja, bin ich.
Sie sind Katholik und schreiben dennoch so viel über Ihre jüdische Familiengeschichte. Denken Sie manchmal, dass Sie eigentlich auch ein guter Jude wären?
(lacht) Ich bin Katholik, katholisch getauft, aber protestantisch konfirmiert worden, das heißt, ich dürfte mich, glaube ich, nie in einer katholischen Kirche zeigen. In früheren Jahrhunderten wäre ich exkommuniziert worden. Aber ob ich ein guter Jude geworden wäre? Ich weiß es nicht. Viele Religionen und Kulturen faszinieren mich sehr. Und die jüdische Kultur ist für mich unheimlich wichtig. Ich spüre da eine große Verbundenheit. Durch meine Biographie, aber auch durch die Musik. Durch die jüdische Art und Weise, Musik zu machen.
Wie Ihr großer Lehrmeister Yehudi Menuhin?
Und viele andere, viele andere Geiger insbesondere. Diese Art des Ausdrucks – da ist etwas. Das ist eine jüdische Ausdrucksart. Ich hasse eigentlich Verallgemeinerungen, aber da gibt es etwas, was ich sehr verehre und respektiere.
Es gibt diesen ziemlich witzigen Ausdruck, dass die weltweit besten Geiger eine «Koscher Nostra» seien.
Ja. (lacht) Das passt genau.
Aber warum ist das so? Warum sind so viele hervorragende Geiger jüdischer Herkunft?
Ich kann es nicht erklären. Ich kann nur sagen, dass die Geige von allen Instrumenten, die ich kenne, die größte Nähe zur menschlichen Stimme hat. Es gibt da eine direkte Verbindung zu dem Gesprochenen und dem Gesungenen. Die Emotion, die man durch eine Geige hervorrufen kann, ist etwas sehr Menschliches. Ich glaube, die großen Geiger, von denen Sie sprechen, kamen aus sehr musikalischen Familien, in denen Gesang extrem wichtig war, in denen die Mütter immer Kinderlieder gesungen haben. Es gab da immer Musik. Und vielleicht ist da irgendetwas hängengeblieben. Auf der anderen Seite gab es die These, weil viele große Geiger wie etwa David Oistrach aus Odessa stammten, dass es wohl an dem dortigen Wasser lag.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Singfreude in Ihrem irischen Familienzweig bei Ihrer Entwicklung auch eine Rolle gespielt haben könnte.
Ich habe einfach verzweifelt gesucht, worin meine Neigung wurzelt. Ich höre häufiger von Eltern: «Meine Tochter würde gern Geige spielen, ich bin kein Musiker – sie hat keine Chance, oder?» Ich sage dann immer: «Unsinn! Ich glaube nicht, dass du nur Musiker werden kannst, wenn du aus einer musi- kalischen Familie kommst.» Ich glaube es nicht. Es hilft vielleicht, in der Familie den Kontakt zur Musik zu haben, klar. Aber ich glaube, dass jeder musikalisch ist, auf seine Art und Weise. Die Frage ist nur: Wie kommt man dazu, dies zu fördern, wenn du das willst.
Sie hatten natürlich mit Menuhin einen unglaublichen Förderer, der Sie über eine ganze andere Ecke gefärbt hat: Ihre Mutter war seine Managerin.
Zuerst war sie seine Sekretärin, durch Zufall ist sie da gelandet. Ihr ging damals in England das Geld aus, und so kam sie über eine Teilzeit-Agentur zu Menuhin, für ein paar Wochen. Und aus den paar Wochen wurden dann 26 Jahre, davon über 20 Jahre als seine Managerin. Das bedeutete: Die ersten siebeneinhalb Jahre habe ich in seinem Haus verbracht, weil sie täglich zur Arbeit dorthin ging und mich mitgenommen hat. Ich hatte keine Wahl, als diese Atmosphäre bei Menuhin aufzusaugen. Ich hätte sagen können, das ist nichts für mich. Aber ich habe dann gemerkt: Ich will Geiger werden.
Aber war das nicht zugleich abschreckend, weil Sie fürchten mussten: So gut wie er, werde ich vielleicht nie?
Er war sowieso unreal. Man konnte sich nie mit Menuhin vergleichen – wie denn? Kann man nicht. So etwas zu denken kam nicht in Frage. Ich hatte ganz andere Probleme zu diesem Zeitpunkt. (lacht) Es wäre ein Witz gewe- sen, überhaupt bei der Geige in diese Nähe zu kommen. Das schaffst du so- wieso nicht. Gut, sagte ich mir, dann musst du was anderes machen. Da er aber kein großes Interesse, Gott sei Dank, an mir gezeigt hat in den ersten 16 Jahren, war ich frei, meinen Weg zu gehen. Man trifft sich ja immer zweimal im Leben. Und dann haben wir uns eben noch einmal getroffen. Dann ging es los. Bis dahin hatte ich die Zeit, das Instrument ein bisschen zu lernen, das tech- nische Know-how mir anzueignen, die Bühnenerfahrung langsam zu sammeln. Deshalb konnte ich etwas kontern, als er sagte: Gut, dann dirigiere ich, und wir gehen zusammen auf Tour. Hätte ich das mit acht oder neun Jahren gemacht, würde ich heute hier nicht sitzen. Das hätte ich nicht gebracht. Denn neben ihm zu stehen und nicht zu wissen, wie man das macht, wäre schrecklich gewesen.
Sie beschreiben in Ihrem Buch ja die eine Szene, als sie erstmals bei ihm vorspielen. Da sagt er: Ich hätte das anders interpretiert als du, aber es ist gut interpretiert. Das war ein gewagtes Stück, dass Sie ihm eine Version vorspielten, von der Sie wussten, er würde sie wohl nicht mögen.
Das Problem ist: Jedes Stück gehörte ihm. Du kannst aus der Violinliteratur kein Stück finden, das er nicht entweder mit Bruno Walter, Wilhelm Furt- wängler oder Arturo Toscanini eingespielt hat. Nach Menuhins Debüt in Berlin hat Albert Einstein gesagt: Jetzt weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt. Bela Bartok hat gesagt – nachdem Menuhin Bartok gespielt hatte – er habe nie gedacht, dass jemand sein Werk so gut spielen könnte. Es gab nichts, was Menuhin nicht gehörte. Deshalb habe ich es immer umgedreht: Gut, sagte ich mir, dann hast du nichts zu verlieren. Weil er das nie im Leben so machen würde wie du. Aber wenn er es nur ein bisschen mag... Das heißt, wenn ich Kritik bekomme, versuche ich immer, das ernst zu nehmen, es zu analysieren und damit zu arbeiten. Das finde ich sehr wichtig, dass man wissen muss: Woran kann ich arbeiten.
Es gibt ja diese Widmung von Menuhin auf dem Programm Ihres ersten Konzerts 1989. Er schrieb, dies Konzert sei so etwas wie eine Feuertaufe gewesen, worauf er ergänzt: Es sei auch eine Art Bar Mizwa gewesen. Bedeutet das, dass er Sie immer auch etwas als einen jüdischen Jungen gesehen hat?
Ein bisschen ja. Mein Vater ist ja der katholische Teil meiner Familie, meine Mutter kommt aus dieser großen Mischung mit sehr großer Tendenz zum Jüdischen. Und Menuhin brachte mich mehr mit meiner Mutter in Verbindung als mit meinem Vater.
Glauben Sie, da ist etwas dran: War das tatsächlich die Feuertaufe für Sie?
Ja, es war das Mendelssohn-Konzert für Violine und Orchester in e-moll.
Das Sie jetzt wieder eingespielt haben…
Richtig, allerdings damals noch nicht in der jetzigen Version. Damals, das war der erste große Auftritt mit ihm zusammen. Ein großer Saal mit einem riesigen Orchester, das alles mit Mendelssohn, und dann noch eingesprungen für jemand anderen. In jeglicher Hinsicht war das ein entscheidender Moment. Es gibt diese Momente. Ab und zu kommen sie ins Leben. Es ist, als ob man eine Schwelle überschreitet. Ich habe es gemacht. Das war ein sehr entscheiden- der Moment. Bar Mizwa heißt, man wird zum Mann. Und da wurde ich tatsäch- lich zum Mann. (lacht)
Ihre Frau sagt: «Daniel ist wirklich deutsch geworden. Manchmal spricht er richtig norddeutsch.» Wie kommt das?
Na ja, ich lebe jetzt in Amsterdam und in Hamburg, woher sie kommt. Dort habe ich jetzt meinen zweiten Wohnsitz. Es ist mir wichtig, in Deutschland zu sein. Wichtiger als hier nur Konzerte zu spielen. Ich bin gerne in Deutschland und möchte es auch weiter sein.
Und in Berlin, wo ein Teil Ihrer familiären Wurzeln liegt?
Berlin – ich liebe Berlin. Aber ich weiß nicht. Ich traue es mich noch nicht, hier zu leben. Noch nicht. Vielleicht eines Tages, ja. Aber die ganze Entdeckungs- reise, die ich für das Buch über meine Familiengeschichte gemacht habe, ging ja meist durch Berlin. Ich habe das Gefühl, ich muss mir mehr Zeit lassen, be- vor ich mich das traue. Ich finde, dass Berlin derzeit die spannendste Stadt Europas ist, ohne Frage – vielleicht sogar der Welt. Es passiert mehr in Berlin als woanders. Ich finde das wahnsinnig spannend. Trotzdem kriege ich manchmal so ein bisschen...
Beklemmungen, weil hier überall die „deutschen Schatten“ sind, von denen Sie schreiben?
… na, das nicht unbedingt. Aber da ist natürlich sehr viel Vergangenheit für mich in dieser Stadt. Das ist schwer. Ich gehe ab und zu zu dem früheren Haus meiner Familie in Dahlem. Das ist nicht ganz einfach. Ich habe das Gefühl, ich muss noch ein bisschen mehr leben, bevor ich mich für Berlin entscheide. Aber ich schließe es nicht aus. Ich bin hier so oft und fühle mich wirklich sehr wohl.
Gleicht nicht die klassische Musik, die Sie machen, ein wenig der Erinnerungsarbeit, weil es schwer ist, sowohl für das eine wie für das andere junge Leute zu bewegen. Gleichzeitig ist es in beiden Fällen wichtig, dass sie diesen Kontakt zur Vergangenheit haben, also sich mit der Geschichte auseinandersetzen einerseits und klassische Musik hören, andererseits. Gibt es da eine Verbindung?
Ja, es gibt da nicht nur eine Verbindung, sondern auch eine Verantwortung. Wenn junge Leute überhaupt nicht in Berührung kommen mit klassischer Musik, fehlt einfach etwas. Das heißt nicht, dass man erwarten sollte, dass sie Musiker werden oder unbedingt eine Beethoven-Musik hören sollen. Aber sie sollten lernen, dass Sinnlichkeit auch in dieser Musik existiert. Ich finde das extrem wichtig. Denn es hat eine Wirkung auf die Menschen. Viel besser ist es, wenn sie selbst Musik machen, einfach nur für sich und vielleicht nur für ein, zwei Jahre. Das gibt einen anderen Zugang zum Leben. Schnell genug werden sie Manager werden, Stress haben und wenig mit Musik zu tun haben. Aber in der Zeit, in der sie jung sind und wachsen, in der Geist und Seele gefüttert werden müssen, wäre es unglaublich traurig, wenn sie in diese Welt überhaupt keine Verbindung bekämen. Das gilt auch für Literatur und für die Geschichte. Das sind Dinge, die mit Leidenschaft zu tun haben.
Sie haben mit Ihrem Konzert nun eine Art Erinnerungsarbeit geleistet. Wird es mit dem nahen Ende der Generation von Zeitzeugen wie etwa Menahem Pressler nicht immer schwieriger, junge Menschen zu einer Beschäftigung mit der Vergangenheit zu bewegen, weil die Erinnerung nur noch vermittelt ist?
Das ist richtig. Deshalb macht Steven Spielberg mit seiner Shoah Foundation etwas unheimlich Wichtiges. Heute läuft alles über die Bildschirme und das Internet. So werden die Geschichten der Überlebenden dokumentiert und leben weiter. Aber es ist natürlich kein Ersatz für einen Menschen, der vor einem steht. Ich habe etwa auch versucht, den Berliner Jazzmusiker Coco Schumann für mein Konzert in Tempelhof zu gewinnen. Coco Schumann hat die NS-Zeit, sogar Auschwitz überlebt. Er hätte das illustrieren können. Aber er hatte leider an diesem Abend nicht frei – einer der wenigen, den ich nicht kriegen konnte, und ich war sehr traurig darüber.
Aber Menahem Pressler trat dafür bei Ihrem Konzert auf und hielt eine bewegende, kurze Rede.
Wenn Menahem Pressler über die Zeit im Magdeburg spricht, von wo er in der Nazizeit fliehen musste, gibt es da schon eine Trauer. Aber das ist nicht alles. Er wurde einmal gefragt, an was er spontan denkt, wenn er sich an diese Zeit erinnert. Er sagte: die humane Hilfe, die er erhalten habe von Deutschen. Da- rüber denkt er nach! Das ist etwas, was mir unheimlich imponiert hat. Er hätte alles andere sagen können, denn er hat auch alles gesehen, mit eigenen Augen. Aber es gab etwa den Kirchenmusiker, der ihm half, heimlich an der Orgel zu üben. Es gab die Freunde, die Privatkonzerte mit ihm organisiert haben. Es gab die Menschen, die versucht haben, ihm das Leben zu retten, und die ihm halfen, 1938 aus Deutschland zu fliehen. Stolze Deutsche. Sie haben ihm etwas gegeben.