Wieder ein Sieg der Gewalt

Erneutes Blutvergießen beim Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen

 

Eine Israelin schreit im Schock.
Neben ihrem Haus in Sderot schlug am 29.12.
eine Rakete ein. Foto: dpa

Neues Jahr, neuer Krieg. Der zu Jahresende 2008 ausgelaufene Waffenstillstand zwischen israelischem Militär und der im Gazastreifen regierenden Hamas wurde von beiden Seiten zum Anlass genommen, eine neue Runde der Gewalt zu starten. Stimmen die verbreiteten Angaben, dann wird nach dem neuerlichen Blutver- gießen die höchste Opferzahl in den Palästinensergebieten seit dem Juni 1967 zu beklagen sein. Damals, im Sechs- Tage-Krieg, eroberte Israel den Gaza- streifen und das Westjordanland in einem Mehrfrontenkrieg von Ägypten und Jordanien. Diesmal wollte die israelische Armee nach anhaltendem Raketenbeschuss aus Gaza der Hamas «eine Lektion erteilen» und setzte auf das Mittel der militärischen Abschreckung. Laut israelischen Insiderberichten lag die Militäraktion mit dem zynischen Titel «Gegossenes Blei» schon einige Monate in den Schubläden von Verteidigungsminister Ehud Barak bereit.

 

«Ein halbe Million Israelis unter Beschuss», titelte die größte israelische Tageszeitung «Yediot Acharonot» am Sonntag, dem 28. Dezember, dem zweiten Tag des Krieges. Innerhalb der ersten 48 Stunden der Eskalation fielen über 140 Kassam- und Katjuscha- Kurzstreckenraketen aus dem Gazastreifen auf den Südwesten Israels. Dem voran ging ein massiver Angriff der israelischen Luftwaffe auf Einrichtungen der Hamas, der Sicherheitskräfte Gazas und auf das Tunnelsystem zwischen Ägypten und Gaza. Bei den israelischen Militärschlägen aus der Luft und von der See sollen allein in den ersten drei Tagen über dreihundert Menschen – laut Angaben der UNO dabei jeder fünfte ein Zivilist – ums Leben gekommen und über 1.400 verletzt worden sein. Als «einen Erfolg» schätzte Israels Außenministerin Tzipi Livni im britischen Nachrichtensender «BBC» die Militär- aktionen ein und erhoffte sich damit, «neue Fakten auf dem Gelände zu schaffen». Der «Feldzug im Süden» – O-Ton «Jediot Acharonot» – sollte nicht zum Fehlschlag werden, wie noch der Zweite Libanonkrieg vom Sommer 2006.

 

Auf militärischem Wege im Gazastreifen neue Fakten zu schaffen und eine Eskalation zu forcieren sei schon längere Zeit im israelischen Verteidigungsministerium angedacht gewesen, so der Analyst der israelischen Tageszeitung «Ha’aretz» Barak Ravid. Aus Quellen des Ministeriums will der Autor wissen, dass der Aktionsplan «Gegossenes Blei» bereits vor einem halben Jahre gezielte Aktionen gegen die Infrastruktur der Hamas in Gaza vorsah. Der halbjährige Waffenstillstand zwischen Hamas und Israel, der am 19. Dezember 2008 auslief, wurde bereits ein erstes Mal von israelischer Seite im November gebrochen. Damals drang die Armee nach Gaza ein und zerstörte einen Tunnel, durch den die Hamas illegale Waffenlieferungen getätigt haben soll. Nachdem in der Folge Dutzende Kassam-Raketen und Mörsergranaten von militanten Gazanern auf israelischem Boden explodierten, verabschiedete die Regierung, so Ravid, die Militäroperation per Ende Dezember. Zeitgleich nahm die israelische Luftwaffe wieder Versuche gezielter Tötungen im Gazastreifen auf. Am 27. Dezember folgte der Überraschungsschlag auf das Hamas-Hauptquartier und die Gazaner Polizeischule.

 

Die Luftangriffe auf Gaza trafen gerade im Süden Israels den Nerv der dortigen jüdischen Bevölkerung. In den ersten Tagen des Krieges schaltete das staatliche israelische Radio «Reschet Bet» stündlich live in die von Kassam- und Katjuscha-Raketen bedrohten Städte Sderot, Aschkelon und Netivot, holte Stimmen der traumatisierten Bevölkerung ein. Wütend trompete etwa ein Mann ins Mikrofon: «Wir haben acht Jahre lang geschwiegen. Sehr gut, dass wir es ihnen jetzt endlich zeigen.» Auch eine ältere Frau aus der Kleinstadt übte sich in Anfeuerungen: «Zeigt denen, dass wir eine Armee haben, einen Staat haben. Das sind Ungeheuer, die uns von unserer Erde vertreiben wollen.»

 

Auf israelischer Seite sollten in Folge von Raketeneinschlägen der Hamas nur wenige Todesopfer zu beklagen sein. Großangelegte Evakuierungen der Zivilbevölkerung, wie noch im Sommer 2006 in Nordisrael der Fall, sollten ausbleiben. Indes verschlimmerte sich die humanitäre Situation der seit zwei Jahren unter einem wirtschaftlichen und politischen Embargo leidenden 1,5 Millionen Palästinenser im 30 mal 10 Kilometer kleinen Landstreifen Gazas weiter dramatisch.

 

Als Reaktion auf die Gewalt in Gaza kam es in israelischen Regionen mit großen Anteilen palästinensischer Bevölkerung und im besetzten Westjordanland zu zahlreichen Protestkundgebungen. In den arabischen Nachbarschaften Ost-Jerusalems wurden dabei dutzende Demonstranten festgenommen. Einige Palästinenser verübten Messerattacken. Die Ankündigung der Hamas, in Zukunft wieder Terroranschläge im israelischen Kernland auszuüben, versetzte die israelische Polizei in erhöhte Alarmbereitschaft. Der Exilführer der Hamas in Damaskus, Khaled Meschal, rief derweil zur Dritten Intifada auf. Dies erscheint angesichts der aktuellen Lage unrealistisch.

 

Zu Redaktionsschluss war die offizielle Zahl der Toten beider Seiten in Folge der neuerlichen Eskalation nicht bekannt. Beide Führungen forderten indes von ihren Bevölkerungen noch einen «langen Atem» und versprachen, in dem Krieg die Oberhand behalten zu werden.

 

Ob die israelische Regierung ihrem Kriegsziel, durch das Ausschalten der Infrastruktur der Hamas und des Islamischen Dschihads die palästinensische Bevölkerung zum Aufstand gegen die eigene Führung zu bewegen, näher kommt, bleibt zu bezweifeln. «Der Hamas mit der Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode eine Lektion erteilen zu wollen», hält der israelische Journalist und Historiker Tom Segev in einem Kommentar für grundfalsch. «Hamas ist keine Terrororganisation, die die Bewohner Gazas als Geisel hält, sondern eine nationalreligiöse Bewegung, und die Mehrheit der Bevölkerung von Gaza glaubt an diesen Weg», so der Kommentator. Auch der «Ha’aretz»-Korrespondent für die Besetzten Gebiete, Gideon Levy, hält das Vorgehen der israelischen Armee für kontraproduktiv. «Israels gewaltsame Reaktion sprengt die Proportionen und übertritt jede rote Linie von Menschlichkeit, Moral, internationalem Gesetz und Weisheit», urteilt der Journalist.

 

Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», Januar 2009