Eine «unglückselige Angelegenheit»

Durch Bernard L. Madoff kollabiert
ein großer Teil der jüdischen Infrastruktur in den USA

 

Bleibt vorerst auf freiem Fuss,
wenn auch gegen Kaution: Milliardenbetrüger Bernard Madoff. Foto: dpa

Regisseur Steven Spielberg und sein Produzent Jeffrey Katzenberg haben ihm vertraut, Elie Wiesel ist ebenfalls unter den Geprellten, Mortimer Zuckerman, Inhaber der «New York Daily News», übergab ihm sein Finanzmanagement
und der Chef der US-Finanzaufsicht, Christopher Cox, gibt «Fehler der Aufsicht» im Fall Madoff zu. Bislang ist unklar, wie viel Schaden das «Finanz- genie» Bernard L. Madoff wirklich angerichtet haben könnte. Der 70-Jährige selbst setzt eine Summe in Höhe von rund 50 Milliarden Dollar an Vermögensver- lusten bei seinen Kunden an.

 

 

Begonnen hatte alles als amerikanischer Traum: Madoff hatte sich als Bademeister in Teilzeit zum Ende der 1950er Jahre exakt 5.000 US-Dollar an den Stränden von Long Island zusammengespart, mit denen er 1960 seine Firma gründete. Nach vierzig Jahren gehörte der Finanzdienstleister laut «Barron’s Magazine» zu den drei größten Unter- nehmen der von Madoff selbst gegründeten Technologiebörse Nasdaq. Die Anzahl seiner Aktienkäufe und -verkäufe rangierte an dritter Stelle an der New Yorker Börse.


Alles schien perfekt abzulaufen. Große, namhafte und populäre Kunden investierten bei Madoff, fühlten sich geehrt, von ihm betreut zu werden. Er galt als Magier im Investitionsgeschäft, der seinen Mandanten stetig bis zu 13 Prozent Gewinne erwirtschaften konnte. Pünktlich zahlte er aus, allerdings nicht aus profitablen Geschäften, sondern bei anderen Investoren sozusagen «geborgt». Die Ermittler sprechen vom «größten Betrugsfall» aller Zeiten, den der Investmentbanker verursacht haben soll und vermuten, dass während der gesamten fast fünfzigjährigen Firmengeschichte betrügerisch spekuliert worden sei.

 

Die eigenen Söhne hatten das Kartenhaus schließlich zusammenfallen lassen. Geprellt sind Superreiche wie unzählige Kleinsparer, von denen Zehntausende vor dem absoluten Nichts stehen. Investoren, die ihre Finanzierungen noch vor wenigen Tagen als gesichert bezeichnen konnten, ebenso.

 

Besonders tragisch sind die nun vorprogrammierten Pleiten von Städten und Organisa- tionen. Eine Stadt in Connecticut hat gut 15 Prozent des Pensionsfonds für die städtischen Angestellten, etwas mehr als 40 Millionen US-Dollar, in Madoffs Imperium angelegt – weg. Die Robert I. Lappin Charitable Foundation wird nach Aussagen ihrer Direktorin «wohl nicht überleben». Acht Millionen US-Dollar hatte die Organisation in Madoff Investment Securities eingelegt. Mehr als fünfzehn Jahre organisierte die Foundation ökumenische Aktivitäten, Reisen für Teenager nach Israel und Bildungsprogramme für jüdische Päda- gogen mit dem Ziel, der Assimilierung entgegenzuwirken und statt Mischehen Übertritte der nichtjüdischen Partner zu ermöglichen. Hadassah, die zionistische Frauenorganisation der USA, hat bei Investitionen mit Hilfe von Madoff 90 Millionen US-Dollar verloren. Allein in diesem Jahr operierte die Organisation mit 100 Millionen US-Dollar im Unternehmen Madoffs, die fast vollständig in zwei größere Krankenhäuser in Jerusalem fließen sollten. «Die Situation ist schwer, aber nicht katastrophal», bestätigten die Klinikleitungen, denen 10 Prozent des Gesamtbudgets weggebrochen ist.

 

Das Imperium Madoffs ist derart verzweigt, dass diese Begünstigten wohl nicht die ein- zigen bleiben werden, die über Madoff stolpern ohne wieder aufzustehen. Die gesamte, über Jahrhunderte geschaffene Infrastruktur des amerikanischen Judentums ist durch seinen Dauerbetrug finanziell schwer angeschlagen. Als Vorsitzender der Sy Syms Business School und als Schatzmeister des Board of Trustees der Yeshiva University New York trat Madoff vorsorglich zurück. Uni-Sprecherin Hedy Shulman wollte zwar kein offizielles Statement abgeben, erklärte jedoch bei einem im Raum stehenden eventuellen Verlust in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar: «Unsere Anwälte und Buchhalter untersuchen alle Aspekte von Madoffs Beziehungen zur Yeshiva University. Wir warten mit unseren Kommentaren bis nach Beendigung dieser Prüfungen.»

 

Die Summe kam durch eine Veröffentlichung der Uni-Zeitung ans Licht. Die Chais-Familienstiftung in Kalifornien hatte jedes Jahr knapp zwölf Millionen US-Dollar zugunsten von Projekten in der ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa ausgelobt, darunter an die United Jewish Communities und das American Jewish Joint Distribution Committee. In Israel ist das Technion in Haifa betroffen, dessen Finanzmanager 6,5 Millionen US-Dollar Verlust bekanntgegeben haben, auch israelische Projekte der Chais-Stiftung werden aufgeben müssen.

 

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Madoff hat die Eitelkeit des jüdischen Establishment gnadenlos ausgenutzt. Nur die Mitgliedschaft in einem exklusiven Country Club in Palm Springs, dem Madoff angehörte, zählte. Hunderttausende Dollar waren etliche Mitglieder der ersten Garde der amerikanischen Finanzwelt bereit, in eine Club-Mitgliedschaft zu investieren, nur um «Bernie» am Pool vorgestellt zu werden. Dabei hätte hier mehr als sonst irgendwo gelten können: «Beim Geld hört die Freundschaft auf!», schließlich waren die potentiellen Club-Gänger schon vor dem Kontakt zu Madoff nicht unvermögend: Eine Mindestinvestition von einer Millionen US-Dollar sowie die Oberaufsicht über alle weiteren finanziellen Engagements setzte Madoff bei seinen Kunden grundsätzlich voraus.

 

Inzwischen haben unzählige wohlhabende Juden in ganz Amerika, aber auch in Israel und Europa, schlichtweg alles verloren. Institutionen, wie die Chais-Stiftung, die ihr gesamtes Kapital blindlings einem einzigen Finanzmanager anvertraut hatte, ebenso, wie Avraham Infeld, Präsident der Stiftung, bei Verkündung des Schließungsaktes bestätigte. Gary Torbin, einer der führenden jüdischen Philantrophen und Präsident des Institute for Jewish and Community Research, bezeichnete den Betrug Madoffs als den «grössten Skandal in der Geschichte der gemeinnützigen Förderung, an den sich überhaupt jemand erinnern» könne.

 

Madoff ist gegen eine Kaution von zehn Millionen Dollar gegenwärtig wieder frei. Dies spricht gegen seine Behauptung, selbst sein gesamtes Vermögen verloren zu haben. Einer seiner Anwälte erklärte, Madoff sei entschlossen zu kämpfen, um diese «unglückselige Angelegenheit» aus der Welt zu schaffen, sei eine «integre Persönlichkeit», eine «bestens etablierte Führungsfigur in der Industrie der finanziellen Dienstleistungen» mit tadellosem Ruf. Das Judentum Amerikas sieht das anders: Jonathan Sarna von der Brandeis Univer- sity, einer der führenden Historiker zur jüdischen Geschichte, erklärt: «Es ist eine Katas- trophe – und es gibt kein anderes Wort dafür. Die jüdische Gemeinschaft unseres Landes wird anderes aussehen, wenn das hier vorbei ist!» In Israel bestreiten Krankenhäuser, Universitäten, Synagogen und gemeinnützige Organisationen bis zu zwanzig Prozent ihres Budgets aus Zuwendungen amerikanisch-jüdischer Philantrophen.

 
Nur einige wenige haben in den letzten Jahren den Versuchungen des schnellen Geldes von «Bernie» widerstanden: Der 95-jährige Carl Shapiro konnte bestätigen, dass seine Shapiro Foundation nicht nur alle derzeitigen Verpflichtungen erfüllen kann, sondern dies auch für die Zukunft gesichert ist. Inzwischen spricht «Associated Press» von einer Billionen US-Dollar Schaden. Tendenz: steigend.

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Januar 2009