«Wir sind die Hebammen»
Neubeginn der Berliner Jüdischen Volkshochschule
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Der österreichische Journalist Karl Pfeifer, Titelfigur des neuen Films von Mary Kreutzner. Foto: J. Zinner |
Mal ganz ehrlich: Wie liest sich das Programm einer Volkshochschule? Zugegeben, nicht wirklich spannend. Noch immer haben vieler dieser Bildungseinrichtungen deutschlandweit den Mief von Nachhilfeklippschulen für solche, die es auf dem «normalen» Bildungsweg nicht geschafft haben, oder von Strickkursen für Seniorinnen mit sich herumzuschleppen.
Die Berliner Jüdische Volkshochschule will sich nun davon abheben – und mit dem am 19. Januar beginnenden Trisemester hat sie auch die Chance dazu. Nach vielen, manche meinen ja, zu vielen, Jahren unter der bisherigen Leitung hat sich einiges eingeschliffen, das nun weichen muss und soll. Nun ja, nicht ganz! Selbstverständlich wird die Jüdische Volks- hochschule Berlin nach wie vor Sprachkurse in Ivrit, Deutsch-Intensivkurse für Zuwan- derer, israelische Volkstänze oder zum Jüdischen Jahr und dessen Bräuchen, Feiertagen und Traditionen mit Besuchen in Gottesdiensten anbieten. Warum auch sollte man sich von Bewährtem und Erfolgreichem trennen. Man habe sich «nicht verabschiedet, sondern ergänzt!», erklären mir meine Gesprächspartnerinnen.
Denn drei Damen gehen nun ein paar neue Wege: Gala Grodynskaia ist seit Mitte Dezember Leiterin der Schule, viele Jahre war sie in der ehemaligen UdSSR schon erfolgreich als Stellvertretende Schuldirektorin tätig. «Hier in Berlin ist die Volkshoch- schule seit 18 Jahren meine erste Arbeitsstelle – und wird sicherlich auch meine letzte sein!», lacht Gala. «Das Kind ist gelungen», sagt sie zum neuen Programmangebot und -format, in dem sie selbst nicht nur die Leitung innehat, sondern ihre Sprachkurse fort- setzen will. Ihr zur Seite stehen zwei Beraterinnen: Elvira Grözinger, die einen reichen Erfahrungsschatz aus dem Aufbau der Jüdischen Volkshochschule in Frankfurt am Main mitbringt und sich auf geschichts-, sprach- und religionshistorischem Gebiet einen Namen gemacht hat, der recht weit über Deutschland hinausreicht. Sigalit Meidler-Waks, die gegenwärtig ihre Promotion abschließt, ist die Dritte im Bunde. Die nächste, die junge Generation an jüdischen Geisteswissenschaftlern wird von ihr vertreten.
Was aber haben sich die drei Damen denn nun essentiell Neues einfallen lassen?
«Ziel ist es, unser Haus lebendiger zu machen», stellt Grodynskaia energisch in den Raum. Das kann auch heißen: Das Haus zu verlassen: Im neuen Trisemester werden erstmals Sonntagsmatineen an verschiedenen Orten angeboten, an jedem 2. Sonntag um 11 Uhr beginnend. Den Anfang macht die Deutschland-Premiere des Films «Zwischen allen Stühlen» zu den Lebenswegen des Journalisten Karl Pfeifer. «Wie kann es denn Lebens- wege, also den Plural, geben?», will ich wissen. «Sei nicht so neugierig, komm lieber vorbei», lacht Grözinger und lässt mich den Veranstaltungstermin 11. Januar um 11 Uhr im Kino «Die Kurbel» in der Charlottenburger Sybelstrasse in den Kalender schreiben. Der Filmpremiere folgen ein Vormittag mit dem Gesandten der Botschaft Israels, Ilan Mohr am 22. Februar, ein Konzert mit Jasha Nemtsov am 1. März oder eine Begegnung in englischer Sprache mit den Rabbinerinnen Dalia Marx und Gesa S. Ederberg zur Gleichberechtigung von Frauen im Judentum.
Auch Englisch
Zumindest ein Programmangebot wird ab sofort in englischer Sprache offeriert, ein weiteres auf Russisch. Für das nächste Trisemester ist sogar eine Erweiterung auf Hebräisch vorbereitet, um den vielen zugewanderten Israelis, die als Designer, Foto- künstler oder Schauspieler in Berlin leben, in der eigenen Sprache unsere Stadt nahezu- bringen. «Nach New York, und noch vor Barcelona, ist Berlin die wichtigste jüdische Stadt der Welt», sind sich die drei Damen einig. «Jüdische Künstler von überall kommen hierher, weil andere jüdische Künstler von überall auch hier sind», ergänzt Aharon Risto Tähtinen, Mitglied des erweiterten Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und damit Dienstherr der Volkshochschule.
«Eine wichtige Zielgruppe werden auch jüdische Eltern sein», meint Grözinger, die dazu Angebote in Zusammenarbeit mit anderen jüdischen Organisationen in petto hat. «Die Kommunikation zwischen Juden und Nichtjuden muss uns nicht nur wichtig sein», so Meidler-Waks, «davon hängt auch unsere Existenz ab», schließlich seien etwa 70 Prozent der Hörer nichtjüdisch.
Den unterschiedlichen Strömungen im Judentum wird künftig stärker Rechnung getragen. «In jedem Trisemester wollen wir eine Richtung intensiver in den Mittelpunkt rücken – und dann in jedem Veranstaltungskonzept mehr oder weniger deutlich verankern. Ab Januar wird es das liberale Judentum sein», erläutert Grodynskaia. Sie weist besonders auf die neu eingerichteten Abendkurse hin, die an den unterschiedlichsten Orten jüdischen Lebens in Berlin alle nur denkbaren Veranstaltungsformen beinhalten: Vom klassischen Konzert über einen informativen Vortrag bis zum gemeinsamen Kochen oder dem Gebet an einem vergessenen Ort. «Hier könnte ich mir vorstellen, dass viele nichtjüdische Berliner dabei sein wollen, die sich sonst kaum trauen würden, sich in größeren Gruppen und noch dazu öffentlich über das Judentum kundig zu machen.»
Tähtinen begleitet den Neuanfang optimistisch. «Wir werden mehr Rabbiner, Gelehrte und externe Fachleute der verschiedensten Bereiche unter unseren Gästen, Vortragenden und Lehrern haben. Wir müssen dabei immer und immer wieder die besondere Spezifik einer Jüdischen Volkshochschule betonen: Klimakatastrophe, Finanzkrise oder Sterbehilfe können für uns Themen sein – aber immer werden wir das mit jüdischen Antworten begleiten und unsere Hörer anregen, sich damit zu befassen, welche Lösungsansätze die Thora bieten könnte.»
Das Programm des neuen Trisemesters steht. Schon denkt das Quartett weiter, denn die Zeit rennt. «Die jüdische Küche könnte ab Herbst ein Thema sein», erfahre ich «schließlich sind Koch-Shows im Fernsehen der Renner – und warum sollen wir davon nicht profitier- en». Die jüdische Kunst wird breiteren Raum bekommen, «Jüdisches im Internet» soll ein Computerkurs heißen, Medizinethik wird als größeres Thema über das Frühjahr vorbe- reitet, ein Newsletter eingerichtet und nach neuen jüdischen wie nichtjüdischen Koopera- tionspartnern gesucht. Schon im beginnenden Trisemester soll die Zusammenarbeit mit dem Seniorentreff vertieft werden.
Gleiche Gebühren
Teurer indes wird die Teilnahme an den Kursen nicht. Nach wie vor trägt der Senat 50 Prozent der Kosten, die andere Hälfte kommt von der Gemeinde. Die Staatsgelder gehen in die Programmarbeit und Grodynskaia hofft, dass es im neuen Haushaltsjahr nicht zu Kürzungen kommen wird. Daher sind zweckgebundene Spenden an die Jüdische Gemein- de in Berlin, ein Sponsoring einzelner Veranstaltungen oder Reihen sowie ein Sachspon- soring in moderne Vortragstechnik Themen, die alle drei Damen gemeinsam mit Tähtinen in die Berliner Wirtschaft und Gesellschaft tragen wollen.
Am 18. Januar kann man sich für die Kurse und Veranstaltungen des neuen Trisemesters anmelden, das vom 19. Januar bis zum 27. März geht. Genauere Programminformationen gibt es etwa ab Anfang Januar im Internet unter www.jvhs.de. Noch muss man zur An- meldung persönlich in die Fasanenstrasse 79/80 in Berlin-Charlottenburg gehen, Gebühren bar einzahlen und sich in dicke Listen eintragen. Das altbackene Procedere verwundert mich etwas – doch ich werde beruhigt: «Auch da werden wir etwas wirklich Neues an- fangen müssen!»
Ein Wehmutstropfen bleibt, vielleicht auch nur für mich. Mit dem Weggang der alten Leiterin hat sich die Jüdische Gemeinde Berlin zugleich das Zepter über ihr Jewish Film Festival aus der Hand nehmen lassen, das nun privatwirtschaftlich als Roadshow durch ganz Deutschland touren und das jüdische Kulturleben, vor allem in kleineren Gemeinden, bereichern soll. Und wieder habe ich sofort eine beruhigende Hand auf der Schulter: «Wenn sie nicht mehr will – oder nicht mehr kann – gehen sämtliche Rechte an die Gemeinde zurück!», versichert mir Tähtinen.
Das alles klingt vielversprechend, ambitioniert und lässt neugierig werden, hoffentlich auch den einen oder anderen Kollegen in jüdischen Volkshochschulen anderswo, mit denen sich meine Interviewpartner perspektivisch eine breite Palette an Kooperationen vorstellen können. Ein Anruf würde genügen, sind sich die Damen einig.
Lutz Lorenz